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06.07.2010
 

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Die wichtigsten CDs der Woche

Agitprop-Künstlerin M.I.A. hat viel zu viel Stress mit sich selbst, meint Andreas Borcholte. Jan Wigger indentifiziert sich mit der zum Vermächtnis gewordenen Danger Mouse/Sparklehorse-Koop "Dark Night Of The Soul" und empfiehlt Woody Allen die Texte von The Wave Pictures.

M.I.A. - "Maya"
(XL/Beggars Group/Indigo, 9. Juli)

Ein Album von M.I.A. alias Maya Arulpragasam zu hören, hat mit normalem Musikkonsum nichts zu tun: Sprödes Beat-Stakkato, rasante Rhythmus-Wechsel und Sequencer-Salven erschaffen eine Atmosphäre wie in einem Kriegsgebiet: Alles fliegt dir um die Ohren. Aber der Stress hat Methode. Man soll sich ja gar nicht entspannen können, man soll sich agitieren lassen von der Tochter eines Freiheitskämpfers aus Sri Lanka, die in den vergangenen Jahren zur weltweit anerkannten Agitprop-Ikone der Electro-Szene aufgestiegen ist. Nach einem Album für ihren Vater ("Arular") und einem für ihre Mutter ("Kala") stellt sich die unlängst selbst Mutter gewordene Künstlerin jetzt selbst in den Mittelpunkt: "Maya" nennt sie ihre dritte Platte, die mit ihrer musikalischen Shock-and-Awe-Strategie zwar immer noch Schweißausbrüche und Tinnitus-Alarm auslöst, insgesamt aber weitaus melodischer geworden ist. Stücke wie "XXXO", die sich mit viel Verschwörungsparanoia um die Tücken der modernen Internetkommunikation drehen, verlassen den gewohnten europäisch-weltmusikalischen Dancehall/Techno-Kosmos und driften in Richtung R'n'B. Mayas hochzeitsbedingter Umzug von London nach Kalifornien macht sich da auffällig bemerkbar.

Was nicht heißen soll, dass die Luft raus ist und der Ausverkauf an den großen US-Entertainment-Mainstream begonnen hat. Jedenfalls noch nicht, denn die Texte haben es nach wie vor in sich. In "Lovealot" zum Beispiel erzählt sie die - wahre - Geschichte der jungen "Schwarzen Witwe" Dzhennet Abdurakh-Manova nach, die die Tötung ihres Ehemanns, einem islamistischen Terroristen, mit einem Selbstmordanschlag in der Moskauer U-Bahn ahndete. "I really love a lot" singt M.I.A. im Refrain, die letzten Silben so gehaucht, dass man auch "love Allah" heraushören könnte. Die 32-Jährige stellt sich - mit mehr oder minder naiver Perspektive - gerne an die Seite der Terroristen, früher beschränkte sich ihr Engagement auf die umstrittenen Tamil Tigers ihrer Familienheimat Sri Lanka, heute provoziert sie mit Sympathien für die Taliban und andere Islamisten. Die Textzeile "I fight the ones who fight me" (aus "Lovealot") ist daher auch ein Selbstgespräch. Besser auf den Punkt bringt es ein Zitat aus dem auf einem Suicide-Sample dahinrasenden "Born Free", dessen blutiger Videoclip von Romain Gavras für eine Kontroverse sorgte, dabei geht es eigentlich immer nur um M.I.A. against the world: "I throw this shit in your face when I see you/ Cause I got something to say." Manchmal wird der ganze gut gemeinte Stress eben auch zum Selbstzweck. (7) Andreas Borcholte

Danger Mouse And Sparklehorse - "Dark Night Of The Soul"
(Parlophone/EMI, 16. Juli)

So verfinstert und gottverlassen die guten alten Platten, die Mark Linkous als Sparklehorse aufnahm, auch waren: Als der Mann aus der Dunkelkammer sich im März mit einer Pistole ins Herz schoss, kam das so plötzlich und unerwartet wie der erste Sommerregen. Kaum etwas ist anstrengender, ja lästiger, als mit Menschen zu diskutieren, die Selbstmord für feige und moralisch verwerflich halten, die glauben, dass auch der depressive Mensch sich durchzubeißen hat und sich für alles eine Lösung findet. Mark Linkous aber hatte keine Lösung mehr, auch seine Bewunderer, die sich nun auf "Dark Night Of The Soul" zusammenfinden, konnten nicht helfen. Nun ist dieses gar nicht missgelaunte Album, das der Sänger gemeinsam mit Brian Burton (Danger Mouse) bereits 2009 fertigstellte und das wegen rechtlicher Querelen monatelang durchs Internet geisterte, zum Vermächtnis geworden: "In memory of Mark Linkous and Vic Chesnutt." Der komische Prophet Wayne Coyne säuselt "Revenge", David Lynch meldet sich im Titelstück aus der Grube, Julian Casablancas ("Little Girl"), Suzanne Vega ("Man Who Played God") und Ex-Grandaddy-Flüsterer Jason Lytle ("Jaykub") schalten auf Autopilot, Iggy Pop knödelt sich rüstig durch "Pain". Leider steuert Pixies-Berserker Black Francis ein besonders breitbeiniges Lied bei, das es mit jeder B-Seite der Stone Temple Pilots aufnehmen kann. Mark Linkous ist tot, doch wir haben die Songs: "Heart Of Darkness", "Don't Take My Sunshine Away" und "Homecoming Queen". (7) Jan Wigger

