Von Rita Nikolow
Bei so einem Mammut-Œuvre kann sich die Planung schon mal um ein paar Jahre verschieben: Als das Label Naxos 1999 seine Schubert-Lied-Edition startete - mit der Winterreise, gesungen vom jungen Bariton Roman Trekel - wurde die Veröffentlichung der letzten CD dieser Reihe für 2005 veranschlagt. Erschienen ist sie diese Woche.
Der Ursprungsplan war eben extrem ehrgeizig: Das britische Label Hyperion hatte für seine Gesamtausgabe aller Schubert-Lieder mehr als doppelt so lang gebraucht; die erste Aufnahme kam 1987 auf den Markt, die letzte im Jahr 2000. Im Unterschied zur Hyperion-Ausgabe hat Naxos allerdings nur Sänger mit Deutsch als Muttersprache auf die CDs gepresst und die Reihe nach den mehr als 115 Dichtern gegliedert, deren Werke Franz Schubert in gerade einmal 31 Lebensjahren in Lieder verwandelte.
"Wir sind zu Beginn sehr optimistisch gewesen", sagt Ulrich Eisenlohr, der künstlerische Leiter des Naxos-Projekts, der viele Schubert-Lieder am Klavier begleitet hat. Verzögert habe sich das Projekt, weil es so viele Dinge zu bedenken gegeben habe: "Wir mussten uns entscheiden, wie wir mit den verschiedenen Versionen und Bearbeitungen umgehen sollten", sagt Eisenlohr. Dabei hat das Naxos-Team eng mit den Autoren der neuen Schubert-Gesamtausgabe zusammengearbeitet und so vom neuesten Forschungsstand der Internationalen Schubert-Gesellschaft profitiert.
Naxos lässt das Cello singen
Deshalb wird auf der aktuellen CD "Rarities, Fragments und Alternative Versions" zum Beispiel Schuberts frühestes überliefertes Lied, der "Gesang in C" (D1a), eben gerade nicht gesungen, sondern vom Cellisten Daniel Grosgurin gespielt. Zu der Komposition gibt es keine Textunterlegung und den Herausgebern kamen die in anderen Aufnahmen verwendeten Textergänzungen "fragwürdig" vor.
Weil das Cello aber das Instrument ist, das der menschlichen Stimme vom Tonumfang her am meisten ähnelt, klingt Grosgurins Spiel an vielen Stellen dennoch wie gesungen: dunkel und langsam in der Tiefe, klagend, melancholisch und dann doch wieder optimistisch, wenn die Melodie nach oben klettert. Grosgurin gönnt seinem Spiel viel Gefühl und lässt gelegentlich auch den Pianisten Eisenlohr die Führung übernehmen. Was Schubert wohl durch den Kopf gegangen ist, als er dieses Stück komponierte? Er war damals etwa 13 Jahre alt.
Im schmalen, aber trotzdem informativen Booklet, in dem eigentlich nur die Liedtexte fehlen, beschreibt Eisenlohr, wie das Naxos-Team mit den Kompositionen umgegangen ist. Einige sind bewusst bruchstückhaft gehalten, bei anderen wurde mit Ergänzungen gearbeitet.
Im Fragment löst der Bariton die Handbremse
Wie schön das Unvollständige klingen und wirken kann, zeigen zwei der kürzesten Stücke auf der CD: In gerade einmal 46 Sekunden schleift der Bariton Detlef Roth die Zuhörer durch die Landschaft der Schiller-Vertonung "Gruppe aus dem Tartarus" (D396) - und ist dabei so präsent und energiegeladen, dass man sich nach den 14 Takten, nach denen Schuberts Liedbegleitung abbricht, fast herausgeschleudert fühlt aus der Dichtung, wie "ein dumpfig tiefes, schweres, leeres qualerpresstes Ach, Schmerz verzerret". Dagegen klingt Roths Interpretation von Schillers "Laura am Klavier" (D388), als würde der Bariton mit angezogener Handbremse singen.
Großes Verstörungspotential beweist hingegen das Fragment der Goethe-Vertonung "So laßt mich scheinen" (D469), in dem die Sopranistin Sibylla Rubens mit ihrer glocken-, stellenweise beinahe kinderhellen Stimme die Mignon aus Goethes "Wilhelm Meister" lebendig macht - bevor diese ihr Leben aushaucht. "Zieht mir das weiße Kleid nicht aus", bittet die Kindfrau Mignon in wenigen Zeilen und kaum 20 Takten.
Und so zeigen Schubert und Naxos wieder einmal, wie viel Kraft Bruchstücke haben können.
CD "Deutsche Schubert-Lied-Edition, Folge 35: Rarities, Fragments and Alternative Versions" (Naxos, in Co-Produktion mit dem Bayerischen Rundfunk). Eine Gesamtausgabe der Einspielungen soll im Herbst erscheinen.
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