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25.08.2010
 

Vielseitige Violinistin

Wilder Grieg und präziser Paganini

Von Werner Theurich

Vielseitige Violinistin: Wilder Grieg und präziser Paganini
Fotos
KASSKARA

Julia Fischers Violinkünste sind bekannt. Da hätte es der neuen Paganini-CD kaum bedurft. Dass sie obendrein eine begabte Pianistin ist, bewies sie bereits 2008 im Konzert. Den Live-Mitschnitt gibt es nun auf DVD. Und wieder überzeugt Frau Fischer.

Klassik-DVDs mit Live-Konzerten können so langweilig sein: öde Schnitte, Künstler groß, Orchester in Gruppen gefilmt, optische Breitseite bei den Tuttistellen. Wie man dies interessanter einrichten kann, zeigt die neue DVD (Decca) von Julia Fischer. Der Video-Regisseur Andreas Morell scheint selbst Musiker zu sein: So viel Spiel-Details an den richtigen Stellen sieht man selten. Selbst der flinke Fingersatz Fischers beim 3. Violinkonzert von Camille Saint-Saëns ist nachvollziehbar. Doch es gibt noch mehr. Die erst 27-jährige, in München geborene Künstlerin spielt auf dieser DVD gleich zwei Konzerte auf zwei verschiedenen Instrumenten: Violine und Klavier. Dass Geigenvirtuosen über den Tellerrand ihres angestammten Instrumentes hinaussehen können und auch achtbar die Pianotasten streicheln, mag noch normal sein. Doch dass Frau Fischer sich ausgerechnet dieses Konzert-Schlachtross von Edvard Grieg als Kostprobe ihres Klavierkönnens ausgesucht hat, verdient Respekt. Umso mehr, als sie ihr Abenteuer nicht hinter schützenden Studiomauern unternahm, sondern vor Publikum in der Alten Oper Frankfurt. Das zeugt obendrein von gesundem Selbstbewusstsein, und davon hat Julia Fischer eine Menge.

Mit der Jungen Deutschen Philharmonie fand sie ein frisch-forsches Orchester (die Konzertmeisterin war Schülerin von Julia Fischer), in Matthias Pintscher einen einfühlsamen und kooperativen Dirigenten. Pintscher selbst feiert auch Erfolge als Komponist, daher agiert er vielleicht eine Spur sanfter und biegsamer als die üblichen Pult-Herrscher. Der Zusammenarbeit mit Neupianistin Fischer jedenfalls tat's gut. Beide erarbeiteten ein Grieg-Konzert, das sich neben den zahllosen Einspielungen dieses Standard-Glanzstücks bestens hören lassen kann. Wobei der meiste Lorbeer Julia Fischer gebührt, denn beinahe lässig und stets kontrolliert fegt sie über die Tücken der Partitur hinweg und lässt das vermeintlich abgespielte Werk tatsächlich unverbraucht aufklingen. Allein die wilde Kadenz des Kopfsatzes gelingt ihr so überzeugend, als hätte sie seit ihrem vierten Lebensjahr nur Klavier statt Violine geübt. Davon erzählt sie in einem ausführlichen Interview, und ihre ebenso klugen und wie eloquenten Statements trösten über das unterirdische PR-Blabla hinweg, das dazwischen aus dem Off dröhnt.

"Sinn und Zweck ist nicht die Show!"

Parallel zu ihrer DVD veröffentlicht Julia Fischer gleich noch eine CD, und auch die hat es in sich. Nach der tief seriösen Aufnahme der Bach-Konzerte mit der Academy of St. Martin in the Fields aus dem letzten Jahr gönnt sie sich nun ein wenig Zirkuszauber mit den 24 "Caprices" (Decca) von Niccolò Paganini (1782-1840), die der legendäre Stargeiger seinerzeit zum Spaß und zur Verblüffung des Publikums komponierte. Und natürlich, um seine grandiosen instrumentalen Fähigkeiten im bestem Licht erscheinen zu lassen. Ein ganze CD voller Bravourstücke: Das kann gefährlich an die Nerven gehen. Doch auch diese Hürde meistert Fischer souverän, nicht allein durch makellose Technik. Es gelingt ihr, den besonderen Charakter der einzelnen Kleinwerke herauszuarbeiten. Und sie sieht die Kompositionen keineswegs nur als Showstücke: "Es sind Capricen, also quasi Launen, alle sehr unterschiedlich im Charakter, und es gibt sicher die eine oder andere Stelle, die nur auf Effekt zielt", sagt Julia Fischer. "Aber der Sinn und Zweck ist nicht die Show, sondern der Inhalt der Werke. Der muss nicht gleich hochphilosophisch sein, aber doch gehaltvoll."

