Holly Miranda - "The Magician's Private Library"
(XL Recordings/Beggars/Indigo, 26. Februar)
Man muss Holly Mirandas Album "The Magician's Private Library" nur in den Händen halten, um wohlig zu erschauern: Ist schon das Cover meisterhaft komponiert, evozieren die Kathedralen auf der Rückseite der Pappe die Verstörung des Smog-Albums "Red Apple Falls". Klappt man die CD auf, erblickt man Holly Miranda kaum sichtbar in einer Nebellandschaft: Sowohl Hideo Nakatas Horrorfilm "Ringu" als auch der amerikanische Black Metal haben hier ihre Spuren hinterlassen. Und hing bereits das bloße Auftauchen Freddy Kruegers in "Nightmare On Elm Street" mit einem Abzählreim zusammen, ist gleich der erste "Magician's"-Song, "Forest Green On Forest Green", ein verwehter, süchtig machender
nursery rhyme, der sich klapprig gegen das Vergessen stemmt: "Catching clocks and broken glass/ Past the brides and smoke stacks/ You look like what I might lack/ Open up your head there's something missing." Wenig fehlt auf dieser seltsam verwunschenen, von TV-On-The-Radio-Gitarrist David Sitek faszinierend dicht produzierten Platte, bei der jeder Halleffekt, jedes kaum vernehmbare Glöckchenbimmeln eine Bedrohung (oder ein allzu kurzes Glück) ankündigt. Holly Miranda installiert Irritationen, sie verbreitet mehr Geheimnisse als Gewissheiten und kommt im spukigen "Everytime I Go To Sleep" zu einer universellen Erkenntnis: "All my life has been on the edge of falling down/ One cool night, they're gonna put my heart in the ground/ And there's no going back."
(8) Jan Wigger
Lonelady - "Nerve Up"
(Warp/Rough Trade, 26. Februar)
Hört man die ersten, auf ein Funkriff reduzierten Takte des Titelstücks von "Nerve Up", denkt man sofort: Oh nein, jetzt bloß kein Gossip-Klon! Doch wenn Julie Campbells Stimme einsetzt, angstgetrieben und nervös, hat man sich zum Glück schon weit entfernt von Beth Dittos selbstgewisser Wut und Wucht. Lonelady, so nennt sich die aus Manchester stammende Sängerin und Musikerin, veröffentlicht ihr Debütalbum auf dem Londoner Warp Label, Sammelstelle für innovative britische Acts, die in kein Mainstream-Roster passen, irgendwie neben der jeweils angesagten Szene stehen und deshalb schon wieder interessant und trendy wirken. Früher, in den Achtzigern, veröffentlichten solche Bands, darunter Joy Division, Suicide oder Wire, auf Factory Records. Und nicht nur, weil das legendäre Label auch in Manchester residierte, hätte "Nerve Up" gut dorthin, in diese Zeit und zu diesen angespannten, von sich und der tristen Kulisse einer sterbenden Industriemetropole angeödeten Bands gepasst. In zerbrechlichen, flüchtigen, aber gleichzeitig auf elektronisch kühl getakteten Rhythmen vorantreibenden Songs wie "Marble", "Have No Past" oder "Immaterial" gibt es keine Sicherheiten - alles, was Campbell uns hektisch und verhuscht über ihr offenbar desolates Seelenleben zuzischt, scheint so von enervierender Dringlichkeit. Erst im letzten Song, "Fear No More", breitet sich eine große Ruhe aus - und man kann wieder atmen. A lonely Lady... in a lonely place.
(7) Andreas Borcholte
Kaki King - "Junior"
(Cooking Vinyl/Indigo, 5. März)
Da noch immer nicht davon ausgegangen werden kann, dass es schon jeder weiß, darf man den Hauptgrund für die Berühmtheit der Katherine Elizabeth King ruhig noch einmal erwähnen: Im Jahr 2006 war King die erste Frau, die jemals einen Platz in der Auflistung der "Guitar Gods" des "Rolling Stone" fand. Tatsächlich ist das Gitarrenspiel Kaki Kings absolut außergewöhnlich, tritt jedoch auf ihrem fünften Album "Junior" ein wenig in den Hintergrund. Dass dies überhaupt möglich wurde, ist Kings penibler Konzentration auf sauberes Songwriting zu verdanken: Vorsichtig tastend beginnt "The Betrayer", dem in Teilen Ben McIntyres Buch "Agent Zig Zag" zugrunde liegt. Im Refrain löst der Song die Fesseln, doch es wird selten Rock daraus: Kaki Kings Gesangsvortrag ist eigenartig gefasst, ein mädchenhafter Ernst, der sich auch durch das bestrickende "Falling Day" zieht, in dem King fast exakt so singt wie Laura Veirs. Das erschöpfte "Everything Has An End, Even Sadness" ruft blutrote Bilder hervor: Eine Wasserleiche, die im Dunkel flußabwärts treibt, ein Mann, der im Feuerschein vergeht, die Farbe eines gefallenen Herbstblatts. Mehr, als man zurzeit von den meisten Alben behaupten kann.
