Spoon - "Transference"
(Anti/Indigo, 22. Januar)
Irgendwann, es muss so um 2005 herum gewesen sein, glichen Gespräche mit Spoon-Sänger Britt Daniel einer dieser seltenen Unterhaltungen mit Rivers Cuomo von Weezer, der, als seine Band noch relevant war, zuweilen Angst davor hatte, in Deutschland zu touren. Begründung: Es seien sicher nicht genügend Weezer-Fans vorhanden, um einen Club zu füllen. Britt Daniels Skepsis aber erwies sich als begründet: Als Spoon mit dem Weltklasse-Album "Kill The Moonlight" in deutschen "Weltstädten" gastierten, begrüßten sich die Sammler-Fexe mit Handschlag, zu "Gimme Fiction"-Zeiten blickte man im Vorprogramm von Interpol in irritierte Jungmädchen-Minen. Da Spoon in der amerikanischen Heimat mittlerweile mittelgroße Hallen ausverkaufen und Filme oder Fernsehserien untermalen, erwarten stahlbaderprobte Marktforscher nun den ganz großen Wurf. Der Fehler bei dieser Überlegung besteht darin, dass Spoon dieser "ganz große Wurf" bereits gelungen ist: Mit der letzten, in Sound, Style und Songwriting kaum noch zu verbessernden Platte "Ga Ga Ga Ga Ga". Im Vergleich dazu gibt sich "Transference" schroff und weiterhin unwillig, einer Schubladisierung zuzustimmen: "Got Nuffin" ist Daniels größtmögliche Annäherung an Joy Division, "The Mystery Zone" Neo-Soul, der den kühlen Groove von "Don't You Evah" (von "Ga Ga Ga Ga Ga") evoziert, und "Out Go The Lights" ist das bekümmerte Nachtstück, dessen Refrain dir langsam den Ast absägt, auf dem du sitzt. Das Schönste an "Transference" ist aber nicht, dass "I Saw The Light" so heißt, weil Britt Daniel Todd Rundgren eben auch noch mag. Das Schönste an "Transference" ist die Tatsache, dass man keiner Band dieses Planeten, die auf den endgültigen Durchbruch drängt, empfohlen hätte, dieses Verweigerungsalbum bei der Plattenfirma einzureichen.
(8) Jan Wigger
Midlake - "The Courage Of Others"
(Bella Union/Cooperative/Universal, 29. Januar)
Letzte Ausfahrt Softrock: Schon bei den ersten Flötentönen von "Acts Of Man" fühlt man sich so aufgehoben und zu Hause wie bei Americas "Lonely People", wie bei Breads "Make It With You", Dan Fogelbergs "Longer" und Gilbert O'Sullivans "Nothing Rhymed". Hipster, aufgepasst: Midlake mögen Teil des anerkannten Indie-Kanons sein, doch ihr hört hier die Musik eurer Eltern! Davon abgesehen stehen Midlake vor dem gleichen Problem wie Spoon: Wie lässt man einem Meisterwerk ("The Trials Of Van Occupanther") ein zweites folgen? Im Gegensatz zur "Occupanther"-Großtat gibt es auf "The Courage Of Others" kaum noch Brüche, kaum noch Songs, die aus dem Rahmen (der hier eine Pastorale rahmt) fallen. Zum üppigen, angenehm gleichförmigen Gesamtklang von "The Courage Of Others" kam es deshalb, weil Tim Smith die Band an einem toten Ende angelangt sah: "I wanted it to be better and better, but it wasn't happening. The music just didn't move me." Später, viel später fielen ihm der gloriose Ausklang "In The Ground" ein, dann das märchenhafte "Core Of Nature". "Into the core of nature/ No earthly mind can enter". Goethe, ganz recht.
