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17.02.2010
 

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Die wichtigsten CDs der Woche

Mehr Sehnsucht, mehr Innerlichkeit, mehr Musikalität als auf Joanna Newsoms neuem Album "Have One On Me" wird dieses Jahr kaum zu finden sein, meint Andreas Borcholte. Jan Wigger schwelgt mit den Postmarks in alten Soundtracks und hält Efterklang für die besseren Coldplay.

Joanna Newsom - "Have One On Me"
(Drag City/Rough Trade, 26. Februar)

Man stellt sich vor, wie diese junge, zarte Fee von einer Frau nachts an einem großen Panoramafenster in den Hills über Hollywood steht. Da unten glitzern die Lichter von Los Angeles, kalt und zu weit weg, um sie zu begreifen. Vielleicht hat sie ein Glas Wein in der Hand, vielleicht ist sie einsam, vielleicht träumt sie von den warmen Maisfeldern des Mittelwestens. Oder vom zauberhaften Land Oz. Vielleicht auch nur von dem einen, den sie liebt und der ihr fehlt. Und dann setzt sie sich an ihre Harfe und erschafft einen weiteren dieser wundersamen, wunderschön traurigen Songs, die nun auf ihrem neuen Album versammelt sind. Joanna Newsom, vor zwei Jahren mit ihrem Album "Ys" zur neuen Ikone weiblicher Singer/Songwriterkunst erhoben, ist zurück mit neuen Einblicken in ihr Gemütsleben. "I am no longer afraid of anything, save the life that, here, awaits. I don't belong to anyone. My heart is heavy as an oil drum", singt sie in "In California" mit ihrer hohen, manchmal schneidenden, oft verletzlich wirkenden Stimme über Harfe, Violinen und Piano. Etwas über zwei Stunden lang ist "Have One On Me". 18 Songs, einige bis zu elf Minuten lang, sind auf drei CDs verteilt - ein monumentaler Kraftakt von einem Album, das trotzdem so unbeschwert und kurzweilig wirkt, als bliebe die Zeit einfach stehen, wenn man Joanna Newsom in ihr musikalisches Reich folgt, in dem die Konventionen von Pop außer Kraft gesetzt sind. Sicher, man kann ihre Musik zum Appalachian Folk zurückverfolgen, zu Joni Mitchells frühen Alben, zu Kate Bush und zu Tori Amos, aber keine Analyse ihrer Einflüsse erklärt die Magie, die Joanna Newsoms Gesang und ihre behutsam aufgebauten Lieder entfalten. Wir wagen mal eine Prognose: Mehr Musikalität und Gefühl wird dieses Jahr kaum ein anderer Künstler bieten können. (10) Andreas Borcholte

The Postmarks - "Memoirs At The End Of The World"
(Rykodisc/Warner, 19. Februar)

Die kühl verführerische und gefährlich rote Fotografie täuscht uns nicht: Wer so viel Kunstverständnis walten lässt, wer den Hinweis "composed and performed by The Postmarks" bereits auf das Cover gravieren lässt, die richtigen B-Movies gesehen hat und einen Song "The Girl From Albenib" nennt, verdient jede Aufmerksamkeit. Als die betörende Tim Yehezkely aus Tel Aviv bei einem Open-Mic-Abend im Jahre 2004 das Mikrofon ergriff, fand sich diese nicht sehr amerikanische Band aus Miami zusammen. Die bedingungslose Liebe zu Filmkomponisten wie John Barry, Morricone und Mancini ist so offensichtlich wie die Nähe zu Saint Etienne und den Cardigans der "Life"-Ära. Auch Twee-Pop und die ausladendsten Brian-Wilson-Kompositionen werden gestreift, aber "retro" wird es nie. Streicher, Hörner, die einsame Jazztrompete am Schluss von "Theme From 'Memoirs'" und der orchestrale Überschwang von "No One Said This Would Be Easy" - wann hat Schönsein zuletzt so gut geklungen? Nach Hören dieser Platte empfahl man uns einen Film von Godard. Eine Lüge: "Memoirs At The End Of The World" ist wie "César et Rosalie" - von Claude Sautet. (7) Jan Wigger

Beach House - "Teen Dream"
(Bella Union/Cooperative Music/Universal, 26. Februar)

