Von Hans Hielscher
Jazzmusiker nennen diese Kompositionen aus anderen Musikgenres Standards und nutzen sie als Grundlage für ihre Improvisationen. Zu Standards aufgestiegen sind auch Stücke von Jazzgrößen, etwa "Satin Doll" von Duke Ellington und "Round Midnight" von Thelonious Monk. Popsongs von Stevie Wonder, Peter Gabriel und den Beatles produzierte Herbie Hancock 1996 als Jazzversionen und nannte sie "The New Standard".
Alt oder neu, die jungen Spitzenjazzer von heute nutzen Standards fast nur noch als Futter für Jamsessions. Sie spielen lieber "Originals" - Eigenkompositionen. So sind bei den Vorstellungsrunden von Nachwuchsgruppen aus Deutschland und Europa auf der seit 2006 stattfindenden Bremer Fachmesse "Jazzahead" praktisch keine Standards zu hören. Wer sich immer noch an "All the Things You Are" oder "The Lady Is a Tramp" erfreut, scheint als Typ von gestern zu gelten.
Dabei schließen sich Modernität und Arbeit mit Standards keineswegs aus: Keith Jarrett, der vielleicht bedeutendste Pianist des zeitgenössischen Jazz, bildet seit 1983 mit dem Bassisten Gary Peacock und dem Drummer Jack DeJohnette das auf traditionelle Stücke spezialisierte "Standard-Trio". "Jazzmusiker müssen nicht immer neue Türen aufstoßen", sagt Jarrett, "wenn auch in den Räumen großartige Musik vorhanden ist."
"Summertime" mit elektronischen Beats
Ein Beispiel dafür, wie Standards als Fundgrube und Anregung genutzt werden können, ist die CD "Summertime Opium" des Münchners Michael Hornstein. Der Tenorsaxofonist mit dem urigen Ton beherrscht die Tricks der elektronischen Lounge Music. So nutzt er Effekte des 21. Jahrhunderts, wenn er mit seinem Quartett über Standards wie das fast hundert Jahre alte "Bésame Mucho" und Gershwins "Summertime" improvisiert. Rein akustisch arbeitet dagegen der Sänger und Saxofonist Curtis Stigers; sein neues Album enthält Evergreens wie "My Funny Valentine" und "Bye Bye Blackbird". Originell wirken die bekannten Titel, weil sie phantasievoll arrangiert wurden.
Zwölf Standards aus dem Repertoire von Billie Holiday singt die unvergleichliche Dee Dee Bridgewater auf ihrer Hommage-CD an die vor 44 Jahren verstorbene Jazzikone. Als Schauspielerin hatte Bridgewater Billie Holiday in der Bühnenproduktion "Lady Day" in Paris und London verkörpert. Voraussichtlich wird ihre CD mit James Carter (Saxophon, Klarinette), Edsel Gómez (Piano), Christian McBride (Bass) und Lewis Nash (Drums) die spannendste Neuerscheinung des jungen Jahres.
Ende Januar bringt die einstige Bundesjugendjazzorchestervokalistin Barbara Bürkle dann noch ihr Debütalbum heraus. Es enthält Stücke wie "My Favourite Things", und zur Miles-Davis/Bill-Evans-Komposition "Boplicity" hat die Sängerin sogar einen eigenen Text gedichtet. Die Standards leben.
(Die Tageskarte Jazz erscheint im neuen Jahr 14-täglich mittwochs, das nächste Mal am 20. Januar.)
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Zum Thema Jazzstandards gibt es ein schönes Buch von Hans-Jürgen Schaal und einigen Mitautoren, hier kann man mehr darüber erfahren: http://www.herrenzimmer.de/196.html mehr...
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