(8) Jan Wigger
Dominique A - "La musique"
(Le Pop Musik/Groove Attack, 22. Januar)
Als Dominique Ané vor fast 20 Jahren sein erstes, selbstproduziertes Album "La Fossette" (das Grübchen) voll billiger Elektro-Sounds herausbrachte, den Sonntag feierte ("Vivement Dimanche") oder überlegte, wie man am besten durch den Winter kommt ("Fevrier", "Passé L'hiver"), war das eine kleine Sensation. Denn als einer der ersten seiner Generation traute sich der junge Franzose, in seiner Muttersprache zu singen. Seinem Reigen wunderschöner kleiner Pop-Melodien folgten Künstler, die heute wie Dominique A selbst zur ersten Garde des Neo-Chansons gehören: Yann Tiersen, Francoiz Breut, Katerine, Benjamin Biolay, Jérôme Minière. Mit "La Musique" kehrt der in Frankreich als Superstar gefeierte Ané nun zu diesen Wurzeln zurück: Wieder spielte er fast alle, vorwiegend elektronischen Instrumente selbst und konzentrierte sich ganz auf seine Songs. Befreit vom instrumentalen Ballast seiner letzten Alben, kommt nun wieder die Essenz zum Vorschein: Sehnsüchtige Melodien, die immer gerade noch genug Leichtigkeit und entwaffnende Aufrichtigkeit besitzen, um Kitsch und Pathos zu vermeiden. Dominique As Spektrum reicht von schnellen, an den Bombast von Placebo erinnernden Hymnen ("Nanortalik") über sphärische Balladen, deren subtile Arrangements Depeche Mode alle Ehre machen würden ("Qui-es tu?", "La Musique") bis zu monoton-monumentalen Industrial-Rocknummern wie "Je suis parti avec toi". Nach Benjamin Biolays erstaunlichem Doppelalbum "La Superbe", das vor wenigen Wochen erschien, zeigt "La Musique", dass Frankreichs Nouvelle Chanson kein flüchtiger Trend war - und die Protagonisten der ersten Stunde gereifte, erwachsene Songwriter sind.
(8) Andreas Borcholte.
Eels - "End Times"
(Vagrant/Cooperative/Universal, 22. Januar)
In Teilen ist dies Mark Oliver Everetts bisher stillste Songsammlung geworden, seine düsterste (siehe "Electro-Shock Blues") ist es nicht. Doch egal, die Frau ist weg, die Trennung vollzogen, und letzte Worte wie "No, I don't wanna be alone/ But I think that you do" hat jeder, der nicht im Glücksbärchi-Land residiert, schon acht- bis neunmal gehört. Doch "End Times", die achte Eels-Platte, wird von Monologen in Schwarz beherrscht, die nicht nur vom Ende einer Liebesbeziehung künden: "Nowaday you go for a walk/ Better not stop and wave or say hello/ Just as soon people will spit/ Give you shit just for looking at them/ And walking too slow." E hat den Blues, und so berühmt wie seine vernachlässigenswerten Blues-Rock-Exkursionen ("Gone Man") sind die tränenschweren Schleicher, "I Need A Mother", der Titelsong oder das fabelhafte "A Line In The Dirt." Was bleibt ihm übrig, als zu trauern? "She is gone now and nowhere near/ Seems like end times are here." The actor was unhappy.
(7) Jan Wigger
White Rabbits - "It's Frightening"
(Mute/EMI, 22. Januar)
Die White Rabbits müssen Pragmatiker höchsten Ranges sein: Das Klavier spielt sich auf den meisten Songs von "It's Frightening" selbst, die Voodoo-Trommeln kann auch kein Mensch beigesteuert haben, und der kapitale Hit "They Done Wrong/ We Done Wrong" hat sich selbst geschrieben. Wobei letzteres nicht ganz richtig ist: Wohl auch weil Britt Daniel (siehe oben) "It's Frightening" produziert hat, klingt das Lied exakt so, als würden Spoon einen Beatles-Song (circa "Rubber Soul") interpretieren. Bei "Company I Keep" haben White Rabbits dann zur "Abbey Road"-Phase aufgeschlossen, für "Rudie Fails" wurden Gespenster von Animal Collective entliehen. Für "Percussion Gun", dessen Gitarren an die Radiohead der Spätneunziger gemahnen, gilt, was die fast schon professorale Website Pitchforkmedia.com in die Worte fasste: Einer der besten ersten Songs der letzten Monate. "While We Go Dancing" aber bleibt unerreicht.
(7) Jan Wigger