Ich will einfach nur meine Ruhe. Nur ein wenig. An alles habe ich mich doch schon gewöhnt. An die Martinshörner zu jeder Tages- und Nachtzeit. An die satten Beats aus den offenen Schiebedächern. An die Motorräder und aufgebohrten Mopeds sowieso. Gewöhnt habe ich mich an die lautstarken Selbstvergewisserungsschreie der Halbwüchsigen; an die Pizzabäcker aus dem Laden unten im Haus, wenn sie die Kunden rufen, die auf der Straße auf ihre Bestellung warten: "Pizza tonno!" "Pizza vegetaria!" "Pizza primavera!"; das laute Gelächter der Betrunkenen, Abend für Abend, direkt unter meinem Balkon.
Aber das macht nichts: Ich sitze gerne auf meinem Balkon, ich habe nur den einen, und wir leben freiwillig in dieser Ecke Berlins, mitten im Graefekiez in Kreuzberg, der sich seit einigen Jahren zu einem internationalen Ausgehviertel entwickelt hat. Nicht weit von hier wohnt Cem Özdemir, und um die Ecke am berüchtigten Kottbusser Tor wird offen mit harten Drogen gehandelt. Sogar an diese Umstände habe ich mich gewöhnt. Aber eines kann ich nicht ertragen: Straßenmusik. Diese ganzen Leierkastenspieler und Instrumentendilettanten.
Dabei liebe ich Musik. Früher ist es mir passiert, dass ich zu spät ins Büro gekommen bin, weil morgens im Zwischengeschoss des U-Bahnhofs einer auf einem Anglerstuhl saß und auf seinem Akkordeon Chopin gespielt hat, so schön, dass ich mich nicht los reißen konnte. Jemand hat mir einmal erzählt, dass in Berlin viele verarmte Virtuosen auftreten, ausgebildete Orchestermusiker, die in ihrer Heimat sehr schlecht bezahlt werden, und sich hier in den U-Bahn-Schächten ein Zubrot verdienen. Ich glaube das sofort. Denn man kann in Berlin echt gute Musik auf der Straße hören: Klassik, oder eine durchgeknallte Jazz-Band, oder auch mal eine Ambient-Rumba-Combo. Selbstverständlich und leider auch den schlechten, überambitionierten, jungen (wahlweise auch: schlechten, gescheiterten, alten) Selfmade-Rockstar mit Wandergitarre.
Aber all das ist harmlos. Darum geht es hier nicht. Hier geht es um Terror.
Nein: Immer wieder e und d!
Angefangen hat es vor einigen Jahren mit einer Person, die meine Frau und ich bald "Flötenkind" getauft hatten: ein kleiner Junge von vielleicht neun Jahren mit einer Blockflöte. Jeden Tag um dieselbe Uhrzeit stellte er sich unten an die Straßenecke und begann, Beethovens "Ode an die Freude" zu spielen. Das allein wäre schon schlimm, aber vielleicht noch erträglich gewesen. Doch leider war das Flötenkind nicht gut an seinem Instrument ausgebildet worden und wusste offenbar nicht, dass Beethoven die Melodie nach den ersten vier Takten wesentlich variiert. Und so flötete der Kleine diese ersten vier Takte in Endlosschleife. Nie folgte im achten Takt die erlösende d-c-Kombination, nein, immer wieder e und d. Und als er diese Beethoven-Beleidigung etwa zwölf Mal durch hatte, hielt er inne, klapperte die Kneipengäste mit einem Pappbecher ab, damit sie ihm Honorar spendeten, bewegte sich zwanzig Meter weiter. Und begann wieder von vorne.
Da hatte ich ja noch keine Ahnung von dem, was kommen sollte. Ein, zwei Jahre war es, nun ja, ruhig. Und dann brach der Sturm los. Mittlerweile spielen drei verschiedene Straßenmusikcombos täglich unter meinem Balkon. Es beginnt um die Mittagszeit mit einer undefinierbaren Dudelmelodie aus zwei Schifferklavieren, man hört sie schon, wenn sie um die Ecke biegen. Immer dieselben vier Takte, ohne Unterbrechung. Mittags bin ich selten daheim, das macht also nichts.
