ThemaPopmusikRSS

Alle Artikel und Hintergründe

  • Drucken
  • Senden
  • Feedback
23.08.2010
 

Seltene Grooves aus Afrika

Auf der Suche nach dem Schlaghosen-Sound

Von Christoph Twickel

Rare Groove aus Afrika: Afro mit Schlaghosen
Fotos
Analog Africa

2. Teil: "Wir hören lieber Snoop Doggy Dogg"

Ganz anders der Ansatz der neuen Labelmacher-Generation. Aufgewachsen mit Rap, begann Miles Cleret in den Neunzigern die Soul-, Funk-, Jazz- und Disco- Platten zu entdecken, die die HipHop-Produzenten gesampelt hatten. Und fand schließlich in Afrika den Soundtrack seines Lebens: Raue Soul-, Funk- und Disco-Heuler, die für hiesige Maßstäbe etwas trashig klingen, weil die Produzenten bisweilen mit nur einem Tonbandgerät und zwei Mikrofonen auskommen mussten. Den schrottigen Sound aber machten die Musiker mit Energie und Experimentierfreude wett. Sie rührten die lokalen Rhythmen und die westlichen Vorbilder zu originellen Hybriden zusammen. "Die Kids haben damals auch ihre Wurzeln entdeckt und damit experimentiert", sagt Cleret.

Heute wiederum entdeckt der US-amerikanische HipHop den alten afrikanischen Bastard-Pop. Für sein letztes Album sampelte Rap-Star Usher ein Stück des ghanaischen Gitarristen und Bandleaders Ebo Taylor, das Soundway wiederveröffentlicht hatte. Und die Nummer "As We Enter", mit der das Duo NAS und Damian 'Gong' Marley sein gefeiertes Album eröffnet, basiert auf dem Stück "Yègelé Tezeta" des äthiopischen Vibrafonisten Mulatu Astatke. Astatke ist einer der wenigen Musiker, die den Hype für ein weltweites Comeback nutzen können. Der 67-Jährige spielt seine elegische Mixtur aus äthiopischer Pentatonik, Latin Jazz und Soul heute auf Independent Festivals genauso wie in renommierten Konzerthallen.

Township-Grooves vom Sperrmüll

Seine Alben erscheinen auf Strut Records, ein weiteres Label, das sich Verdienste um das Erbe der afrikanischen Popmusik erworben hat. Zum Beispiel durch ihre Veröffentlichungen südafrikanischer Musik: Die dreiteilige CD-Reihe "Next Stop Soweto" zeigt, was für eine quirlige Musikszene sich im Schatten der Apartheid-Politik tummelte. Der Name bezieht sich auf das größte Township von Johannesburg und den blutig niedergeschossenen Aufstand, der dort im Juni 1976 ausbrach. Die Soweto-Unruhen waren der Anfang vom Ende des rassistischen Regimes. "Next Stop Soweto" dokumentiert den Sound der schwarzen Jugend auf dem Weg zum Aufstand: die treibenden Chöre des "Township Jive", auch "Mbaqanga" genannt, der elegante Kwela-Jazz und der Hammond-Soul der Sechziger sowie die psychedelischen Twang-Gitarren der "Mahipis", der südafrikanischen Hippies.

Jahrzehntelang lagerten die Township-Grooves unbeachtet in den Archiven des südafrikanischen Rundfunks und in den Kellern von Ramschläden. Wiederentdeckt hat sie der Strut-Mitarbeiter Duncan Brooker, Anfang Dreißig und einer der hartnäckigsten Spürnasen der Szene. Bei einem Besuch in Johannesburg bekam er zufällig mit, wie ein Ladenbetreiber kistenweise Vinyl-Singles auf den Müll werfen wollte. "Was willst du mit dem alten Scheiß", bekommt Brooker auf seinen monatelangen Streifzügen oft zu hören. "Wir hören lieber Snoop Doggy Dogg." Das Popkultur-Erbe als Sperrmüll: Oft genug müssen die Plattenwühler aus Europa mitansehen, wie Kinder in den Straßen von Nairobi und Lagos Schallplatten als Frisbees missbrauchen.

