ThemaMusikRSS

Alle Artikel und Hintergründe

  • Drucken
  • Senden
  • Feedback
12.03.2010
 

Jazz-Sängerin Bridgewater

Ein Herz für Holiday

Von Janko Tietz

Dee Dee Bridgewater: Die Sängerin und ihre Helden
Fotos
Getty Images

Glücksgriff in die Schatztruhe des Jazz: Mit ihrem neuen Album erweist Dee Dee Bridgewater der großen Billie Holiday die Ehre. Doch sie imitiert die Kultfigur nicht, sondern lässt sie so modern und freundlich wie seit langem nicht mehr klingen.

Es ist kein besonders gutes Zeichen, wenn fast 60-Jährige zur Avantgarde des Jazz gezählt werden. Und wenn sie sich dann auch noch auf Musiker berufen, die mehr als 50 Jahre tot sind, erst recht nicht. Bei Dee Dee Bridgewater liegen die Dinge etwas anders.

Zum einen zählte sie, die im Mai ihren 60. Geburtstag feiert, schon als Twen zur Avantgarde des Genres. Damals mischte sie noch als sehr freigeistige Leadsängerin der Thad-Jones-Mel-Lewis-Band die Szene auf. Größen wie Dexter Gordon, Sonny Rollins oder Ray Charles wurden auf die anmutige Sängerin aufmerksam und schmückten sich fortan häufiger bei Plattenaufnahmen oder Konzerten mit ihr.

Zum anderen beruft sich Bridgewater nicht auf irgendwen, sie huldigt einer Ikone: Bereits vor mehr als 20 Jahren verkörperte sie die 1959 gestorbene Sängerin Billie Holiday. In der vielumjubelten Theaterproduktion "Lady Day" in Paris und London, die auf der Autobiografie von "The Lady Sings The Blues" beruhte, spielte sie Billie Holiday in der Hauptrolle. Da ist es nur logische Konsequenz, wenn Bridgewater jetzt auch eine CD vorlegt, die an die große Jazz-Vokalistin erinnert.

Lange bevor Holiday die gefeierte Sängerin an der Carnegie Hall und der Metropoliten Opera in New York wurde, war sie die bürgerliche Eleanora Fagan, eine Frau vom Leben gepeinigt, wie viele schwarze Frauen ihrer Generation: Mit elf Jahren wurde sie vergewaltigt, sie schwänzte die Schule, brachte sich mit Putzjobs in Bordellen durch, in Baltimore soll sie sogar selbst als Prostituierte gearbeitet haben. Um das Elend auszublenden, griff Holiday zu Alkohol, Marihuana und später regelmäßig zu Heroin. Ihr Leben war voller Widrigkeiten - entsprechend verletzt klang ihre Stimme, entsprechend schmerzvoll trug sie ihre Songs vor.

"Ich wollte ihr einen anderen Touch geben"

Mit "Eleanora Fagen: To Billie With Love From Dee Dee" erliegt Bridgewater nicht der Versuchung, Holiday so zerbrechlich und melancholisch zu interpretieren, wie sie selbst war. "Ich wollte ihr einen anderen Touch geben: moderner und festiver, nicht düster und rührselig", sagt Bridgewater. "Ich bewundere, was diese Frau alles tat und erreichte - trotz des so tragischen Lebens, das sie führte. Sie hinterließ uns diese unglaubliche Schatztruhe an Musik. Das sollte gefeiert werden."

Gelungen ist das Fest vor allem dank ihrer Begleiter: Der junge Saxophonist James Carter tönt so extrovertiert und virtuos in sein Instrument, als wollte er beweisen, dass es ebenso singen kann. Die Rhythmusgruppe um Christian McBride am Bass und Lewis Nash am Schlagzeug treibt Bridgewater mal unbarmherzig vor sich her, mal darf sie sich dezent im Hintergrund halten. In Balladen wie "You've Changed" lässt Nash seine Besen sachte und unaufgeregt über die Felle seines Schlagwerks gleiten. Bei "Mother's Son In Law" begleitet McBride die Sängerin lediglich mit den wie wild gezupften Saiten des Basses, sie selbst schnippt cool die Finger. Die kraftvollen Arrangements stammen von Bridgewaters Hauspianisten, dem Puertoricaner Edsel Gómez, der dem Studioalbum eine ausgelassene Live-Atmosphäre wie in einem Jazzclub verleiht.

Natürlich sind auf "Eleanora Fagan" alle Stücke vertreten, die man auf einem Hommage-Album zu Ehren von Billie Holiday erwartet: "Lady Sings The Blues", "Good Morning Heartache", "God Bless The Child" und auch das unvermeidliche "Strange Fruit", einer der eindringlichsten Songs Holidays, der die Lynchjustiz an der schwarzen Bevölkerung thematisiert. Aber es ist eben kein klassisches Tribut-Album voller runderneuerter Holiday-Stücke. "Ich lege es definitiv nicht darauf an, sie zu imitieren", sagt Bridgewater.

Gleichwohl ist es nicht das erste Mal, dass die Sängerin Platten anderen Jazz-Größen widmet. Für ihre Fitzgerald-Einspielung "Dear Ella" gewann sie 1997 zwei Grammys. Das Album "Love and Peace" zu Ehren des Souljazz-Veterans Horace Silver zählt zu ihren erfolgreichsten überhaupt. Doch mit "Eleanora Fagan" legt sie ihr wohl reifstes Album vor - gleichzeitig aber auch das frischeste. Ob das am Ansporn durch den Erfolg ihrer Tochter liegt?

Seit rund zehn Jahren sorgt Bridgewaters 1978 geborene Tochter China Moses für Furore in der Jazz-Szene - zuletzt mit ihren Tribute-Album für Dinah Washington. Zwar wird Moses ihre Mutter bei der jüngst gestarteten Tournee nicht begleiten, dafür aber ihre Begleitband, die schon auf der CD beweist, dass der Jazz lebt - obwohl viele seiner größten Protagonisten längst tot sind.


Dee Dee Bridgewater: "Eleanora Fagen: To Billie With Love From Dee Dee" (Emarcy/Universal)

T ourdaten:
12. April 2010 Laeiszhalle, Hamburg
15. April 2010 Liederhalle Stuttgart
25. April 2010 Schloss Heidelberg, Königssaal
26. April 2010 Alte Oper Frankfurt

Diesen Artikel...

Aus Datenschutzgründen wird Ihre IP-Adresse nur dann gespeichert, wenn Sie angemeldeter und eingeloggter Facebook-Nutzer sind. Wenn Sie mehr zum Thema Datenschutz wissen wollen, klicken Sie auf das i.

Auf anderen Social Networks posten:

  • studiVZ meinVZ schülerVZ
  • deli.cio.us
  • Xing
  • Digg
  • Google Bookmarks
  • reddit
  • Windows Live

Forum

insgesamt 2 Beiträge zum Forum...
Die neuesten Beiträge:
13.03.2010 von Jeeeves: ach...

Will ich Lady Day höre, lege ich eine CD von Lady Day auf; es gibt reichlich davon, auch sehr preisgünstig. Will ich Ella Fitzgerald hören, leg ich Ella F. auf, es gibt... etc. pp. Außerdem klingt die [...] mehr...

Und Ihre Meinung? Diskutieren Sie mit! zum Forum...

News verfolgen

HilfeLassen Sie sich mit kostenlosen Diensten auf dem Laufenden halten:

alles aus der Rubrik Kultur
alles aus der Rubrik Musik
alles zum Thema Musik

© SPIEGEL ONLINE 2010
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH



Verwandte Themen







TOP



TOP