Es ist leicht, so leicht, sich im gemächlichen, lapislazuliblau leuchtenden Wohlklang des gut verhüllten Duos Beach House zu verlieren und die geheimnisvoll hallenden Songs wie regenschwere Wolken an sich vorbeiziehen zu lassen, nur um hinterher zu behaupten, es sei nichts gewesen, nichts geschehen. Man könnte aber auch darüber staunen, dass Victoria Legrand zur Zeit so singt wie keine andere Frau (oder besser: so singt, als sei sie keine!), dass das lebensmüde "Aaaah-aaah" im eröffnenden "Zebra" irgendwann einmal zu Big Stars "The Ballad Of El Goodo" gehört haben muss oder "10 Mile Stereo" in den letzten zwei Minuten so klingt wie ein fahles Geheimnis der Pale Saints. "Teen Dream" ist eine große Platte, die man leicht mit einer marginalen Platte verwechseln könnte, wenn man nicht richtig hinhört. So ist auch "A Walk In The Park" kein einfacher Gang, sondern ein langer Nachtflug durch Schattenreiche. "In a matter of days/ It will slip through my mind." Nicht, wenn es ewig währt! Zum Album gehören im besten Fall zehn Kurzfilme, in denen Beach House schwerelos durch Licht und Schatten gleiten. Nichts als Gespenster. (8) Jan Wigger

Lightspeed Champion - "Life Is Sweet! - Nice To Meet You"
(Domino/Indigo, bereits erschienen)

Als flammender Eklektiker und Mann, der niemals schläft, stellte sich Devonté Hynes schon als Mitglied der rasch vergessenen Rüpel-Gruppierung Test Icicles vor. Devonté ist der Tag zu kurz, er schreibt seine Lieder im Eiltempo, um sie danach zu verschenken: An jedes Herz, das Feuer fängt. Als Lightspeed Champion sein Album "Falling Off The Lavender Bridge" herausbrachte, war er naturgemäß ein anderer. Die meisten Songs wären im Umfeld des zuweilen trantütigen, aber damals noch ubiquitär beliebten Saddle-Creek-Labels nicht weiter aufgefallen - zumal Conor-Oberst-Intimus Mike Mogis produzierte. "Life Is Sweet! - Nice To Meet You" ist nun nicht nur ein blöder Albumtitel, sondern auch verblüffender Neubeginn: So luxuriös wie auf "Faculty Of Fears" oder "I Don't Want To Wake Up Alone" hatte man den Champion nicht in Erinnerung. Wesentlicher aber ist, dass Hynes mit "Dead Head Blues", "Romart" (und mehr) Songs geglückt sind, die uns kein gebrauchtes Gefühl verkaufen wollen, sondern ehrlich anrühren. Das Recht, den Ausruf "Kill me baby, won't ya kill me!" (den Morrissey im goldenen B-Seiten-Notizbuch längst durchgestrichen hatte) zu tätigen, hat sich Devonté im Schweiße seines neuen Hobo-Angesichts hart erarbeitet. (7) Jan Wigger

Efterklang - "Magic Chairs"
(4AD/Beggars/Indigo, 19. Februar)

Könnte sein, dass die Namen nur ausgedacht sind. Andererseits leben Casper Clausen, Rasmus Stolberg, Mads Brauer, Thomas Husmer, Rune Molgaard und all die anderen, meist losen Kollaborateure der Band Efterklang ja in Dänemark, wo bereits Alben entstanden, die erstaunlich wenig mit dem verstärkt vorwärts drängenden Pop-Entwurf zu tun hatten, der "Magic Chairs" in Teilen kennzeichnet. Vorab gesagt machen Efterklang hier alles richtig, was Winselkünstler wie Keane oder Snow Patrol ein ums andere Mal bewusst falsch machen, um eine möglichst große, möglichst wehrlose und möglichst bügelnde Konsumentenmasse um sich zu scharen. Die Musik von Efterklang dagegen besitzt eine nur schwer imitierbare Rafinesse, die sich irgendwo weit draußen zwischen den frühen, noch durchweg liebenswerten Coldplay und der letzten Grizzly-Bear-LP "Veckatimest" bewegt. Eine seltsame und sehr instrumentenreiche Version von Chamber Pop, zusammengehalten durch Casper Clausens immer etwas kummervoller Stimmfärbung. "Harmonics" führt dann alles noch einmal zusammen: Die gezupften Geigen, den kurzen Ausbruch, das schiefe Orchester. Kein Fall für Olli Geißen. (7) Jan Wigger

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