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16.03.2010
 

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Die wichtigsten CDs der Woche

Mut zum optimistischen Hymnen-Pop der Achtziger beweisen Goldfrapp auf ihrem erstaunlichen neuen Album, meint Andreas Borcholte. Und Jan Wigger findet den Ambient-Sound von Andrew Thomas nahezu unmenschlich, verzweifelt dafür aber an Eagle Seagull.

Goldfrapp - "Head First"
(Mute/EMI, 19. März)

Vermissen Sie den "Flashdance"-Soundtrack auch? Geht so, oder? Sollten Sie jedoch eine der derzeit populären Achtziger-Partys veranstalten wollen, könnten Sie einige Songs der neuen Goldfrapp-CD garantiert unbemerkt zwischen Michael Sembellos "Maniac" und Berlins "Take My Breath Away" mogeln. Nach Siebziger-Glamrock ("Supernature") und Sechziger-Hippiefolk ("Seventh Tree") knöpfen sich die cleveren britischen Pop-Plünderer Alison Goldfrapp und Will Gregory nun den maßgeblich von Produzenten wie Giorgio Moroder, Harold Faltermeyer oder Jan Hammer geprägten Bombast-Pop der Achtziger vor. Das ruft bei Angehörigen der richtigen Generation eine sehr ambivalente Nostalgie hervor, für Jüngere aber bringt es den vorherrschenden Retro-Zeitgeist wahrscheinlich kongenial auf den Punkt. Von Ironie, und das ist das Verstörende an mit allerlei Synthesizer-Sounds aus der Vergangenheit verklebten Songs wie "Head First", "Rocket" oder "Believer", ist rein gar nichts zu spüren auf diesem Album. Ist natürlich nur konsequent: Es scheint, als hätten sich Goldfrapp, wie es bereits auf früheren Alben der Fall war, komplett hineinbegeben in diese süße Soße, zu deren Genuss man unbedingt Glitzer-Lippenstift, Schulterpolster, toupiertes Haar und viel Kunstnebel braucht. Lediglich beim letzten Song "Voicething", in dem sich unzählige Gesangsspuren Alisons zu einem faszinierenden Klangkunstwerk überlappen, fühlt man sich an das bahnbrechendes Debüt "Felt Mountain" erinnert, wird die reine Hommage zu etwas Eigenem und Neuen. Ein schönes kleines Experiment, das im Herzen aber leider kalt bleibt, wie jedes akademische Projekt. (5) Andreas Borcholte

Eagle Seagull - "The Year Of The How-To Book"
(PIAS Recordings/Rough Trade, 19. März)

Als Lado-Entrepreneur Carol von Rautenkranz Mitte des letzten Jahrzehnts unverhofft die amerikanische Rock-Hoffnung Eagle Seagull an Land zog, galt das in gewissen Kreisen als Beinahe-Sensation. "Photograph", "Holy" und "Your Beauty Is A Knife I Turn On My Throat" waren drei Songs, die blieben. Doch wer nicht allzu sehr zum Sentimentalen neigte, hatte die kleine Band aus Lincoln, Nebraska bald wieder vergessen. Unter dem wenig griffigen Albumtitel "The Year Of The How-To Book" haben Eagle Seagull nun zwölf erschreckend wortreiche Songs wie "I Don't Know If People Have Hated Me, But I Have Hated People" oder "I Don't Believe In Wars, But I Do Believe In Uniforms" subsumiert, die wenig versprechen und kaum etwas davon halten. "The Year Of The How-To Book" ist eine Tragödie: Mehr als ein gutes Drittel der zwölf Stücke wurde schamlos bei Arcade Fire entlehnt, wobei man deren Feinheit und das erhebende Kathedralen-Pathos natürlich nicht einmal in Ansätzen erreicht. "We Move Like Turtles Might" (in dem Angelo Badalamentis "Twin Peaks"-Thema auftaucht) und "I Don't Know If This Is Ignorance Or Transcendence" wirken gar wie eine - allerdings ziemlich gute - Parodie auf Win Butler. Im laut Aussagen von Probanden "fetzigen" "The Boy With A Serpent In His Heart" wird in den ersten Sekunden ausnahmsweise von den White Stripes gestohlen: "The Hardest Button To Button", the easy way. (4) Jan Wigger