Die meisten Musiker sind gestorben, haben den Beruf gewechselt oder sind nach Europa gegangen. Für seine jüngste Compilation "Afro-Beat Airways" etwa fahndete Samy Ben Redjeb von Analog Africa wochenlang in Accra nach der Band Marijata. Er traf den Organisten schließlich in Berlin, bei Schnitzel und Sauerkraut. Und Duncan Brooker von Strut Records suchte geschlagene sieben Jahre lang in Sierra Leone nach dem Bandleader des Ensembles Afro National. "Ich hatte schon aufgegeben, als irgendwann ein Typ aus Sierra Leone in meine Londoner Wohnung kommt, um das Gas abzulesen", erzählt Brooker. "Ich lege eine Platte von Afro National auf und der Typ kommt rausgerannt: 'Was ist los, wieso spielst du Musik aus meinem Land'?"

Der Gasableser konnte auf den alten Vinylscheiben, die Brooker ihm zeigte, diverse Verwandte und Freunde identifizieren. Schließlich stellte sich heraus, dass der Musiker, nach dem der Plattensammler so lange vergeblich gesucht hat, seit Jahren für eine Security-Firma im Supermarkt um die Ecke arbeitet. Brooker brauchte fünf Minuten Fußweg, um dem Mann seine alten Platten vorzulegen. Ihm selbst war längst aus dem Bewusstsein geschlichen, dass er drei Jahrzehnte zuvor mal zur Avantgarde einer afrikanischen Kulturrevolution gehört hatte.

Diesen Artikel...

Aus Datenschutzgründen wird Ihre IP-Adresse nur dann gespeichert, wenn Sie angemeldeter und eingeloggter Facebook-Nutzer sind. Wenn Sie mehr zum Thema Datenschutz wissen wollen, klicken Sie auf das i.

Auf anderen Social Networks posten:

  • studiVZ meinVZ schülerVZ
  • deli.cio.us
  • Xing
  • Digg
  • Google Bookmarks
  • reddit
  • Windows Live

Forum

insgesamt 5 Beiträge zum Forum...
Die neuesten Beiträge:
24.08.2010 von lalito: Klasse Artikel

Tja, der Mainstream geht halt über den großen Teich anstatt auch mal über das Mittelmeer zu schauen. Fela und Kollegen, ihn damals life in Kalakutta Republic erleben dürfen, machte und macht nicht jeden an. Wer sich dagegen einmal [...] mehr...

24.08.2010 von lenitas: Großartig,

meine Lieblingsmusik. Ich will sie alle haben. Macht gute Laune. Die aktuelle Popmusik fühlt sich dagegen an, als würde man nur noch Glutamat mit künstliche Aromen und Geschmacksverstärkern essen. mehr...

23.08.2010 von jke: Video

Und hier noch das Video zu Duncans story: http://www.youtube.com/watch?v=avU1LSkqykk Ich kaufe mir eigentlich keine CDs mehr, aber bei den Analog Africa Compilations habe ich bisher immer bedenkenlos zugregriffen und mich [...] mehr...

23.08.2010 von highlifemusic: Grooves aus Africa - Made in Germany

Die Fortsetzung gibt es jetzt in einer neuen MusikDoku WHO IS HIGHLIFE? zu sehen und zu hören. Ghana Burger Highlife - Made in Germany. Sehr zu empfehlen. www.whoishighlife.de mehr...

23.08.2010 von maipiu: Endlich, endlich, endlich!

Wenigstens bei der (Pop-)Musik fangen die Europäer an, die afrikanischen Kulturschätze zu entdecken und stellen erstaunt fest, dass sie jahrzehntelang alten Klischees aufgesessen sind, Klischees, wie die Afrikaner in ihren Augen [...] mehr...

Und Ihre Meinung? Diskutieren Sie mit! zum Forum...

News verfolgen

HilfeLassen Sie sich mit kostenlosen Diensten auf dem Laufenden halten:

alles aus der Rubrik Kultur
alles aus der Rubrik Musik
alles zum Thema Popmusik

© SPIEGEL ONLINE 2010
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH









TOP



TOP