Von Hans Hielscher
Als Angelique Kidjo 1960 geboren wurde, galt Afrika als "Kontinent der Zukunft". Ihr Heimatland hieß noch nicht Benin, sondern Dahomey. Es erlangte im Jahr ihrer Geburt zusammen mit 16 weiteren afrikanischen Staaten die Unabhängigkeit. Doch statt Demokratie und Wohlstand erlebte die junge Angelique zehn Machtwechsel in zehn Jahren: manipulierte Wahlen, Militärputsche; sie musste aus Afrika fliehen. Heute ist Benin zwar zur Ruhe gekommen, aber das Land zählt immer noch zu den ärmsten der Erde. Und Angelique Kidjo ist ein Star der Weltmusik - mit Wohnsitz New York.
Das Schicksal von Angelique Kidjo steht für viele afrikanische Künstler in den Jahrzehnten seit der Unabhängigkeit. Verkürzt könnte man sagen: Während Politiker, Militärs und Geschäftsleute die neuen Staaten herunterwirtschafteten und in Krisen und Kriege stürzten, trugen Künstler die Kultur des Kontinents in alle Welt. Der Nigerianer Wole Soyinka gewann 1986 als erster Afrikaner den Literatur-Nobelpreis; zwei Jahre später folgte ihm der Ägypter Nagib Mahfus. Und Musik aus Afrika begeisterte weltweit ein Massenpublikum. Die Sängerin Miriam Makeba stürmte mit südafrikanischen Songs die Charts; Europäer und Amerikaner lernten, nach Musik von Manu Dibango aus Kamerun und Salif Keita aus Mali zu tanzen.
Militärs brannten das Anwesen von Fela Kuti nieder
Wie sich die verschiedenen Sounds und Beats von Kairo bis Kapstadt und von Daressalam bis Dakar entwickelten, dokumentieren über 180 Tracks der jetzt erscheinenden Box "Africa - 50 Years of Music". Auf 18 nach Regionen und Ländern geordneten CDs finden wir neben Namen wie Oum Kalsoum, Ali Farka Touré, Cesária Évora und Abdullah Ibrahim ein Heer von unbekannten Musikern. Ein ausgezeichnetes Booklet berichtet über die politischen Verhältnisse, in denen die Menschen leben und die Musiker arbeiten mussten. So unterstützten viele "Väter der Unabhängigkeit" wie etwa Guineas erster Präsident Sékou Touré zunächst Bands, Tanzensembles und Theatergruppen. Sie liebten Lobgesänge wie "Ghana Freedom" des Highlife-Kings E.T. Mensah (Titel 1 unter den Aufnahmen aus Westafrika). Doch wenn Künstler die neuen Machthaber kritisierten, drohte ihnen Zensur und Verfolgung: In den siebziger Jahren brannten Militärs in Nigeria das Anwesen des Afro-Beat-Erfinders Fela Kuti nieder. Im Simbabwe des Despoten Robert Mugabe verbot der Staatsrundfunk 2008 das Debüt-Album "House of Hunger" des Afro-Rappers "Comrade (Genosse) Fatso".
Von der Flugreise zur Laptop-Verbindung
Schlimmer als unter der Zensur litten Afrikas Musiker unter Bürgerkriegen und Staatszerfall. Denn wenn die öffentliche Sicherheit zusammenbricht, wenn der Strom ausfällt und keine Lebensmittel zu haben sind, dann stirbt auch die Nachfrage nach Kultur und Entertainment. "In den später 1980ern gab es in einigen Ländern kaum noch Musiker", schreibt der britische Afrika-Experte Mark Hudson im Beiheft zu der Box. "Statt in Nachtclubs und Konzertsälen" hätte man Afrikas Musikelite "auf Flughäfen" getroffen. Alle suchten ihr Heil in Auslandstourneen, kämpften um Langzeit-Visa im Westen. New York, Brüssel, London und vor allem Paris wurden Brutstätten für afrikanische Musik. Ihren Vertretern half, dass in jenen Jahren "World Music" in war. Heute hat sich die Lage in den Heimatländern verbessert. Und: "Der Laptop ersetzt den Flughafen als wichtigsten Kontaktpunkt mit afrikanischer Musik" (Hudson). Wir erfahren über das Internet, was auf unserem Nachbarkontinent gespielt wird. Und statt zusammen ins Studio zu gehen, können sich Musiker per Mausklick Tracks für gemeinsame Produktionen übermitteln - wie die beiden Trompeter Till Brönner (Deutschland) und Hugh Masekela (Südafrika) für ihren Titel "Win The World" zum Fußball-WM in diesem Sommer.
Konzerte: "Berlin Meets Africa" beim European Jazz Jamboree Berlin vom 23. bis 26.9. u.a. mit Manu Dibango, Toumani Diabaté.
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"Verkürzt könnte man sagen: Während Politiker, Militärs und Geschäftsleute die neuen Staaten herunterwirtschafteten und in Krisen und Kriege stürzten, trugen Künstler die Kultur des Kontinents in alle Welt...” nein, ich [...] mehr...
Reich an menschlicher Kultur ist der Kontinent über den Daumen schon seit Millionen Jahren. Einmal Talking Drums - von nigerianischen Könnern gespielt - gehört, wird klar, dass man den Großteil "unserer" uralten Kultur [...] mehr...
Also bei den Runterwirtschaftern Afrikas vermisse ich irgendwie Bono, seines Zeichens ja Künstler... mehr...
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