Von Hans Hielscher
Den Briten hat Wynton Marsalis mehr geboten als einfach nur Konzerte: An drei Tagen in diesem Juni gingen der Trompeter und die Mitglieder seines Lincoln Center Orchestra in Londoner Schulen, um mit Kindern und Jugendlichen zu musizieren. Außerdem gaben sie Musik-Workshops und Swing-Tanzkurse in der Town Hall von Stoke Newington und dem Hackney Empire, zwei populären Veranstaltungsorten im Londoner Osten.
Das ungewöhnliche Gastspiel in London gehört zu Marsalis' Mission, Menschen in aller Welt für den Jazz zu begeistern. Kunst und besonders Jazz, schreibt der auch als klassischer Musiker gefeierte Trompeter, "ist imstande dein Leben zu verbessern und zwar dauerhaft". Sein Buch "Moving to Higher Grounds - How Jazz Can Change Your Life" ist jetzt unter dem Titel "Jazz, mein Leben" auf Deutsch erschienen.
Das Buch kratzt am Denkmal Miles Davis
Auf gut 200 Seiten erzählt der 1961 in New Orleans geborene Afro-Amerikaner, wie er zum Jazz kam und was diese Musik von anderen Genres unterscheidet. Er erklärt die Grundbegriffe, beschreibt anschaulich die Aufgaben der Instrumente in einer Band, etwa von Piano, Gitarre, Bass und Schlagzeug: "Wenn alles gut läuft, funktioniert die Rhythmusgruppe wie ein Trampolin - fest und federnd, und alle anderen dürfen darauf herumspringen und sich amüsieren." Die Meister des Jazz porträtiert Marsalis keineswegs als Ikonen: "Von Miles Davis lernen wir zweierlei", schreibt er. "Im ersten Abschnitt seiner Karriere von 1945 bis Mitte der Sechziger ging es um Kunst. Im zweiten Kapitel vom Ende der Sechziger bis zu seinem Tod 1991 ging es um Ruhm und Geschäft. Miles verkörpert das alte Sprichwort: die Korruption des Besten ist das Schlimmste." Es sind Sätze, die Davis-Fans auf die Barrikaden treiben.
Auch Rock und Rap kriegen ihr Fett weg
Marsalis bedauert, dass der Rock den Jazz überrollte, dass Gruppen "wie die Rolling Stones, die aus England kamen und schwarze Amerikaner imitierten", mehr Anerkennung fanden "als unsere eigenen Leute". Jazz - ja. Rock - nein. Da verwundert es nicht, dass der Jazzmusiker vernichtend über den Rap urteilt (ohne genau zu sagen, dass er wohl lediglich den sogenannten Gangster-Rap meint). Mit ihm sei das Musikgeschäft "wieder bei den Minstrel Shows angelangt". Soll heißen: So wie einst schwarz geschminkte weiße Clowns Neger als fröhliche Idioten darstellten, so verkörpern heute Afro-Amerikaner Stereotypen, wenn sie den gewalttätigen, Frauen verachtenden, nach Reichtum strebenden Macho verherrlichen. "Die Minstrelrapper", schreibt Marsalis, "verdienten Millionen damit, Ghettoträume in die Vorstädte zu verkaufen."
Eine bessere Welt findet der Musiker im Swing, womit er weniger den Stil als die elementare rhythmische Qualität des Jazz meint. "Wir müssen den Swing wiederbeleben", schreibt er, "und zwar nicht aus törichter Nostalgie, sondern weil er ein moderner Rhythmus ist. Er passt besser in die zunehmend vereinheitlichte Welt von heute als alles, was ein Drumcomputer produziert oder Leute aufnehmen, die nicht einmal zusammen im selben Aufnahmestudio sind."
Der Traditionalist Marsalis geht in seinem Bekenntnis-Buch nicht auf Entwicklungen in Europa ein, dabei sind seine beiden neuen Alben hier entstanden: Auf dem Jazz-Festival im französischen Marciac trat sein Quintett mit dem Akkordeon-Virtuosen Richard Galliano auf, und in Vitoria-Gasteiz, im spanischen Baskenland, spielte Marsalis mit seiner Bigband und einheimischen Gästen die von ihm komponierte Vitoria Suite ein. "In diese Suite kann man sich stundenlang versenken", schwärmt der Flamenco-Gitarrist Paco de Lucía, der in zwei Sätzen des zwölfteiligen Werkes dabei ist.
Buch:
Wynton Marsalis: "Jazz, mein Leben - Von der Kraft der Improvisation". (Nähere Angaben siehe oben links.)
CDs:
Wynton Marsalis & Richard Galliano: "From Billie Holiday to Edith Piaf - Live in Maciac";
Jazz at Lincoln Center Orchestra feat. Wynton Marsalis & Paco de Lucía: "Vitoria Suite". (Nähere Angaben siehe oben links.)
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..beim Gangsta-Rap hat er sicher Recht, der Gute, aber er sollte nicht vergessen, dass die schwarzen Musiker erst durch die "Rolling Stones" und andere Weiße (Clapton und Cream, British Blues z.B.) aus der Versenkung [...] mehr...
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