Von Hannah Pilarczyk
Erst ist es nur ein schlendernder Gang über eine Wiese. Dann strecken sich Beine hinter Bäumen hervor, und scheinbar körperlose Arme greifen aus Astlöchern um sich. Aus einem nicht bestimmbaren Tier presst sich ein Ei heraus, schließlich liegt eine nackte blonde Frau in embryonaler Stellung da, umgeben von schwärzlichem Fruchtwasser. So hat die spektakulärste virale Marketingkampagne, die das Internet derzeit zu bieten hat, begonnen. Drei Videos sind es mittlerweile, in denen sich eine Künstlerin zwischen Pantheismus und "Antichrist"-Ästhetik inszeniert. Wer oder was dahintersteckt? Ein kleines, tolles Rätsel, das vor allem Musikfans zu Spekulationen hinreißt. (Und bei der Marketingabteilung für Händereiben sorgen wird.)
Am 4. Dezember tauchte dieses Video namens "Prelude 699130082.451322" auf YouTube auf.
Am 7. Januar folgte der Clip, der nurmehr die Nummer "9.1.13.669321018" trägt.
Am 25. Januar wurde das bislang letzte Video "9.20.19.13.5.723378" veröffentlicht.
Wer sich hiermit so aufsehenerregend ankündigt, ist noch unklar. Doch in den Diskussionen im Internet haben sich vier Favoritinnen heraus kristallisiert - und eine Gruppe männliche Außenseiter.
1. Goldfrapp
Was für sie spricht: Das englische Elektrofolk-Duo mit der blonden Frontfrau Alison Goldfrapp passt nicht nur von der Haarfarbe her: Sie liegen stilistisch am nächsten zu der Musik aus den Clips. Außerdem haben sie bereits auf ihrem vergangenen Album mit Naturinszenierungen begonnen - und Eulen, wie sie in Clip 2 zu sehen sind, sind ihr Markenzeichen. Die Kampagne könnte also Werbung für ihr demnächst erscheinendes Album "Head First" sein - sehr versierte Numerologen wollen in den Zahlenreihen das Erscheinungsdatum im März erkannt haben.
Was gegen sie spricht: Das Cover von "Head First" hat mit der Ästhetik der Videos nicht wirklich etwas gemeinsam.
2. Christina Aguilera
Was für sie spricht: Xtina hat für ihr neues Album mit Alison Goldfrapp gearbeitet - und dieses Album heißt auch noch "Bionic". Nach eigenen Angaben soll es die Geburt ihres Sohnes Max zum Thema haben, was die Geburtsmotive in den Videos erklären könnte. Numerologen wiederum haben die Ziffernreihen zusammengezählt und darin die Buchstaben CH und AG erkannt.
Was gegen sie spricht: In einem Interview mit der US-Ausgabe von "Marie Claire" hat Aguilera erklärt, das neue Album solle leichter klingen und die erste Single wie ein poppiges Update von Madonnas "Vogue".
3. The Knife
Was für sie spricht: Das schwedische Elektro-Duo mag es düster und bizarr - und hat mit seiner Oper "Tomorrow, in a year" über Darwin auch eine thematische Verbindung zur Symbolik des Videos.
Was gegen sie spricht: Aufnahmen der Uraufführung von "Tomorrow, in a year" sehen deutlich anders aus.
4. Lady Gaga
Was für sie spricht: Gaga ist für alles gut. Und das große Wimpernklimpern hat sie bereits in allen ihre vorherigen Videos gezeigt.
Was gegen sie spricht: Verstecken spielen passt zur zeigefreudigsten Künstlerin unserer Zeit irgendwie nicht.
5. Animal Collective
Was für sie spricht: Die Indie-Band ist für ihre visuelle Experimentierfreude bekannt - und hat einen mysteriösen Musikfilm namens "ODDSAC" gedreht, der Dienstagabend Premiere auf dem Sundance-Festival hat.
Was gegen sie spricht: Animal Collective mögen es eigentlich lieber psychedelisch als naturalistisch.
Oder steckt dahinter jemand oder etwas ganz anderes? Vielleicht der Geheimtipp "The Golden Filter"? Oder jemand gänzlich Unbekanntes? In wenigen Tagen werden wir es wahrscheinlich erfahren - und uns nur noch als Teil einer sehr schlauen Marketingkampagne fühlen.
Bis dahin kann man ja aber noch ein wenig raten.
Auf anderen Social Networks posten:
hm...ich würde auch in Richtung the knife tippen. Hat mal jemand dran gedacht, daß die Sängerin auch ein Soloprojekt hat? Also ich bin für Fever Ray. Das sind definitiv die Augen von Karin Dreijer Andersson. Ich finde es [...] mehr...
Was ist denn jetzt rausgekommen? Kann doch nicht angehen, dass man hier so angefüttert und dann am langen Arm verhungern gelassen wird. Ich bitte um Aufklärung. Vielen Dank. mehr...
Man bekommt da nichts dafür, die Vereinbarung besteht darin, dass man den Verlag regelmäsig mit Artikeln beliefert, die sparen sich dann einen Redakteur des Feuilletons. Damit ist beiden geholfen, weiter als ums Geld verdienen [...] mehr...
Ich fürchte sie haben Recht. Eine Wiedergeburt in einem Baum- Will sie womöglich mit den Grünen anbandeln? Schön dass die Videos so inspirieren. mehr...
Mich zum Beispiel. Mit der Kunst ist es eben so ein Ding. Wer sie als Schwachsinn empfindet, sollte einfach an Dieter Nuhr denken: Einfach mal die Klappe halten. Zu den Videos: Attitüde und Musik der Videos lassen [...] mehr...
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