SPIEGEL ONLINE: Herr Gavras, welche Funktion hat virtuelle Gewalt in unserer Mediengesellschaft?
Romain Gavras: Verzeihung, welche Funktion hat was?
SPIEGEL ONLINE: Virtuelle Gewalt: Im Fernsehen, in Computerspielen, auf Youtube, ständig sehen wir uns Schlägereien, Schießereien, Kriege an. Wofür brauchen wir das als Gesellschaft?
Gavras: Ich glaube nicht, dass wir das brauchen. Wir brauchen Brot, und wir brauchen Wasser. Aber Kultur brauchen wir nicht zwangsläufig. Irgendwie spiegelt diese fiktive Gewalt doch die Welt wider. Wir leben in einer Welt voller Gewalt.
SPIEGEL ONLINE: Sie selbst haben gerade ein verstörend gewalthaltiges Musikvideo veröffentlicht, diesmal für die britische Sängerin M.I.A. In "Born free" jagen Soldaten junge, rothaarige Männer über ein Minenfeld, bis sie in die Luft fliegen. Vor zwei Jahren haben Sie für die Elektro-Formation Justice einen Clip produziert, in dem Pariser Vorstadtjugendliche alles zusammentreten, was ihren Weg kreuzt. Jedes Mal war die Medienaufmerksamkeit ziemlich groß.
Gavras: Und die Reaktionen waren extrem. In Frankreich haben mir die einen vorgeworfen, ich sei ein Rassist, weil in diesem Clip auch Migranten prügelten. Die anderen sagten, ich sei ein Anarchist, der für Vandalismus wirbt. Wie reagieren denn die Leute in Deutschland auf den M.I.A.-Clip?
SPIEGEL ONLINE: Manche Journalisten halten das für einen erfolgreichen Marketing-Coup für M.I.A. YouTube hat das Video ja prompt ab 18 eingestuft. In jedem Fall werten es alle als eine Provokation.
Gavras: Provokation ist doch nichts Schlechtes. Was immer Sie tun, Sie provozieren - und zwar Reaktionen. Das war aber keine Marketing-Strategie. Man weiß vorher nie, was am Ende mit so einem Musikvideo passiert, was die Leute daraus machen, wie sie es sehen. Das ist doch das Spannende daran. Ich bin schließlich kein Hollywood-Regisseur. Ich will die Leute weder zum Lachen noch zum Weinen bringen. Mein Ziel ist es nicht, mit bestimmten Mitteln kalkulierte Emotionen hervorzurufen.
SPIEGEL ONLINE: Ihr Video für den Song "Stress" von Justice hatte noch etwas Mitreißendes. Ein optischer und akustischer Sog der Gewalt. "Born free" ist vor allem abstoßend.
Gavras: Wenn Sie so wollen, war "Stress" etwas harmloser. Die jungen Männer haben geprügelt und ein Auto angezündet. Diesmal wird getötet.
SPIEGEL ONLINE: M.I.A. selbst hat in einem Interview gesagt, der Clip sei als Kritik an der Anti-Terror-Politik der USA zu verstehen, der jeden zum potentiellen Verdächtigen macht. Sehen Sie das auch so?
Gavras: Ich sage ungern etwas über meine Intention. Ich möchte, dass die Leute das Video unvoreingenommen sehen. Ich will niemanden in eine Richtung lenken. Einen Freund hat "Born free" an die Situation in Palästina erinnert.
SPIEGEL ONLINE: Ist das Ihre Art, mit Kriegen und Kämpfen umzugehen, die wir nur über Fernsehen oder Internet erleben? Typisch für eine Generation, die vor lauter Frieden unterbewusst nach Gewalt sucht?
