Von Reinhard Mohr
Wie war das eben noch beim Titanenkampf gegen Griechen-Pleite und Euro-Krise? Deutschland, an der Spitze "Madame Non" alias Angela Merkel, habe sich isoliert und verrannt, sei geizig, egoistisch und hartherzig, hieß es allenthalben.
Französische Meisterdenker wie André Glucksmann prophezeiten gar eine Art neuen deutschen Nationalismus, jedenfalls eine Abkehr von der europäischen Idee der grenzüberschreitenden Solidarität frei nach dem Motto der pfennigfuchsenden schwäbischen Hausfrau, an deren Tür ein unerwünschter Bittsteller klopft: "Mir gebbet nix!"
Am Horizont zeichnete sich schon ein neuer deutscher "D-Mark-Imperialismus" (Jürgen Habermas 1990) ab, an allem schuld sei sowieso die übermächtige deutsche Exportwirtschaft, die den Hals nicht voll kriegen kann, und nicht nur in Griechenland erstand der Nazi wieder auf dem Müllhaufen der Geschichte.
In einem Wort: Der böse Deutsche war zurück.
Doch plötzlich steht da ein 19-jähriges Mädchen aus Hannover auf der Bühne in Oslo und erobert beim Eurovision Song Contest, formerly known as Grand Prix d'Eurovision de la Chanson, mit ihrem Lied "Satellite" die Herzen der Europäer im Sturm.
Lena Nazionale, ein neues deutsches Fräuleinwunder.
Ungläubiges Staunen überall. Das ist nicht wahr. Wahnsinn, Wahnsinn! Dass wir das noch erleben dürfen!
Erinnerungen an Mauerfall, Wiedervereinigung und "Ein bisschen Frieden"
Spontan fiel einigen Fernsehzuschauern zu mitternächtlicher Stunde im Rotkäppchenrausch der Mauerfall von 1989 ein, das zwanzigjährige Jubiläum der deutschen Wiedervereinigung, das "Wunder von Bern" 1954, mindestens aber der letzte deutsche Triumph in der Kategorie "Bester europäischer Schmachtfetzen aus dem Jahr 1982", Nicoles Pazifismusschlager für den aufgeklärten Haushaltsvorstand: "Ein bißchen Frieden".
Was die Nacht von Oslo tatsächlich so frappant und umwerfend macht: Der geradezu triumphale Sieg von Lena Meyer-Landrut im Sangeswettbewerb unter 25 europäischen Nationen inklusive Israel war nicht nur überraschend, sensationell und also kaum zu glauben. Er stellte auch eine Denksportaufgabe ohnegleichen: Wie kann das sein? Wie ist das zu erklären?
Das gibt's doch nicht: Ein mittelmäßiger Song ohne musikalischen Höhepunkt und eingängige Melodie - wie einst bei Abba oder Dschinghis Khan -, vorgetragen von einer sehr jungen Frau im kleinen Schwarzen ohne jeden neobarock-clownesk-balkanesischen Budenzauber samt Zimmerspringbrunnen, Trockeneisnebelschwaden und Tischfeuerwerk gewinnt den Wettbewerb mit riesigem Vorsprung! Und das ganz ohne silberbestäubten nackten Bauchnabel oder aufgepumptes Megadekolleté! Ohne wild herum springende Jünger der multikulturellen Lebensfreude, ohne Trommelbrigaden und Semi-Striptease.
Wie gewann eine Schülerin, die tanzt wie ein Lehrling Joe Cockers?
Auch die Performance war, seien wir ehrlich, alles andere als erstklassig. Wer wollte, konnte in den angedeuteten tänzerischen Verrenkungen der Arme, vorwiegend der oberen Körperhälfte, eine Schülerin des frühen Joe Cocker entdecken.
Kurz: Was bitteschön hat denn den großen Unterschied gemacht, selbst wenn man berücksichtigt, dass nicht wenige Konkurrenten eher peinliche Vorstellungen abgeliefert haben?
Und vor allem: Was hat die nicht unbedingt immer deutschenfreundlichen Schweizer, was hat die Schweden, Norweger, Dänen, Finnen und Spanier dazu bewogen, die Höchstpunktzahl an "Germany" zu vergeben?
Die Motive von Millionen Menschen kann niemand im Einzelnen ergründen. Aber es gibt Anhaltspunkte. Nummer eins: Lenas Auftritt war, nicht nur des schlichten schwarzen Kleides wegen, frei von jenem billigen Bombast samt Stroboskop-lastiger Discoeffekte aus den neunziger Jahren, mit denen andere von ihrer dürftigen musikalischen Leistung abzulenken versuchten. Sie war praktisch allein auf der Bühne - ein Zeichen von Mut und Selbstbewusstsein.
Nummer zwei: Bei aller Inszenierung wirkte sie, trotz ihrer jungen Jahre, wie eine eigenständige Person, wie eine Persönlichkeit, die sich nicht hinter aufmarschierenden Zirkusmaskeraden und durch die Luft segelnden Akrobaten zu verstecken braucht. Seht her, sagte sie, das bin ich. Nicht mehr und nicht weniger. So repräsentierte sie das gerade Gegenbild zu jenen aufgedonnerten Turboblondinen, die vom ersten Augenblick die Ausstrahlung aufgemotzter Plastik-Bombshells vermittelten, deren letzter Friseurtermin exakt fünf Minuten zurückliegt.