(7) Jan Wigger
Shout Out Louds - "Work"
(Vertigo/Universal, 26. Februar)
Wie die ebenfalls aus Schweden stammenden Kampftrinker von Friska Viljor gehören auch die Shout Out Louds zu jener Sorte Bands, die sich trotz mäßiger Begabung höchster Beliebtheit auf Tanztee-Veranstaltungen jeglicher Art erfreuen. Noch auf jedem Album des gutherzigen Quintetts befanden sich drei, vier Songs, die zum Einsatz in der Vorhölle (vulgo: Indie-Diskothek) taugten und das junge Publikum dankbar mit den Armen wedeln ließ. Zu Hause hörte man diese Platten nie, auch deshalb, weil die Texte der Shout Out Louds in der Regel so uninteressant und inhaltsleer waren wie ein beliebiger Roman von Nicholas Sparks. Man will dieser Gruppe, die "Work" mit Phil Ek (Band Of Horses, Fleet Foxes, The Shins) im fernen Seattle aufnahm, nichts Böses, doch die endlose Langeweile, die Stücke wie "Too Late, Too Slow", "Moon" oder "Candle Burned Out" verströmen, lässt einen unablässig mit den Schultern zucken. "Walls" ist eine besonders trostlose Variante des Arcade-Fire-Glücksmoments "Rebellion (Lies)", "Fall Hard" der sanft klingelnde, sorgfältig geplante Smash-Hit für die Sommersaison und die Herzlichkeit und Milde von "Throwing Stones" ist nicht einmal derart penetrant, dass man sich darüber entrüsten könnte. Ein keinesfalls ausgedachter Auszug aus dem komödiantischen Begleitschreiben: "'Fall Hard' und 'Walls' entfachen eine Dynamik - Holla! Ein musikalisches Hallo Wach, das sich gewaschen hat! Ach ja, zwischendurch gibt es unter den zehn neuen Songs auch ein paar Muße versprechende Klangoasen, an denen man sich erholen kann." So bekommt eben jeder Mensch, was er verdient. Knapp:
(5) Jan Wigger
Die Sterne - "24/7"
(Materie Records/Rough Trade, 26. Februar)
Es ist auch die wirklich alberne Ballade "Ein Glück", in der deutlich wird, dass Die Sterne wahrlich nicht zu viel vom Leben verlangen: "Ein Schmetterling im Frühlingstal, eine Woche ohne Sorgen/ Nach langer harter Arbeit endlich den gerechten Lohn/ Und Ficken ohne Kondom." Trotzdem folgerichtig, dass es das Lied letztlich nur auf die "Limited Edition" schaffte: Es ist zu schwach und passt nicht recht zur Groove-Maschine "24/7", ist ziemlich weit entfernt vom Disco-Funk, der auf dieser Platte so organisch und selbstverständlich wirkt wie seit vielen Jahren nicht mehr. Frank Spilkers grandioser Nichtgesang ist intakt, die Fehler im System haben sich nicht verändert: "Es liegen 1000 Leichen/ In der Stadt der Reichen/ Aus dem Weg, ich möchte investieren/ Aus dem Weg, ich möchte Tennis spielen." Dass Orgler Richard von der Schulenburg die gar nicht so gravierend neue Ausrichtung der Band nicht mittragen konnte und Die Sterne verließ, bleibt vor allem angesichts von "Deine Pläne" (an dem er noch beteiligt war) schwer verständlich: Die wohl smarteste und lebendigste Sterne-Single, an die sich der schwere Kopf spontan erinnern kann. Und noch während das schön bekloppte "(Zugabe) Passwort" ausklingt, stellt sich Gewissheit ein: Als verlässliches Notwehr-Instrument bleiben Die Sterne unentbehrlich.
(7) Jan Wigger