Zu den kurzen Virtuosenstücken pflegt Julia Fischer seit ihrer Kindheit eine professionelle Beziehung: "Ich habe an den Paganini-Capricen gearbeitet, seit ich zehn Jahre alt war, damals spielte ich meine erste Caprice (Nr. 17) und habe in den folgenden Jahren immer neue gelernt", erzählt sie. "Als ich beschloss, die Aufnahme zu machen - etwa sechs Monate vor dem ersten Studiotermin - stellte ich fest, dass mir noch etwa fünf Capricen fehlten. Denen widmete ich mich natürlich weit mehr als beispielsweise Nr. 2, die ich seit zehn Jahren regelmäßig als Zugabe spiele."

Kein Duett mit David Garrett

Eine Erfahrung, die man ihrer Interpretation der 24 Miniaturen jederzeit anhört: Respektvoll klar und nie überzogen effekthascherisch tönt sie die Capricen als Charakterstücke ab - und schlägt auf diese Weise buchstäblich den Bogen zu vergleichbaren Klavierstücken Fréderic Chopins.

Ein größeres Publikum für ihre Musik durch Kompromisse zu gewinnen, daran glaubt Julia Fischer nicht. Ein Duett, etwa mit David Garrett? "Damit würde ich kein neues Publikum für klassische Musik gewinnen, sondern nur für mich selbst", sagt sie entschieden. "Ich bin gegen diese Art der Selbstdarstellung. Was junges Publikum anbelangt, das gewinnt man dadurch, dass man in Schulen geht, Kinder unterrichtet, sie in Konzerte oder Proben einlädt." Wie das aussehen kann, hat sie natürlich längst getestet. "In Zürich, bei dem Tonhalle-Orchester gibt es beispielsweise Konzerte, die nur für Leute unter 25 sind, eine Dreiviertelstunde dauern, und bei denen der Dirigent oder der Solist auch eine einfache, unkomplizierte Einführung gibt. An solche Projekte glaube ich, und in die investiere ich auch gerne meine Zeit und Energie."

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25.08.2010 von fear_less: Absolut.

Ich wollte hauptsächlich den direkten Vergleich zwischen den gegensätzlichen künstlerischen Laufbahnen von Julia Fischer und David Garret herstellen. Aber Sie haben natürlich recht. Julia Fischer ist allein schon durch ihre [...] mehr...

25.08.2010 von twitterer: warum eine zweite andere

und nicht eine erste selbst? Das scheint mir eher Julia Fischers Zielrichtung zu sein. mehr...

25.08.2010 von fear_less: Ich denke schon...

Wie es scheint gehen ihre Ambitionen dahin, eine zweite Anne-Sophie Mutter zu werden... während David Garret leider gerade dabei ist, der deutsche André Rieu zu werden. mehr...

25.08.2010 von fear_less: Ein erstaunliches Talent...

So als ob Hilary Hahn Klavierkonzerte bzw. Hélène Grimaud Violinkonzerte aufführen würde. Danke für den Tipp. Ich bin neugierig auf ein "wildes" a-moll Konzert von der 'Pianistin' Julia Fischer. mehr...

25.08.2010 von SusanneT: Am sympathischsten...

... neben ihrer Virtuosität ist ihre Aussage, kein Duett mit David Garret spielen zu wollen - hoffentlich bleibt sie dabei! mehr...

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DVD- und CD-Tipp

Julia Fischer:
"Saint-Saëns, Violin Concerto No. 3 / Grieg, Piano Concert"

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Julia Fischer:
"Paganini - 24 Caprices".

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