Von Jonathan Fischer
Also musste Brother Ali seine Karriere selbst in die Hand nehmen. Eines Tages, im Jahre 1998, spazierte der Rapper uneingeladen in die wöchentliche HipHop-Sendung von Radio K in Minneapolis. Er brachte ein Demo-Tape mit. Und hatte danach ein Dutzend neue Rapperfreunde und den Host der Show als seinen DJ gewonnen.
Zwölf Jahre später gilt Brother Ali nicht nur als das Rap-Wunder des mittleren Westens. Dem 25-Jährigen gehört auch eine der originellsten Stimmen des gesamten HipHop. Seine Predigten sind unbequem und seine Außenseiter-Wahrheiten eine Erinnerung an das verlorene Potential des Genres.
Wir-Gefühl statt Ego-Posen
Kaum verwunderlich also, wenn ausgerechnet Polit-Rap-Veteran Chuck D von Public Enemy Brother Alis neues Album "Us" eröffnet. Zu schrillen Bläserfanfaren und sattem Funk schlägt er das schwarze Geschichtsbuch auf: Und da spielt Brother Ali - trotz oder gerade wegen seines Pigmentmangels - heute eine wesentliche Rolle.
Wer hatte das Bekenntnis zum Miteinander schon einmal so persönlich formuliert? "I started rhyming just to be somebody/ Found out I already was/ Cause can't nobody be free unless we're all free/ There's no me and no you/ It's just us." Niemand kann frei sein, wenn wir nicht alle frei sind: Das kannte man bisher aus alten Soulsongs von Curtis Mayfield oder dem Gospel eines Solomon Burke.
Schließlich ist der HipHop-Zirkus längst übersättigt von Gangstern und plappernden Party-Animatoren. Darin liegt schließlich die Krise des Genres: dass fast nur noch konsumfreundliche Images vermarktet werden. Dies hat zu einer ästhetisch-politischen Beliebigkeit geführt, in der Rapper kaum noch eigene Inhalte formulieren - ein paar kalkulierte Knalleffekte tun es doch auch.
In diese selbstverliebte Szenerie platzte Brother Alis Debüt "Shadows On The Sun" vor sieben Jahren wie ein Raumschiff hinein. Der Mann traute sich, politisch zu werden. Und er gab Selbsterkenntnisse zum Besten, die andere Rapper nicht einmal ihrem Tagebuch anvertraut hätten.
In einer Zeit, in der kritische Kommentare zu Schwulenfeindlichkeit, Rassismus und Islam nicht gerade als verkaufsfördernd gelten, blieb Ali ganz bei seiner eigenen Lebenswirklichkeit. In seinen Texten trennt er nicht zwischen Privatleben und Gesellschaftskritik. Etwa in "Rainwater", das vom Krebstod seiner Mutter und dem Selbstmord seines Großvaters handelt. Weitere Songthemen: seine zeitweilige Obdachlosigkeit, der Stolz auf eine neue Ikea-Einrichtung und der Kampf um das Sorgerecht für seinen Sohn Faheem.
Pigment- und andere Störungen
Brother Alis radikale Sinnsuche erklärt sich aus seiner Geschichte: Der bürgerlich Jason Newman getaufte Rapper wurde 1985 in Madison, Wisconsin, geboren und zog während seiner Schulzeit fast jedes Jahr mit seinen Eltern in eine neue Stadt. Dort wiederholte sich immer wieder dasselbe Drama: Der Neue wurde auf dem Pausenhof als "fetter Albino" gehänselt, wobei die weißen Mitschüler besonders bösartig gewesen sein sollen. Jason suchte deshalb die Gesellschaft von Schwarzen. Studierte die Reimkunst des HipHop. Und forderte bald die besten Rapper der jeweiligen Schule zum Duell. Er gewann jedes Mal.
Später änderte er seinen Namen in Brother Ali, schloss sich den Black Muslims an und übernahm dort die Führung einer Jugendgruppe. Schließlich fühlte sich der Albino hier erstmals von Grund auf akzeptiert.
Seine Religiosität unterfüttert auch sein Album "Us" - als Glaube an ein gottgewolltes Mitgefühl. Wenn Chuck D HipHop einst als CNN des Ghettos propagierte, schreibt Ali den Auftrag nochmals um. Auf seinen letzten Alben hatte er noch wütende Anklagen gegen den Irak-Krieg und die Macht der Konzerne formuliert. Nun aber reicht es ihm nicht mehr, mit dem Finger auf die Missstände zu zeigen, vielmehr möchte er für all die Namenlosen, Andersartigen und Ausgegrenzten sprechen - und die gemeinschaftsstiftende Kraft des HipHop wiederbeleben.
"I don't know" rapt er auf "The Preacher", "but I got this feeling/ These people need some healing". Manchmal klingt die Wahrheit eben doch besser als jede noch so coole Realness.
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Ist das so ? Ich weiß nicht, ist doch vieles Geschmackssache, und über den lässt sich nicht streiten. Ich finde zwar außer den old school Sachen auch wenig was mich begeistert, aber wie auch bei youtube zu lesen ist, liegt es [...] mehr...
Absolut! Nicht zu vergessen Samy Deluxe! Ein politisch-kritischer Mensch. Guter Typ. Ich suche vergeblich auf UTube nach Freundeskreis & Afrob "Overseas-Übersee". Ich habe nur das mp3, daher kann ich es hier nicht [...] mehr...
... ich denke im Bereich deutscher Hip Hop gibt es zwei Lager. Zum einen Kollegen wie Bushido und Co (wenig bis gar kein Niveau, plattes Phrasengedresche und Gettogetue). Zum anderen gibt es Gruppen wie Blumentopf oder Künstler [...] mehr...
Vielleicht noch ein paar deutsche Rapper, die hier bei den Aufzählungen etwas zu kurz kommen. Von Spaßtexten bis hin zur tiefergründigen Poesie, alles dabei: Dynamite Deluxe, Eins Zwo, Inflabluntahz, Nemo Nemesis, Amewu, Flow im [...] mehr...
Stimmt, besonders »neu« ist das alles nicht, mir ging es aber primär darum die Aussage des Artikels zu widerlegen, dass HipHop im Normalfall nichts als Gangstertum und platte Reime zu bieten hat. mehr...
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