Nummer drei: In all dem Glitter und Glamour verkörperte Lena Meyer-Landrut eine Unverbrauchtheit und Frische, die man nur bis zu einem gewissen Grad künstlich vortäuschen kann. Der Rest ist echte jugendliche Chuzpe, die freche Anmaßung, sich auf die größte Bühne der europäischen Populärmusik zu begeben, ehe man sein Abitur in der Tasche hat.
Gesicht eines neuen Deutschlands
Vielleicht ist es auch dieser kräftige Schuss eines charmanten Individualanarchismus, der Millionen Europäer zur Stimmabgabe für "Germany" bewogen hat.
Lenas Gesicht ist offensichtlich auch das Gesicht eines neuen Deutschland.
Schon 1945, als das Land der Nazi-Verbrecher in Trümmern lag, gab es ein sogenanntes deutsches Fräuleinwunder, das nicht zuletzt das Staunen darüber war, dass die Deutschen, die in fast ganz Europa schrecklich gewütet haben, auch ganz anders sein können - und ganz anders sind.
So besteht das größte Wunder der Nacht von Oslo in der Erkenntnis, dass die historisch nur zu verständlichen Ressentiments gegen Deutschland für die große Mehrheit der europäischen Völker inzwischen keine Rolle mehr spielen.
Im Gegenteil: Aus dem ewigen Malus scheint ein Bonus geworden zu sein. So erinnert das Wunder von Oslo doch ein bisschen an das "Sommermärchen" während der Fußballweltmeisterschaft 2006 in Deutschland.
Und wer weiß: Womöglich entwickelt Lenas spektakulärer Erfolg auch noch Schubkraft für Jogi Löws WM-Kicker.
Jetzt ist alles möglich.
| Die Ergebnisse des Eurovision Song Contests 2010 | ||||
| Rang | Land | Interpret | Titel | Punkte |
| 01. | Deutschland | Lena Meyer-Landrut | Satellite | 246 |
| 02. | Türkei | maNga | We Could Be The Same | 170 |
| 03. | Rumänien | Paula Seling & Ovi | Playing With Fire | 162 |
| 04. | Dänemark | Chanée & N'evergreen | In A Moment Like This | 149 |
| 05. | Aserbaidschan | Safura | Drip Drop | 145 |
| 06. | Belgien | Tom Dice | Me And My Guitar | 143 |
| 07. | Armenien | Eva Rivas | Apricot Stone | 141 |
| 08. | Griechenland | Giorgos Alkaios & Friends | OPA | 140 |
| 09. | Georgien | Sofia Nizharadze | Shine | 136 |
| 10. | Ukraine | Alyosha | Sweet People | 108 |
| 11. | Russland | Peter Nalitch & Friends | Lost And Forgotten | 98 |
| 12. | Frankreich | Jessy Matador | Allez Olla Olé | 98 |
| 13. | Serbien | Milan Stankovic | Ovo Je Balkan | 82 |
| 14. | Israel | Harel Skaat | Milim | 71 |
| 15. | Spanien | Daniel Diges | Algo Pequeñito (Something Tiny) | 68 |
| 16. | Albanien | Juliana Pasha | It's All About You | 62 |
| 17. | Bosnien-Herzegowina | Vukašin Brajic | Thunder And Lightning | 51 |
| 18. | Portugal | Filipa Azevedo | Há Dias Assim | 43 |
| 19. | Island | Hera Björk | Je Ne Sais Quoi | 41 |
| 20. | Norwegen | Didrik Solli-Tangen | My Heart Is Yours | 35 |
| 21. | Zypern | Jon Lilygreen & The Islanders | Life Looks Better In Spring | 27 |
| 22. | Moldawien | Sunstroke Project & Olia Tira | Run Away | 27 |
| 23. | Irland | Niamh Kavanagh | It's For You | 25 |
| 24. | Weissrussland | 3+2 | Butterflies | 18 |
| 25. | Großbritannien | Josh | That Sounds Good To Me | 10 |
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Es kommt im Rock&Pop mehr auf den Ausdruck der Stimme an, als auf Schönheit und Gesangstechnik. Die Töne sollte der Sänger natürlich schon treffen. Grönemeyers Stimme passt gut zu seinen Songs und richtig intonieren tut er [...] mehr...
Opa kam bei dem Wettkampf den er damals im Auslnd veranstaltet hat aber nicht so gut an wie Lena. mehr...
Der damalige Siegertitel war an Dümmlichkeit und Schlichtheit kaum zu überbieten. Dazu jämmerlicher Gesang und simples Gitarrengeschrammel. Man wäre froh gewesen Nicole hätte damals statt deutsch einen unverständlichen [...] mehr...
Mit "Get a Life" ist ein eigenes Leben gemeint, also nicht einfach irgendjemandes Identität klauen! mehr...
Allerdings gilt das für alle Teilnehmer, so dass das Gleichgewicht wieder hergestellt ist. mehr...
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