Mutter - "TRINKEN SINGEN SCHIESSEN"
(Die eigene Gesellschaft)
Die Missachtung der Berliner Band Mutter zählt zu den größten Verbrechen der jüngeren Musikgeschichte. Wagte man es einmal, einem Redakteur das "Thema" Mutter vorzuschlagen, musste man froh sein, wenn es hieß: "Kennen unsere Leser doch sowieso nicht.". Denn die häufigste Antwort lautete ja: "Wer oder was ist Mutter? Wer ist Max Müller?" Max Müller ist Gesamtkünstler, einer der letzten, er hat Kaltnadelradierungen hergestellt, sie auf feines Büttenpapier drucken lassen und 99 Fans gefunden, die es ihm durch diese Form der privaten Schuldverschreibung ermöglichten, ein neues Mutter-Album aufzunehmen. Um das Wesen der Existenz zusammenzufassen, genügt Müller wieder mal ein einziger Satz: "Menschen suchen, und sie finden / Nur damit sie dann verschwinden." Wie die großen Autoren Wolfgang Welt und Andreas Banaski nimmt Müller alles persönlich: "Bin ich der Einzige, der genauso denkt wie ich?" Oder: "Ich möchte alles sein, bloß nicht wie die anderen." Aber Müllers notorische Bockigkeit ist heilsam, auch wenn sein andachtsloser Realismus und die Musik, die in den wüstesten Momenten an Neurosis erinnert, schmerzt und schmerzen soll. Die Lieder heißen "Wohlstandspsychiatrie" oder "Tag der Idioten", in "Mach doch einfach" wird zweifelsfrei Blumfelds "Ich - wie es wirklich war" zitiert, und "Diese Welt" bricht am Ende aus wie ein Schichtvulkan. "Denn diese Welt ist nicht gerecht zu dir / Und sie sagt nicht danke schön." Max Müller aber sagt die Wahrheit. Mehr, als man in der heutigen Zeit erwarten kann. (8)
Korn - "III - Remember Who You Are"
(Roadrunner / Warner)
Ihren Kindern, die sie fast so sehr lieben wie Jesus, haben Jonathan Davis und Fieldy Namen gegeben, die nicht ganz an Janatha-Fey und Jayron-Cain (der Nachwuchs von Mike Hanke) heranreichen. Dennoch wird im Booklet auch Pirate, Zeppelin und Israel gedankt und wie bei jeder Korn-CD seit "Untouchables" (2002) dasselbe erzählt: "This album is a perfect mixture of everything we've done, and this version of the band is the best ever." Nun kann man den meisten Medientrotteln gegen Geld oder Gästeliste bestimmt vieles erzählen, doch wenn es eine Band gibt, die sich selbst mit jeder weiteren Veröffentlichung noch überflüssiger gemacht hat, dann sind es Korn (Richard Ashcroft zählt nicht als Band). "Oildale (Leave Me Alone)" sollte jedem Käufer von "Life Is Peachy" und "Issues" gefallen, auch "Let The Guilt Go" und "Holding All These Lies" dürfen als unverhoffte Lichtblicke gelten, doch letztendlich plündern Korn auch auf dieser Platte nur ein weiteres Mal ihre Discografie. Fieldy mag ein Höllenhund am Bass sein, doch er ist weder Les Claypool noch Geddy Lee, und neun weitere Alben möchte man dem ewig tiefer gestimmten, auf grimmig getrimmten Instrument nicht mehr zuhören müssen. Vorstellbar, dass die Selbstparodie "III - Remember Who You Are" einigen Leuten gefällt. Man möchte nur nichts mit ihnen zu tun haben. (4)
Chicago - "Original Album Series"
(Rhino /Warner)

Ich mag auch die Schnulzen, die später kamen und bisher noch jede Best-of-Kopplung von Chicago verfälscht haben. Doch an der Tatsache, dass die amerikanischen Spitzenklöppler auf ihrem Debüt "Chicago Transit Authority" von 1969 am besten waren, lässt sich kaum rütteln. "Questions 67 And 68" ist ihr bezwingendstes Stück aus dieser Zeit, hier wurden die Bläsersektion und der voluminöse, tadellose Bandsound zur Legende. Beinahe ebenso gut war "Chicago" mit "Colour My World" und "Poem For The People", einem der schönsten und schaurigsten Chicago-Songs überhaupt: "The world's a funny place you know / Most of what goes on is rarely funny." Die dritte Chicago-LP (und somit James Pankows Knaller "The Approaching Storm") fehlt, dafür ist "Chicago V", das "Saturday In The Park" enthält, Teil der "Original Album Series". "Feelin' Stronger Everyday" (auf "Chicago VI") zählt zu den spektakulärsten Chicago-Momenten und wechselt mehrfach die Richtung, bevor es in einer der sprichwörtlichen Chicago-Jam-Sessions endet. Schmucklose Verpackung, reizvoller Preis. "Chicago Transit Authority" (8), "Chicago" (7), "Chicago V" (6), "Chicago VI" (6), "Chicago VII" (5)
Cœur de Pirate - "Cœur de Pirate"
(Le Pop Musik / Groove Attack)
Die Musik ist ähnlich, das Alter und die Einflüsse sind es auch, und wer es sehr genau nimmt mit geheimnisvollen Chanteusen aus Montreal, dem sei gesagt, dass Caroline Keating als Erste da war. Früher jedenfalls als Béatrice Martin, die sich Cœur de Pirate nennt und sich mit nicht mal 21 schon ganz schön viele Tätowierungen geleistet hat. Wie man in "Berceuse" hören kann, kommt Martin einerseits vom französischen Chanson, von Brel, Brassens und Aznavour. Andererseits rekurriert ihr fragiles Piano-Spiel auf die junge Kate Bush, wobei man bei im Jahr 1989 geborenen Musikerinnen ja nie so genau weiß, ob sie nicht doch eher mit Regina Spektor aufgewachsen sind. "Ensemble" umschließt sogar Scott Joplin, und "Le long du large" gehört zu den prachtvollsten Stücken dieses Sommers. Wer kein Französisch spricht, ist im Vorteil, denn wer nicht versteht, über was Béatrice Martin da überhaupt singt, auf den wirkt die suggestive Kraft von "Cœur de Pirate" nur um so stärker. (7)
Wertung: Von "0" (absolutes Desaster) bis "10" (absoluter Klassiker)
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