Aber abends, gegen acht, wenn der kleine Sohn im Bett ist und wir uns endlich ein wenig auf dem Balkon entspannen wollen, kommt die nächste Ladung an: eine dreiköpfige Familie. Der Vater bearbeitet mit glasigem Blick die Ziehharmonika. Die Mutter bedient ohne jedes Taktgefühl ein Tamburin. Der Sohn schwärmt aus, um bei den Passanten Kleingeld einzutreiben. Mit dieser Arbeitsteilung müssen sie nie aufhören zu spielen. Furchtbar langsam schlendern sie die Straße entlang, ohne jedes Interesse an dem, was sie da spielen. Wahrscheinlich schlafen sie nie, wandern vierundzwanzig Stunden durch die Stadt, wahrscheinlich haben sie auch kaum eine andere Wahl, aber egal - wenn sie einmal durch sind, kommen sie auf jeden Fall wieder zu uns.
Ich will meine Situation keinesfalls mit der von Folteropfern vergleichen
Der Höhepunkt folgt regelmäßig gegen zehn Uhr am Abend: das Medley des Grauens. Es beginnt mit einer unglaublich schlecht gespielten Version der "Schicksalsmelodie" aus dem Film "Love Story", die nach wenigen Takten umschlägt in den Latino-Klassiker "Bésame mucho" und sich dann wandelt in etwas, dessen Titel ich zum Glück nicht kenne, das ich aber mittlerweile im Schlaf heruntersingen könnte. Es gibt kein Entkommen. Wenn die Musik beginnt, erstirbt unser Gespräch. Die leiernden Melodien bohren sich in unser Bewusstsein, ob wir wollen, oder nicht. Wir sind ausgeliefert.
Es gibt Berichte darüber, wie CIA und US-Armee versucht haben, den Widerstand terrorverdächtiger Gefangener zu brechen, indem sie ihnen wieder und wieder das selbe Kinderlied vorspielten. US-Medien haben sich darüber lustig gemacht, weil das so schlimm doch alles gar nicht sei. Ein harmloses Kinderlied, haha! Ich will meine Situation keinesfalls mit der dieser Folteropfer vergleichen, ich will nur anmerken: Darüber kann ich nicht lachen. Ich erwäge den Einsatz von Wasserbomben.
Unsere akustische Misere ist Folge des zunehmend touristischen Charakters des Viertels: Das Publikum wechselt ständig, deshalb sind hier immer wieder Menschen bereit, Geld für "Bésame mucho" zu bezahlen, auch, wenn es schlecht gespielt ist. Die Eingesessenen müssen damit leben, nur noch Staffage eines Vergnügungsparks zu sein, eines animierten Museums, eines Zoos, in dem nichts Neues mehr passiert, nur jeden Tag dasselbe um dieselbe Uhrzeit. Neun Uhr: Fütterung der Tapire. Zehn Uhr dreißig: Schicksalsmelodie.
Vielleicht wäre es ja langsam an der Zeit, wegzuziehen, den Zoo sich selbst zu überlassen. Aber eigentlich gefällt es uns hier ganz gut. Vielleicht sollten wir einfach nicht so viel Zeit auf unserem Balkon verbringen, sondern ausgehen, in andere Viertel, wo wir die Musik noch nicht kennen. Aber dann müssten wir unsere Babysitterin öfter engagieren. Und das kostet Geld. Woher soll das kommen?
Irgendwo habe ich doch noch meine alte Blockflöte liegen.
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Nein, manche Nachbarn wohnen hier schon 30-40 Jahre und hatten ein funktionierendes Miteinander. Dann kommen die Dokumentarfilmer, dann die Latte-Cafés, dann die blökenden Party-Touristen, dann die Akkordeonspieler, dann aber [...] mehr...
Danke für ihren Beitrag, 100%ige Zustimmung von mir! Ich sehe Straßenmusik im Großen und Ganzen als kulturelle Bereicherung an. 10 Euro pro Monat für die (guten) Musiker ist mir dies schon seit Jahren wert! Warum jetzt hier auf [...] mehr...
Dann braucht man aber eine Dachgeschosswohnung z.B. im sanierten Altbau in Mitte. Nur, wer soll das bezahlen? Fakt ist, dass Normalbürger in Berlin eigentlich nie seine Ruhe hat. Musikanten sind da noch das geringste Übel. [...] mehr...
Wer in Berlin in einem "solchen Kiez" wohnt, weiß das vorher - Frage nur, warum er sich dann beschwert? Lieber Autor, wer in B keine Wohnung findet, wo er seine Ruhe hat, dem ist wohl nicht zu helfen! mehr...
Das ist auch in München längst Pflicht. mehr...
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