Von Sebastian Hammelehle
Die konterrevolutionärste Jugendkultur der USA ist das Preppytum, seine Vertreter, die Preppys, sind das, was in Deutschland lange Zeit die Popper waren: Privilegiert, wohlhabend, politisch eher rechts stehend. Und immer so gekleidet, als wären sie auf dem Sprung, um im Kühlschrank ihrer Yacht nachzuschauen, ob der Champagner schon kalt ist: pastellgelber Pullover, rosafarbenes Polohemd, Bundfaltenhosen.
Wenn eine Popband da, wie nun Vampire Weekend, ihr Album "Contra" nennt und auftritt wie eine Gruppe Preppys, muss sie Probleme bekommen.
Und so ist Ezra Koenig, der Sänger des Quartetts aus New York, anlässlich des Erscheinens des neuen, zweiten Albums in Interviews, egal, ob sie in den USA, in England oder in Deutschland stattfinden, ausführlich damit beschäftigt, die eigene Ästhetik zu erklären: "Nach unserer ersten Platte schrieb jemand, etwas an unserer Band erinnere ihn an den Konservatismus der Reagan-Ära. Unglaublich!"
Bomben und Socken
Das Debütalbum von Vampire Weekend erschien 2008, es war eine der Platten des Jahres - der Sound der Band war von Afrobeat und Früh-Achtziger-Gitarrenpop gleichermaßen beeinflusst, so sommerlich wie smart. Auf dem Cover war ein Kronleuchter zu sehen, im Inneren des Booklets das Foto von einem Paar weißer Bootsschuhe. Im Video zur Single "Mansard Roof" saß die ganze Band auf einem Segelschiff - junge Neu-Engländer, so sorglos wie reich und republikanisch, könnte man glauben.
Doch Koenig sagt: "Meine Familie sind Erz-Demokraten, Super-Linksliberale. Sie kommt aus der Arbeiterklasse. Wenn ich tatsächlich glauben würde, dass ein Polohemd ein Zeichen konservativer Gesinnung sei, würde ich es nicht anziehen. Aber ich glaube, es ist reaktionärer, jemanden anhand seiner Kleidung einzuordnen."
Aufgewachsen ist Ezra Koenig in Glen Ridge, das liegt nicht einmal in Neu England, sondern in New Jersey - überregionale Bedeutung erlangte der Ort bislang höchstens als Heimat von Tom Cruise. Die für ihn prägende Preppy-Ästhetik der dortigen Provinz-Upper-Class erlebte Koenig - wie auch die anderen Mitglieder seiner Band - als relativer Außenseiter: als Sohn von Künstlern aus New York.
Mona Lisa im Polohemd
"In Manhattan konnten sich meine Eltern keine bessere Wohnung leisten, also sind sie in einen Vorort gezogen." Ihre Wurzeln habe seine Familie in der jüdischen Arbeiterklasse - dass aus genau dieser unterprivilegierten Schicht auch der prägende Modemacher der Preppy-Ästhetik kommt, ist da nur eine weitere konsequent inkonsequente Volte der amerikanischen Stilgeschichte: Ralph Lauren wuchs in der Bronx, ganz in der Nähe von Koenigs Vater, als Kind von Emigranten in der jüdischen Unterschicht auf.
Mit dem zweiten Album "Contra" perfektioniert die Band nun ihren Auftritt - allein schon das Plattencover ist vielschichtiger als es auf den ersten Blick wirkt: Darauf ist eine junge, blonde Frau zu sehen. Ihr außergewöhnlich entgeisterter Blick kann den Betrachter nicht vom Markenlogo auf ihrem Polohemd ablenken. Es ist das Pferdchen von Ralph Lauren.
Koenig erzählt, es handele sich um ein Originalfoto aus den Achtzigern, die Band habe sich dafür entschieden, weil das Gesicht der Dargestellten es an Undurchschaubarkeit mit der Mona Lisa aufnehmen könne - eine lobenswert bildungsbürgerlich daher kommende Erklärung. Das Polopferd habe man bewusst nicht weg retuschieren lassen; auch wenn die Band deshalb den Vorwurf, es handele sich dabei um Product Placement in Kauf nehmen müsse: "Das ist es nicht. Aber das Foto hätte ohne das Logo einfach schlechter ausgesehen."
So erweist sich genau dieses Pferd als das entscheidende Statement der Band: Hier bedeutet Markenpiraterie einmal nicht das Fälschen eines Originals, sondern die beherzte Aneignung einer Ästhetik, die bislang einem anderen Lager vorbehalten war.
In "Mad Men", der preisgekrönten, in ihrer Millieuschilderung sehr genauen amerikanischen Fernsehserie, gibt es eine sinnbildliche Szene: Der archetypische, so reaktionäre wie etablierte Ostküsten-Vater eines der Hauptprotagonisten schimpft über dessen Job in der Werbebranche, der unseriös und eines weißen Mannes nicht würdig sei - er trägt dabei zur Illustration seines Standes exakt den Preppylook, den auch Vampire Weekend heute vorführen.
Vampire Weekend aber sind Linke. Sie haben sich der Kleidung der amerikanischen Ostküsten-Rechten bemächtigt - und schlagen diese und ihre Geistesbrüder so mit deren eigener Strategie: War es bislang doch der Lauf der Popgeschichte, dass die Ästhetik, wenn nicht die gesamte Lebenskultur der Linken, im Lauf der Jahre von Leuten, die alles andere als links sind, aufgesaugt und umgewertet wurde. Egal ob Hippie-, Punk-, oder andere Underground-Mode: Die Ästhetik der einstigen Gegenkulturen ist heute für jedermann frei verfügbar und kaum noch mit politischer Bedeutung aufgeladen.
Doch mögen die popkulturellen Codes im Jahr 2010 auch frei flottieren - Vampire Weekend zeigen: es kommt noch immer darauf an, wie man sie einsetzt.
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Unterschreibe ich voll und ganz. Gerade im Bereich Musik werden die SpOn-Artikel immer flacher. Aber sie müssen sich halt irgendwas aus den Fingern saugen, die armen Praktikanten, sonst ist ihr prekärer Arbeitsplatz bald futsch. [...] mehr...
Ich habe mich auch sehr gewundert über dieses etwas engstirnige "Markendenken" (sorry für den Neologismus). Soweit ich weiß, waren die Jungs von Vampire Weekend Studenten an der Columbia University, die, wie mein [...] mehr...
Der 'prep' look wird also der US Ostküsten-Rechten zugeordnet. Meiner Auffassung nach orientiert sich dieser recht traditionelle Stil eher an den renomierten Ivy League Universitäten der US Ostküste. Dass dort nur neokonservative [...] mehr...
Wenn man dem Mädel die Haare färbt, wird es möglicherweise auch blond. mehr...
eventuell besteht auch die möglichkeit, dass jeder anzieht was ihm gefällt. zudem zeugt es von ignoranz eine band nach ihren klamotten zu beurteilen. dieser artikel ist alles in allem nur arm. mehr...
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