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03.02.2010
 

Indo-Jazz

Vom Waschsalon in die Weltelite

Von Hans Hielscher

Besinnliches auf der Sitar? Das war gestern. Die heutige Generation von Jazz-Musikern mit indischen Wurzeln deutet die Traditionen für sich um - und schafft so einen Groove mit universeller Anziehungskraft.


Auf der Suche nach Alternativen zum durchgeschlagenen 4/4-Beat und zu den Harmonie-Folgen der Standards entdeckten Jazzmusiker in den sechziger und siebziger Jahren des vergangenen Jahrhunderts die Musik vom indischen Subkontinent. John Coltrane war fasziniert von ihrem rhythmischen Reichtum und den "Raga" genannten melodischen Strukturen. Charlie Mariano reiste nach Asien und musizierte bis zu seinem Tod im vergangenen Jahr immer wieder mit Musikern des Karnataka College of Percussion aus Indien.

Von dort kam 1977 Trilok Gurtu in den Westen. Den Perkussion-Virtuosen engagierten Stars wie Pat Metheny, John McLaughlin und Jan Garbarek. "World Jazz" war in, dafür stand Gurtus Tabla-Spiel. Der jetzt in Hamburg lebende Künstler gehört bis heute zu den gefragtesten Musikern. Für sein neues Album "Massical" gewann Gurtu als Gast Jan Garbarek. Die Musik der CD wird von den Produzenten als "universeller World Groove mit indischen Wellness-Wurzeln" beschrieben.

Von der Sitar zum Saxofon

Da klingen aus Asien stammende Musiker ganz anders, die im neuen Jahrtausend plötzlich in der amerikanischen Jazz-Szene auftauchten. Allein schon, weil sie nicht zur Tabla oder Sitar greifen, sondern Saxofon oder Klavier spielen. Es sind die Kinder einer Generation, die sich noch als Handwerker oder Betreiber von Waschsalons oder Motels durchschlagen musste; sie selbst aber konnten studieren und wurden von ihrer westlichen Umwelt geprägt, ehe sie sich für ihre Wurzeln interessierten. So reiste der Altsaxofonist und Komponist Rudresh Mahanthappa (geboren 1971) erst nach seiner Ausbildung am Bostoner Berklee College of Music und an der DePaul Universität von Chicago nach Indien, um die Musik seiner Vorväter zu studieren.

Der gleichaltrige Pianist Vijay Iyer erlebte zwar als Kind im Einwanderer-Milieu der US-Stadt Rochester indische Gesänge und Riten. Aber er lernte auch klassische Violine; als Teenager begeisterte er sich dann nur für Rock- und Jazzmusik. "Erst mit zwanzig habe ich mich wieder meiner Wurzeln besonnen und mich intensiv mit indischer Musik befasst", erzählte Iyer dem Journalisten Ssirus W. Pakzad. Freilich fand der vielseitig Talentierte auch noch Zeit, Physik zu studieren und über ein musikwissenschaftliches Thema zu promovieren, das nichts mit Indien zu tun hat.

Asiatische Einflüsse sind denn auch keineswegs immer in der Musik von Iyer und Mahanthappa zu erkennen. Auf der anderen Seite spricht es für die Lebendigkeit des Jazz, wenn sich ihm Hochbegabte aus der ersten Generation der indischen Amerikaner zuwenden. "Wird Jazz zu einer größeren Rührschüssel für Ideen aus fernen Ländern?", fragt das US-Magazin "Down Beat" in einem Rückblick auf das erste Jahrzehnt des neuen Jahrhunderts. Die Antwort lautet: So war es immer.


CDs
Vijay Iyer: "Historicity" (ACT);
Rudresh Mahanthappa: "Kinsmen" (Pi Recordings / Sunny Moon);
Trilok Gurtu: "Massical" (BHM).

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Rudresh Mahanthappa-CD "Kinsmen": Saxofon oder Klavier statt Tabla oder SitarZur Großansicht

Rudresh Mahanthappa-CD "Kinsmen": Saxofon oder Klavier statt Tabla oder Sitar






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