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05.02.2010
 

TripHop-Stars Massive Attack

Lagerfeuer für die Ohren

Von Uh-Young Kim

Die U2 des Clubsounds sind zurück: Auf ihrem neuen Album "Heligoland" treten die zerstrittenen TripHop-Meister Massive Attack wieder als Duo an - und finden zu dem warmen Sound zurück, der sie berühmt gemacht hat. Das Werk könnte zum Großereignis in der zersplitterten Popwelt werden.


Im englischen Küstenstädtchen Bristol brauchen die Dinge ihre Zeit. Abseits des Rummels von London entstand hier TripHop, ein verkiffter Musikstil aus schleppenden Beats und melancholischem Gesang. Damit lieferten Massive Attack, Portishead und Tricky einen der Soundtracks für die Neunziger. Danach hieß es erstmal: Abwarten und Tee trinken. Sieben Jahre sind seit dem letzten Studio-Album von Massive Attack vergangen. Nun erscheint "Heligoland" - mit zehn neuen Songs, die für die Pioniere der basslastigen Schwermut sogar recht flott und freundlich geraten sind.

"Heligoland" ist ausnahmsweise ohne die berüchtigten Streitereien in der Band zustande gekommen. Seit ihrem Debüt "Blue Lines" von 1991 waren nicht mehr so viele unterschiedliche Kräfte an einem Massive-Attack-Werk beteiligt. Alte Bekannte wie der Reggaesänger Horace Andy sind mit von der Partie. Der neue Bündnispartner Damon Albarn hat sein Studio zur Verfügung gestellt. Und Gründungsmitglied Grant Marshall, genannt Daddy G, meldet sich nach einer Auszeit zurück.

Dabei hatte die Zahl der Kollaborateure mit dem Erfolg stetig abgenommen. Das Bristoler DJ-Urgestein Daddy G, 50, stellt im Gespräch mit SPIEGEL ONLINE nüchtern fest: "Jedes Mal, wenn wir ein Album aufnehmen, verlieren wir ein Bandmitglied." Erst verließ Sängerin Shara Nelson die Gruppe, dann Ziehsohn Tricky und 1998 Andrew "Mushroom" Vowles. Daddy G nahm 2001 Abstand von der Band: "Die Chemie hat nicht mehr gestimmt. Meine Freundin bekam außerdem ein Baby. Also bin ich erstmal in Elternzeit gegangen." Übrig blieb Robert Del Naja, Künstlername 3D, Mastermind von Massive Attack und stets schlecht gelaunt dreinblickend. Das kollektive Experiment, das die Einheit der Unterschiede zelebrierte, war zum Egotrip geschrumpft.

U2 des TripHop

Del Naja tobte sich auf dem letzten Album "100th Window" mit Breitwandgitarren und Bombastelektronik aus. Immerhin überführte er den Club-Act so ins Stadionrockformat. Der visuell aufwendigen Live-Show verdanken Massive Attack seither den Ruf als U2 des TripHop. Politisch brisante Botschaften laufen dabei über riesige LED-Screens, wie etwa Zeichnungen von Sklavenschiffen, die Plänen von Abschiebungsflügen gegenübergestellt werden.

Marshall aber konnte mit der Musik wenig anfangen: "Die Tracks wirkten hart und kalt. Das neue Album dagegen ist einladender. Ich vergleiche die beiden Alben gerne mit Häusern. Bei '100th Window' ist der Eingang verschlossen. Bei 'Heligoland' stehen die Türen weit offen. Du gehst rein. Und drinnen brennt ein Feuer."