The Wave Pictures - "Susan Rode The Cyclone"
(Little Teddy, Cargo, bereits erschienen)

Zur neuen LP der Wave Pictures liefert die Plattenfirma einen Begleittext, der vergangene Kooperationen mit Herman Dune, Daniel Johnston, Jeffrey Lewis, den Mountain Goats und Darren Hayman von Hefner bestätigt. Gut zu wissen, wo sich doch ohne Infoschreiben unsere Überzeugung verfestigt hätte, dass es sich bei Wave-Pictures-Sänger David Tattersall (Ja, ein Engländer) und Darren Hayman um ein und denselben Geek handelt. Und war Hayman vor der grandios verhinderten Hefner-Weltkarriere nicht als Gordon Gano von den Violent Femmes bekannt? Der mal rumpelige, mal konzentrierte Sehnsuchtsfolk der Wave Pictures klingt nach angestaubtem Jugendzimmer mit Jonathan-Richman-Porträt, die Texte sind so schlau, dass man nach dem Genuss von "Susan Rode The Cyclone" auf der Stelle drei Hammerfall-Platten hintereinander benötigt, um nicht vor mutwillig entwendeter Hochschulreife zu implodieren. "Under the big blue building at night/ Above the white steel tube lights/ Inside the fences on Hackney Downs/ Running along on the overground line/ We banged nails into the rail/ That twisted from your thumb onto my finger/ With frozen chickens in your lids/ Crow's feet eyes and wrinkles running over/ And already yellow teeth." Die möglicherweise einzige Popgruppe, die Woody Allen nicht verachten würde - wenn man die Lyrik in Form einer Depesche verschickt und ihn mit der Musik verschont. (8) Jan Wigger

School Of Seven Bells - "Disconnect From Desire"
(Future Time Hobby/PIAS, 16. Juli)

Manchmal ist eine Idee so brillant, dass man sie über die Jahre und Jahrzehnte nur noch leicht verändern und verfeinern muss. Sieht man sich den letzten, großartigen Todd-Solondz-Film "Life During Wartime" an, so sind auch dort wieder alle Charaktere, alle Kalamitäten und Konzepte versammelt, die schon in den frühen Arbeiten des enttäuschten Idealisten angelegt waren. Auch die Konzerte von John Garcia, der letzthin noch einmal die geliebten Kyuss-Schinken spielte, führten zu einer beglückenden Erkenntnis: Was Genie war, bleibt Genie. Das also, was bei Bad Religion (immer dasselbe Album) und Arjen Robben (immer dasselbe Tor) in Konservatismus erstarrt, wird in anderen Händen zu Gold. Siehe School Of Seven Bells: Eine Art Musik gewordene "Zero Church", die auch auf "Disconnected From Desire" wieder die traumschweren 4AD-Gitarren hallen lässt, als hätten wir noch 1985. Der Rückgriff auf bessere Zeiten funktioniert: Wie zuvor schon "Alpinisms" wird nun auch "Disconnected From Desire" von einem weichherzigen Hit ("Windstorm") eingeleitet. Danach New Order ("Heart Is Strange") und ein elektronisches Hohelied auf Lisa Gerrard ("Camarilla"). Für Leute, denen die Krachplatten von Miranda Sex Garden zu krank waren. (7) Jan Wigger

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Danke, geil. Unplugged in Poznan. (http://www.youtube.com/watch?v=mgH2ORoL0H4) mehr...

06.02.2012 von kuechenchef:

Ja nu, zwischen sechs Monate Wartezeit nach VÖ auf CD wie bisher und Bestellungen beim Label in den USA für Platten in lustigen Vinylfarbkombinationen ist dann doch noch irgendwie ein Unterschied. Aber schee sans scho... [...] mehr...

04.02.2012 von oasis:

Aha, ganz was Neues. ;D mehr...

04.02.2012 von Ion:

Gentle Giant Cogs in Cogs 1974 Brussels - YouTube (http://www.youtube.com/watch?v=jJYe9EFFeec&feature=related) mehr...

03.02.2012 von Jetty_Hitsch: Bap

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