Gavras: So friedlich ist das alles gar nicht. Wir sind ganz anderen Formen von Gewalt ausgesetzt. Die Gewalt, die in Pariser Vorstädten ausbricht, ist eine Folge wirtschaftlicher Unterdrückung. Es ist auch eine Form von Gewalt, wenn das Investmenthaus Goldman Sachs Griechenland herunterstuft. Griechenland ist gerade ein ökonomisches Kriegsgebiet. Dort findet ein wirtschaftlicher Krieg statt. Banken greifen das Land an. Wir wachsen inmitten von Gewalt auf.
SPIEGEL ONLINE: Ihr Vater Constantin Costa-Gavras gilt als politisch-engagierter Filmemacher. Für "Z" hat er einen Oscar gewonnen. Wie sehr hat er Sie geprägt?
Gavras: Ich bin kulturell sehr bewusst erzogen worden. Ich habe viele russische Filme gesehen - gute übrigens. Disney dagegen war bei uns verboten. Als mein Vater so alt war wie ich heute, hatten die Leute noch politische Ideale. Mein Vater hatte eine klare Vorstellung von der Welt. Im Unterschied zu den Sechzigern oder Siebzigern verlaufen die Grenzen heute nicht mehr so klar. Die moderne Gewalt hat etwas Verwirrendes. Was ist gut, was böse? Das verschwimmt doch alles. Ich verstehe unsere Welt nicht. Ein bisschen wie Johnny Rotten: "Ich weiß nicht, was ich will. Aber ich weiß, wie ich es bekomme."
SPIEGEL ONLINE: Ist "Born free" ein politisches Statement?
Gavras: Was heißt schon politisch. Auch einen Clip von Britney Spears kann man politisch lesen.
SPIEGEL ONLINE: Wie denn?
Gavras: Naja, oder nehmen wir besser Lady Gaga. Die Idee hinter einem ihrer Videos: Es gibt nichts Neues mehr, alles wird nur recycelt, die ganzen Popstars der Vergangenheit. Lady Gaga ist auf eine Art provokativ, für die sie jeder liebt, für die alle mit ihr kuscheln wollen. Die größte Pop-Ikone der USA ist also nicht besonders einfallsreich und seltsam unecht. In ihrem Clip "Telephone" konnten Firmen außerdem Logos und Produkte gegen Geld platzieren. Künstler können heute gekauft werden wie Prostituierte. Das ist doch eine politische Aussage.
SPIEGEL ONLINE: Afghanistan, Irak, Gaza - wie erleben Sie die Kriege unserer Gegenwart im Fernsehen?
Gavras: Gar nicht. Ich habe keinen Fernseher, schon seit ich 18 bin nicht mehr. Bei mir besteht eine ziemliche Suchtgefahr. Wenn ich bei Freunden bin, schaue ich die ganze Zeit. Die Entwicklung in Griechenland interessiert mich beispielsweise sehr, die Krawalle dort. Das ist eine Reaktion auf diese finanzielle Gewalt, die dem Land angetan wird. Die jungen Leute dort wehren sich dagegen. Die stehen für etwas auf. Deren Regierung und die US-Banken wollen sie fertigmachen, aber sie lassen sich das nicht gefallen. Im Grunde sind das derzeit die einzigen jungen Europäer mit ernsthaften politischen Ansichten.
SPIEGEL ONLINE: Sind Sie eigentlich ein aggressiver Typ?
Gavras: Ich würde sagen: nein. Aber wenn Sie jemand anderen fragen, wird der Ihnen vielleicht das genaue Gegenteil erzählen. Ach, und was ich noch sagen wollte...
SPIEGEL ONLINE: Ja?
Gavras: Ich habe meinen ersten Kinofilm gedreht. Der kommt im Herbst raus, "Die Rothaarigen".
SPIEGEL ONLINE: Lassen Sie uns raten. Er hat mit Gewalt zu tun?
Gavras: Mit Alltagsgewalt, ja. Zwei Leute lassen ihr Leben zurück. Einer will ein Land nur für Rothaarige gründen. Je länger der Film dauert, desto mehr drehen die durch. Aus dem Projekt ist auch "Born free" entstanden. Das ist eine Art Auskopplung.
Das Interview führte Johannes Gernert
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