Das Feuer - seit den Anfängen das Symbol von Massive Attack - spendet wieder Wärme und Geborgenheit. Der neue Song "Splitting The Atom" beschwört den Geist der DJ-Kultur herauf, der stilbildend für Massive Attack gewesen ist. Wie in Zeitlupe eröffnet Daddy G das mächtig schwingende Stück mit durchdringendem Bariton. Horace Andys Kopfstimme schwebt im Refrain über klaustrophobischen Orgelklängen. 3D übernimmt das Mikrofon. Die dichte Atmosphäre erinnert Grant Marshall an die Achtziger in Bristol: "Unser Soundsystem nannte sich The Wild Bunch. Auf den Jams hat die Luft gebrannt. MCs kamen zum DJ und rappten über Instrumentals. 'Splitting The Atom' trägt diesen gemeinschaftlichen Vibe in sich."

Spagat zwischen Zentrum und Peripherie

Die Nordsee-Insel Helgoland dient als Namensgeber des neuen Albums. Für Marshall ein Zufall, der sich mit der Zeit als fruchtbar erwiesen hat: "Erstmal war es nur ein Wort, das gut aussieht. Später fanden wir heraus, was es bedeutet: Heiliges Land." Die Geschichte der Insel passt zur vielstimmigen und mystischen Aura von Massive Attack. Über die Jahrhunderte bewohnten Dänen, Briten und Deutsche die Insel. Nach dem Zweiten Weltkrieg zerstörte die britische Armee dort Bunkeranlagen - mit der größten nichtatomaren Sprengung der Geschichte. Und hätte dabei in Kauf genommen, die Insel völlig zu zerstören.

"Heligoland" verkörpert so einen realen und doch phantastischen Ort, an dem die verschiedenen Persönlichkeiten aus dem Album koexistieren können. Tunde Adebimpe von der New Yorker Band TV On The Radio macht den Anfang mit hypnotischem Gesang zwischen New Wave und Gospel. Guy Garvey von der Indieband Elbow will verzweifelter als Radiohead klingen. Tim Goldsworthy aus New York mischt einen Schuss Downtown-Disco bei. Und die Sängerin Hope Sandoval sorgt für den perfekten Popmoment - im Stile vergangener Streicherballaden wie "Unfinished Sympathy" und "Teardrops".

Mit diesem breiten Spektrum hat "Heligoland" gute Chancen, auch über die Band hinaus Einheit zu stiften und zum Großereignis in der zersplitterten Popwelt zu werden. Ein Reich, das mittlerweile in viele kleine Szenen zerfallen ist. Massive Attack sind einst von den Rändern aufgebrochen und auf dem Weg in die Mitte beinahe zerbrochen. Auf "Heligoland" lassen sie die verschiedenen Einflüsse der Beteiligten wieder zu. Und schaffen so den Spagat zwischen Zentrum und Peripherie: zwischen exzellenten Clubremixen und der großen Erzählung des Albums.

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insgesamt 21 Beiträge zum Forum...
Die neuesten Beiträge:
15.02.2010 von Vex: ....

Ich find das Album steht in alter Massive Attack bzw fast aller TripHop Alben Tradition. Zwei Stücke find ich richtig gut (Psyche, Paradise Circus) der rest naja ... Als gesamtes Werk fand ich sowohl Portisheads letzte Platte [...] mehr...

06.02.2010 von kleintal: .

Die absolut zutrifft. Genau dasselbe ist mir nämlich auch in den Sinn gekommen, als ich MA zu Mezzanine-Zeiten live erlebt habe. So ernst und unlocker, dass es schon wieder lächerlich ist. Mit Trip Hop hatte das gar nichts mehr [...] mehr...

06.02.2010 von kleintal: Mushroom wird schmerzlich vermisst !!

Als Fan der ersten Stunde habe ich mich mit dem neuen Album intensiv beschäftigt - und bin enttäuscht. Auf "Blue lines" war jede Note, jedes Wort am richtigen Platz. Protection hatte auch noch die richtigen Vibes. Tja [...] mehr...

05.02.2010 von patpong records: rofl

Public Enemy in diesem Zusammenhang zu zitieren ist ja wohl völlig fehl am Platz. Selten so gelacht. Da solltest Du Dich doch mal ein wenig mit der Aussage und was damit gemeint war, auseinander setzen. Und seit wann muss [...] mehr...

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