Aus Göteborg berichtet Werner Theurich
Göteborgs eher beschauliche Innenstadt bebt an diesem Mittag, denn die Schüler des Abiturjahrgangs 2010 feiern ihren Abschluss: Autokorsos mit US-Straßenkreuzern, Technobeat aus dicken Boxen und reichlich Schaumwein befeuern die Feierlust der künftigen Studenten. Hübsch sieht das aus, wenn junge Schweden feiern - und sehr stilbewusst. Denn die Party steigt inmitten von Göteborgs Tempeln der Hochkultur: Gleich daneben auf dem Götaplatz liegen das Kunstmuseum, das Stadttheater und das Konzerthaus der Stadt.
Hier probt Gustavo Dudamel an diesem Mittag mit den Göteborger Symphonikern die fünfte Symphonie von Dimitri Schostakowitsch. Schallisoliert, versteht sich, von der Party also abgeschlossen. Der Maestro aus Venezuela ist zwar ein Experte für "Fiesta" (so der Titel eines seiner Alben), doch alles zu seiner Zeit.
Gustavo Dudamel, 29 Jahre alt und inzwischen ein internationaler Stardirigent, absolviert derzeit ein hartes Jahr, denn die Leitung von drei Orchestern auf drei Kontinenten bringt auch ein stets gutgelauntes Energiebündel wie Dudamel ans Limit. Das Simon Bolivar Youth Orchestra, kulturelles Flaggschiff seiner venezolanischen Heimat, läuft zwar fast wie ein Uhrwerk, doch seine zusätzlichen Verpflichtungen als Chef in Los Angeles und Göteborg kosten ordentlich Kraft; beide Orchester befinden sich unter seiner Leitung noch in der Formungsphase.
Zum ersten Mal in seiner Laufbahn wehte dem erfolgsgewohnten Jungdynamiker überdies in Kalifornien der harsche Wind der Kritik entgegen: Seine Verpflichtung sei wohl eher aus optischen und marketingtechnischen Überlegungen erfolgt, denn aufgrund seiner musikalischen Meriten, mäkelte ein Kritiker der "Los Angeles Times". Natürlich lächelt Dudamel über so etwas ebenso souverän hinweg, wie er die Göteborger Philharmoniker derzeit auf Weltniveau trimmt. Seine Rolle als Hoffnungsträger spielt er herunter: "Ich tue nichts anderes als viele junge Dirigenten: Wir kümmern uns um die Musik und arbeiten hart!"
Nur nicht verbiegen
Für harte Arbeit ist Schostakowitsch genau der richtige Komponist. Dessen Fünfte ist ein gut geeignetes Stück Renommiermusik voller melodischer Kraft und rhythmischem Glanz. Musik als Soundtrack ihrer Zeit: Schostakowitsch versuchte damit die übel gelaunte Sowjetführung zu beschwichtigen, der seine Musik zu wenig volksnah erschien.
Die Oberfläche des Werkes - 1937 komponiert - klingt also glatt poliert, den Hintergrund des schillernden Fetzers allerdings bildet Schostakowitschs Versuch, sich künstlerisch nicht verbiegen zu lassen. Eine vage Parallele auf Dudamels Verhältnis zur Chávez-Regierung? Die möchte den Musikbotschafter schließlich stets als glühenden Patrioten an ihrer Seite wissen. "Ich bin kein politischer Mensch!" bügelt Dudamel solche Fragen ab. Dabei lächelt er gequält charmant, möchte nicht mauern, nur eben lieber über Musik reden, und sonst nichts.
In der Probe formt Dudamel seinen Schostakowitsch detailversessen und sicher, führt das Orchester als Entertainer. Dabei singt er gern mal die Oberstimmen mit solistischer Präzision, springt temperamentvoll auf dem Podium herum und schlägt den Takt mit der darstellerischen Lust eines Leonard Bernstein. Über seinen Probenstil redet er wie ein moderner Pädagoge: "Die Arbeit eines Dirigenten muss ganz natürlich sein! Kein Lehrer kann einem das Leiten eines Orchesters beibringen, man lernt stets zusammen mit den Musikern." Folglich will Dudamel sein Orchester motivieren, nicht knechten. Der Erfolg in den Konzerten gibt ihm Recht.
Eine klangvolle Ohrfeige
Wenn Dudamel einstudiert, erarbeitet er melodiöse Nuancen im Spiel, nicht durch endloses Wiederholen einzelner Parts. Er spürt den Unterströmungen der Partitur nach und vermeidet bei Schostakowitsch konsequent alle denkbaren Schärfen - ein Interpretationsansatz, der dieser trotzigen, nur scheinbar gefälligen Klanginstallation mit Technik gerecht werden will. Er thematisiert die polierte Oberfläche der Appeasement-Symphonie als Statement überlegener Distanz: Schostakowitschs klatschende Ohrfeige fürs kommunistische Regime.
Ansonsten pflegt Gustavo Dudamel ein solides Repertoire zwischen Beethoven, Tschaikowski, Mahler, garniert mit Komponisten seiner südamerikanischen Heimat. Die Revolution findet aus historischer Sicht statt: Auf seiner jüngsten CD "Rite" (Deutsche Grammophon) koppeln er und sein Bolivar-Orchestra wohlfeilen Strawinsky ("Le Sacre du Printemps") mit orchestralem Groove von Silvestre Revualtas (1899-1940) und "La Noche de los Mayas" - quasi die mexikanisch flackernde Version von Strawinskys europäischer Rhythmus-Glut. Wild klingt heutzutage anders, doch "Le Sacre du Printemps" sei "immer noch ein aufregendes Lehrstück über Rhythmus, über Klangfarbe, aber auch darüber, wie sich die Zeiten wandeln, wie sich die Kunst generell, nicht nur die Musik verändert. Ein Kampf, und den lässt Strawinskys Komposition hören", so Dudamel.
Eines hat Dudamel den meisten seiner jungen Dirigenten-Kollegen voraus: Sein Temperament, seine Leidenschaft treiben seine Interpretationen zu emotionalen Höhepunkten, wie sie derzeit nicht viele erzeugen können. Seine Konzerte werden regelmäßig zu Spektakeln - ganz egal, welches der drei Orchester er gerade vorführt. In Zeiten einer viel diskutierten Klassikkrise kommt es auf diese Starqualitäten an. Was soll's also, wenn das nach Fiesta aussieht - Hauptsache, der Konzertsaal bebt.
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Sie vergassen zu erwähnen, dass er kürzlich auch die Berliner Philharmoniker dirigiert hat, hervorragend. Sir Simon Rattle schätzt ihn sehr hoch ein. mehr...
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