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15.01.2010
 

Boom-Geschäft Popkonzerte

"Viele Bands spielen immer noch fast für umsonst"

Musik wollen wir am liebsten umsonst, aber für Konzerte ist uns fast jeder Preis recht. Warum eigentlich? Im SPIEGEL-ONLINE-Interview erklärt der britische Musikprofessor und Rockkritiker Simon Frith, was hinter dieser Verschiebung steckt - und was sie für die Künstler bedeutet.


SPIEGEL ONLINE: Konzerttickets sind so teuer wie noch nie: Die derzeit günstigsten Karten für die kommende Deutschlandtour der Rockband U2 kosten zum Beispiel über 90 Euro. Warum sind wir bereit, immer mehr Geld für Konzerte auszugeben?

Frith: Das liegt vor allem daran, dass wir mehr Geld für Konzerte zur Verfügung haben, weil wir kaum noch etwas für CDs oder Schallplatten ausgeben. Von einem gleichbleibenden Musikbudget von hundert Euro im Monat haben Sie sich vor einigen Jahren wahrscheinlich noch hauptsächlich Alben gekauft. Heute geben Sie vielleicht noch zehn Euro für ausgewählte Downloads aus und können so problemlos 90 Euro für ein Konzert ausgeben. Das heißt aber nicht, dass die Leute Konzerte heute als inhärent wertvoller einschätzen. Live-Auftritte haben im Vergleich zu Tonträgern ökonomisch einen anderen Stellenwert erhalten, einfach weil CDs so abgewertet wurden.

SPIEGEL ONLINE: Jenseits der wirtschaftlichen Aufwertung hat sich das Konzert als Live-Erfahrung also nicht verändert?

Frith: Die Live-Erfahrung ist schon immer zentraler Bestandteil des musikalischen Erlebens und des Fantums gewesen. Wer würde schon sagen: "Tolle Band, aber live würde ich die nie sehen wollen"? Man muss den Trend zu unglaublich hohen Ticketpreisen aber auch einordnen: Das betrifft nämlich nur das obere Ende von Künstlern - also U2 oder die Rolling Stones. Viele Bands spielen immer noch fast für umsonst und müssen um jeden Auftritt kämpfen.

SPIEGEL ONLINE: Wann fing es mit den steigenden Ticketpreisen an?

Frith: Das ging schätzungsweise Mitte der neunziger Jahre in den USA los. Damals fingen die CD-Preise an zu sinken. Den Bands brachen daraufhin die Einnahmen weg, und der finanzielle Druck stieg, sich eine neue Geldquelle zu suchen. Später, durch die Digitalisierung, hat sich dieser Trend natürlich drastisch verstärkt. Wobei die Musikindustrie auch von der Digitalisierung profitiert hat: Seitdem man Tickets online bestellen kann, kommt man viel leichter an sie heran. Große Touren können so zentral organisiert werden, was sie viel effizienter macht. Konzertagenturen wie Livenation können insgesamt globaler agieren - was ihren Einfluss enorm gesteigert hat.

SPIEGEL ONLINE: Was bedeutet es für die Künstler, wenn ihre Auftritte und damit ihr persönliches Erscheinen wichtiger werden? Gewinnen sie an Macht?

Frith: Die Künstler, die bereits Macht haben, werden dadurch noch mächtiger. Sie erhalten einen viel größeren Anteil an Einnahmen aus Konzerten als aus Plattenverkäufen - an Verkäufen haben vor allem die Plattenlabels verdient. Ganz neu ist diese Entwicklung aber nicht. Die Rolling Stones verdienen seit wahrscheinlich 20 Jahren mehr an ihren Touren als an ihrem jeweils aktuellen Album. Wenn die touren, kaufen sich die Leute danach höchstens noch den Back-Katalog. Studien haben übrigens ergeben, dass es da eine gewisse Regelmäßigkeit gibt: Nach zehn bis zwölf erfolgreichen Jahren im Geschäft werden Konzerte für die meisten Bands zur wichtigsten Einnahmequelle.

SPIEGEL ONLINE: Profitieren große Acts nur wirtschaftlich - oder verleihen ihnen die Einnahmen auch mehr künstlerische Freiheit?

Frith: Das hängt von der Band ab. U2 verdienen an ihren Touren eindeutig so viel, dass sie es in die Shows reinvestieren und echte Spektakel bieten können - wie auch Madonna oder Britney Spears. Radiohead sind mit dem kommerziellen Erfolg auch experimentierfreudiger geworden.

SPIEGEL ONLINE: Was sind die Folgen für kleinere Bands?

Frith: Sie profitieren von dieser Verschiebung noch nicht. Ihnen fehlt das entsprechende Publikum - sowohl die reine Masse an Menschen als auch der Ruf, das hohe Eintrittsgeld wert zu sein. Neue Bands müssen ihre ersten Touren mittlerweile selbst subventionieren, bis sie sich eine signifikante Fangemeinde erspielt haben. Sie leiden deutlich stärker darunter, dass Plattenfirmen nicht mehr bereit sind, diese Anfangsinvestitionen zu tätigen.

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insgesamt 56 Beiträge zum Forum...
Die neuesten Beiträge:
19.01.2010 von hausmeister_krause: Popkonzert

Schön für die Amis, daß dort die CDs billiger geworden sind - hier in D zahlt man/frau weiterhin Inflationspreise für aktuelle Produktionen: hatte uns die Musikmafia bei Einführung der CD noch versprochen, die Dinger würden mal so [...] mehr...

16.01.2010 von mintale: Alles Grau?

Na super, endlich mal einer, der was von Musik versteht. Damit scheidet die gesamte Klassik aus. Ebenso der Jazz. Kirchenmusik sowieso. Chöre... Gut, wenn man nur sein Sofa, seinen Laptop und die Billigsoundkarte kennt, [...] mehr...

15.01.2010 von ohno: Och.

Korinthenkacker. Und das war jetzt komplett "für umme". mehr...

15.01.2010 von Hovac: Teuer?

Konzerte sind eigentlich billig wie nie, da durch die einfacheren Mitteilungsmöglichkeiten viel mehr kleine Konzerte in Diskotheken etc. ihr Publikum gezielt ansprechen können. 10 Euro Konzerte sind für mich eigentlich die Regel, [...] mehr...

15.01.2010 von Hovac: Klatschen

Wenn man das klatschen hören kann ist die Musik zu leise. Ab ca. 2000 Zuschauern hört ein Konzert aber irgendwie auf Konzert zu sein, (weitläufige Festivals ausgenommen) dass sitzen sehe ich ähnlich, wie funktioniert das? mehr...

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Zur Person

Simon Frith, geboren 1947, ist Musikprofessor an der Universität Edinburgh und gehört zu den einflussreichsten Poptheoretikern Großbritanniens. Als Rock-Kritiker schrieb er unter anderem für "Village Voice" und "Sunday Times". Als Vorsitzender leitet er seit ihrer Gründung 1992 die Jury des renommierten Mercury-Musikpreises. Zu Friths bekanntesten Büchern zählen "Sound Effects" und "Performing Rites: On the Value of Popular Music".


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