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15.02.2010
 

"Fehlfarben"-Sänger Hein

"Ich will keine Goethe-Institut-Rente!"

Es geht tatsächlich voran! Für ihr neues Album "Glücksmaschinen" werden die Punkveteranen Fehlfarben gefeiert wie zu ihren besten Zeiten. Sänger und Texter Peter Hein spricht im SPIEGEL-ONLINE-Interview über Punktouristen, das Pop-Prekariat und die fünfte Jahreszeit.


SPIEGEL ONLINE: Das neue Fehlfarben-Album "Glücksmaschinen" erscheint pünktlich zur fünften Jahreszeit. Gehen Sie zum Karneval?

Peter Hein: Meistens nicht, nein. Aber wenn man unverhofft reingerät, hat das manchmal was.

SPIEGEL ONLINE: Sie haben mal gesagt, nichts habe den Punk so gekillt wie die "Humorlosigkeit seiner Protagonisten - außerhalb Düsseldorfs natürlich". War Punk in der Karnevalshochburg Düsseldorf heiterer als anderswo?

Hein: Auf jeden Fall. Natürlich gab es auch in Berlin oder Hamburg ein paar Leute, die eine uneingestandene Sehnsucht nach dem rheinischen Karneval hatten, die sie zu Hause nicht ausleben durften. Und auch in Düsseldorf haben sich irgendwann die Humorfreien breitgemacht; die Schäferhund-Fraktion, die alles schneller, lauter und stacheliger haben musste. Da wurde es dann so stumpf wie überall.

SPIEGEL ONLINE: War diese Abstumpfung der Grund, nicht mehr mitzumachen? Sie sind ja 1981 aus der Band ausgestiegen, als die Fehlfarben wirklich populär wurden.

Hein: Wir haben ja nicht mitgemacht. Wir haben gemacht. Für uns war Punk, nicht Punk zu sein. Die Lederjacken-Kluft war für uns nach einem halben Jahr vorbei, danach haben wir Anzüge, Jacketts und andere Sachen getragen. Wenn sich etwas durchsetzte, wollten wir gleich was anderes machen. Für mich war Schluss, als plötzlich die Leute wegen der Punkszene oder der "Neuen Wilden" kamen, also dieser Verbindung von Ratinger Hof und Kunstakademie, die es damals in Düsseldorf gab. Als die Punktouristen kamen, war die interessante Zeit vorbei.

SPIEGEL ONLINE: Für die spannenden Sachen muss man unter sich bleiben?

Hein: Das funktioniert wohl so. Natürlich haben wir die Klappe aufgerissen: "Ist alles scheiße, muss alles Punkrock werden!" Aber wenn wirklich alles Punkrock geworden wäre, wäre das furchtbar gewesen. Das wollte niemand wirklich, man tut immer nur so.

SPIEGEL ONLINE: Seit dem Erfolg von Jürgen Teipels Punk-Geschichtsbuch "Verschwende deine Jugend" hat auch Düsseldorf erkannt, dass DAF, Fehlfarben oder Kraftwerk zum kulturellen Erbe gehören. Bei einer großen Ausstellung in der Kunsthalle vor ein paar Jahren hat sogar der Oberbürgermeister gesprochen.

Hein: Ich finde das durchaus gerechtfertigt, wenn man Sachen bewahrt, die mal gemacht worden sind. Uns war damals nicht bewusst, dass es was Historisches sein könnte. Die kopierten Flyer und Fanzines landeten im Papierkorb. Dass die dann doch jemand aufgehoben hat, tja - das sind eben die Briefmarkensammler dieser Welt.

SPIEGEL ONLINE: Auf dem neuen Album halten sich die Fehlfarben an alte Punk-Tugenden: Straighte zweieinhalb Minuten-Songs in klassischer Besetzung. Außerdem ist das neue Album bloß 34 Minuten lang - so wie früher die LPs.