Andrew Thomas - "Between Buildings And Trees"
(Kompakt/Rough Trade, bereits erschienen)

Schon einige Male war der Neuseeländer Andrew Thomas aktiver Teil der "Pop Ambient"-Reihe des Kölner Elektronik-Labels Kompakt. Da seine Beiträge nie zu den Schwachstellen gehörten und es manchmal sogar schafften, das Genre zumindest in Ansätzen zu transzendieren, ist die beträchtliche Substanz von "Between Buildings And Trees" nun keine große Überraschung mehr. Thomas hat neue Musik, alte Vierspur-Aufnahmen und frühe digitale Soundschnipsel zu etwas sehr Beruhigendem zusammengefügt, dessen Entstehung fast folgerichtig erscheint: "When working on this album I would often be looking out to the sea, the hills, the mountains. I would do this a lot in the evenings - dusk, with the sun/light in its dying moments." Man verfällt leicht dem Irrglauben, alle Ambient-Alben seien grundmelancholisch, doch allein "Hazer" ist so farben- und trostreich ausgefallen, dass man bei gleichzeitigem Abspielen sogar den tödlich deprimierenden Ambient von Svarte Greiner damit aufhellen könnte. Eine fast schon unmenschliche Leistung. (7) Jan Wigger

Galaxie 500 - Re-Issues
(Domino/Indigo, 19. März)

Wie Slowdive, The Red Krayola und die Young Marble Giants gehören auch die Traumsymphoniker Galaxie 500 aus Boston, Massachusetts zu jenen Bands, die zwar überall als kapitaler Einfluss herhalten müssen, aber außerhalb von vereinzelten Redaktionsräumen und Plattensammler-Seminaren kaum noch gehört werden. Man könnte auch böse vermuten: Die Sorte Künstler, die gern in Plattenrezensionen und Artikeln auftaucht, ohne dass der Autor sie überhaupt kennt. Bands wie Yo La Tengo, Beach House oder Mazzy Star aber kennen das kurzlebige Phänomen Galaxie 500, das zuweilen den Anschein machte, nicht spielen zu können, obschon ihr Spiel so seltsam und unvergleichlich war wie das der Feelies oder Vaselines (die wirklich nicht spielen konnten). Wie kühl, klar und strukturiert (oder auch: "Cool , Calm & Collected") die Kunst des Trios bei allem Schwanken und Schwingen auch sein konnte, kann man nun auf "Hearing Voices" oder "Spook" von "This Is Our Music" oder auf dem mit endlosem Gitarrengniedeln endenden "When Will You Come Home" von "On Fire" noch einmal nachhören. Dean Wareham, der später mit Luna Kritikerliebling blieb, war kein großer Sänger, er war eigentlich überhaupt kein Sänger. Doch ein Song wie das schwermütige "Decomposing Trees" lebte ja nicht nur von der tränenmüden Stimme, sondern vom gleichmütigen Dengeln der Gitarre und dem unvergesslichen Saxofon, das in diesem Fall ganz unverhofft einsetzt. Auf den "On Fire" angefügten "Peel Sessions" covern Galaxie 500 neben den Sex Pistols auch "Don't Let Our Youth Go To Waste" von Jonathan Richman, einem anderen großen Unfertigen. Weitere Zugaben: Das Live-Dokument "Copenhagen" (auf "This Is Our Music") und die Outtake-Sammlung "Uncollected", die dem Debüt "Today" beigelegt ist. "Today" (8), "On Fire" (9), "This Is Our Music" (9) Jan Wigger
Wertung: Von "0" (absolutes Desaster) bis "10" (absoluter Klassiker)

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