Hein: Diese siebzig-Minuten-CDs gehen mir sowieso auf den Sack. Man muss nicht immer alles ausreizen, was ein Medium hergibt. Sonst musst du bald für eine Blu-Ray-Disc sieben Stunden lang spielen, wie ein afrikanisches Orchester.

SPIEGEL ONLINE: Die jüngeren Leute kaufen ohnehin keine Alben mehr, sondern eher einzelne MP3-Files. Alben kauft doch nur noch das ältere Publikum.

Hein: Die sollen das auch kaufen. Die sterben ja erst weg, wenn wir auch wegsterben. Da sollen die vorher noch mal schön Geld ausgeben.

SPIEGEL ONLINE: Können Sie von Ihrer Musik leben?

Hein: Leben konnten wir davon nie. Auch von unserem ersten Album "Monarchie und Alltag" nicht. Davon kannst du vielleicht mal in den Urlaub fahren, mehr nicht. Wir sind ja so deutsche Affen, die keine Sau auf der Welt sonst braucht. Leute wie Paul Weller - die verkaufen vielleicht in Deutschland auch nicht mehr als wir, aber die haben einen Weltmarkt. Wir haben nur das Scheiß-Deutschland mit Schweiz und Österreich noch dabei.

SPIEGEL ONLINE: Der Legende nach haben Sie Anfang der Achtziger bewusst das Angestelltenleben dem Popstartum vorgezogen.

Hein: Ich war immer angestellt. Vor den Fehlfarben, während der Fehlfarben und danach auch.

SPIEGEL ONLINE: Und zwar in "undurchsichtiger Position im Lager von Rank Xerox" wie Jürgen Teipel in "Verschwende deine Jugend" schreibt. Mittlerweile arbeiten Sie dort aber nicht mehr...

Hein: Das war nicht mein Entschluss, sondern der wirtschaftlichen Situation der Firma geschuldet. Kostendruck, Stellenabbau, Abfindung und Tschüss. Hartz IV wollte ich nicht, also bin ich aus Deutschland weggegangen, nach Wien. Ich habe nicht gesagt: Ich geh jetzt nicht mehr arbeiten, weil ich doch noch Popstar werde, auf die alten Tage.

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insgesamt 10 Beiträge zum Forum...
Die neuesten Beiträge:
16.02.2010 von fish53: Danke...

...für's schlau machen! btw: alle schreiben/reden nur über "Monarchie". Man sollte darüber nicht vergessen, dass die Band doch noch einige andere tolle, meist völlig unterschiedliche, Platten auf den Markt gebracht hat. [...] mehr...

16.02.2010 von peeka: Monarchie und Alltag...

...wird für immer das wichtigste deutschsprachige Album bleiben, und ich überlege schon seit Monaten, eigentlich Jahren, woran das liegt. Es muss die Verbindung sein aus der damaligen Zeit, die nicht mehr ausschließlich [...] mehr...

16.02.2010 von qim: Danke für die Analyse.

Danke für die Analyse. Jetzt wird mir einiges über mein Leben klar. Wohin soll ich die Rechnung schicken? Dass Peter Hein in meinen Augen eine gescheiterte Persönlichkeit ist, liegt daran, dass er sich über seinen [...] mehr...

15.02.2010 von jupiter_fred: "Sie haben die Uhren/aber wir haben die Zeit" von Peter Hein?

Weil niemand weiss, woher´s kommt: "sie haben die uhren/aber wir haben die zeit" ist eine Zeile aus dem Gedicht "ich wache auf und wundere mich" von Toby Hoffmann, erschienen in dem Buch "luft [...] mehr...

15.02.2010 von VPolitologeV: Was heißt das schon?

Die typischen Argumente saturierter Angepaßter. "gescheiterte Persönlichkeit" und "hat sein Leben nicht im Griff". Gemessen an den einzigen Maßstäben, die wirklich zählen, ist er nicht gescheitert. Wenn jetzt [...] mehr...

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