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01.09.2010
 

Popband Wir sind Helden

Stillen oder Zugabe?

Von Felix Bayer

Wir sind Helden: Wiedergekommen, um zu bleiben
Fotos
DDP

Kritikerlob, Musikpreise, über eine Million verkaufte Alben - das ist die eine Seite des Lebens von Judith Holofernes. Doch die Sängerin hat auch zwei Kinder mit dem Schlagzeuger ihrer Band Wir Sind Helden. Was das für sie bedeutet, hört man der neuen Platte an.

Hoppla, plötzlich ist Judith Holofernes aufgesprungen; sie kauert hinter dem Sofa und flüstert: "Da ist mein Baby. Ich ducke mich gerade mal." Eine Babysitterin trägt die kleine Mimi durch das Foyer eines Hamburger Hotels. Guckt die Einjährige nur so vor sich hin, oder schweift ihr Blick umher auf der Suche nach Mama? Die raunt aus ihrem Versteck: "War nicht so der clevere Schachzug, das Interview hier zu machen." Dann: Entwarnung. Mädchen und Kindermädchen sind im Aufzug verschwunden. Judith Holofernes kehrt aufs Sofa zurück, widmet sich wieder ihrem Frühstück und lächelt ihr halb verlegenes, halb kokettes Judith-Holofernes-Lächeln.

Wir Sind Helden sind zurück, und sie sind mehr geworden. Zu ihrem Tourneetross zählen inzwischen drei Kinder: Mimi und ihr dreijähriger Bruder Friedrich - die beiden Kinder von Sängerin Judith Holofernes und Schlagzeuger Pola Roy -, sowie Konrad, der Sohn des Keyboarders Jean-Michel Tourette. Vor drei Jahren, als Wir Sind Helden mit ihrem dritten Album "Soundso" unterwegs waren, reichte ein Kind, um die Band beinahe aus der Bahn zu werfen.

"Ich bin bei Rock am Ring von der Bühne gekommen, noch mit den Ohrenstöpseln drin, und habe Friedrich gestillt, total verschwitzt und das Herz so am Pumpen", erinnert sich Judith Holofernes: "Das sind ja noch Situationen, wo die Absurdität irgendwie Spaß macht. Aber ich habe auch das Kind ins Bett gebracht und stand wirklich zehn Minuten später auf der Bühne. Von total ruhig, Schlaflieder singen - schwupps - vor 2000 Leute."

"Ein kleiner Schock"

Am Ende der Tournee beschlossen Wir Sind Helden eine halbjährige Pause einzulegen. "Pola und ich hatten gemerkt, dass wir uns ganz schön runtergewirtschaftet haben auf der letzten Runde", sagt die Sängerin: "Du kommst um eins von der Bühne, kannst frühestens um drei schlafen, und um 5.20 Uhr wird das Kind wieder wach." Irgendwann habe sie Schlafstörungen entwickelt in den eigentlich so kostbaren Momenten, in denen sie hätte schlafen können: "Ich hatte so ein Gefühl von Vergeblichkeit."

In der Pause reiften trübe Gedanken. Judith Holofernes bemerkte, dass sie eigentlich nichts vermisste, dass es sie nicht besonders wieder hinauszog in die Welt des Pop. "Ein kleiner Schock", sagt sie, den sie überwand, indem sie sich klar darüber wurde, was sie an der Band hat. Die "hohe Auseinandersetzungskultur" zum Beispiel: "Andere Bands in dem Dienstalter schlagen sich die Köppe ein." Bewusst behutsam fingen Wir Sind Helden wieder an, im Proberaum und dann im Studio zu arbeiten.

Die Ausgangslage ist nicht unkompliziert. Nach dem kometenhaften Aufstieg aus dem Nichts ins Musikfernsehen, zu Harald Schmidt und ins Interview mit dem damaligen Pop-Beauftragten Sigmar Gabriel, geehrt mit Doppelplatin für die ersten beiden Alben und zahlreichen Echo-Musikpreisen - nach all diesem stetig nach oben führenden Weg kam mit dem dritten Album "Soundso" ein Absturz: 100.000 statt 500.000 verkaufter Alben, dazu die Abwicklung ihrer bisherigen Plattenfirma, einem Unterlabel der krisengeschüttelten EMI, zwei Wochen vor dem Veröffentlichungstermin.

"Ich habe ein Problem damit, den geringeren Erfolg von 'Soundso' zu beweinen, weil das immer noch weit jenseits von dem ist, was ich mir für die anderen Platten vorgestellt habe", sagt Holofernes. Die Band beschloss, sich ganz um sich selbst zu kümmern, viel live einzuspielen und lieber mit allerlei ungewöhnlichen Instrumenten zu arbeiten, als auf den vertrauten Synthesizer zurückzugreifen. Das steht dem Ergebnis dieser Arbeit nicht schlecht, besonders in einem Song wie "Flucht in Ketten", der mit seinen Wechselgesängen wirkt, als habe man versucht, digitalen R&B mit handgespielten Instrumenten zu rekonstruieren.

"Definitiv weniger schlau"

Inhaltlich stellte Judith Holofernes schnell fest, dass sie die von ihr so vertrauten Statements zur Weltlage diesmal nicht abgeben möchte: "Ich habe gedacht: Och, im Prinzip hast du das alles schon mal gesagt; wenn nicht in einem Song, dann in einem Interview zu einem Song." Auch sei sie ihrer Rolle als Sprachrohr überdrüssig geworden. Stattdessen: "Diesmal habe ich mich mehr für Innen interessiert."

Was dort zu finden ist, klingt ungewohnt düster für die bisher meist fröhlich daherkommende Band. Besonders der Titelsong des Albums, "Bring mich nach Hause", eine aus der Erschöpfung erwachsene Todesphantasie, geht weit über die Ansätze der Melancholie heraus, die sich Holofernes bisher zugestand. "Es ist schon total seltsam, in Songs etwas zu schreiben, was ich am Abend vorher meiner besten Freundin auf dem Balkon nicht gesagt hätte", sagt sie. Aber: "Ich wollte mich so ratlos dastehen lassen, wie ich war. Ich bin auf dieser Platte definitiv weniger schlau als auf den anderen. Weil es auch so war."

Doch natürlich ist "Bring mich nach Hause" kein reines Verzweiflungs- und Selbstentäußerungsalbum. Es gibt die vertrauten, Hass und Liebe auslösenden Wortspielereien in "Dramatiker"; es gibt mit "Kreise" den Powerpop-Hit in der Nachfolge von "Müssen nur wollen" oder "Nur ein Wort". Mit dem überkandidelten "Was uns beiden gehört" nähert man sich sogar Balkan-Pop-Gefilden.

Das vielleicht gelungenste Lied ist "Die Ballade von Wolfgang und Brigitte", eine Erinnerung an Holofernes' Kindheit im linksalternativen Milieu der Siebziger mitsamt dem Konzept der freien Liebe. Die Geschichte, die erzählt wird, handelt von heute noch geläufigen Gefühlen, aber sie wird durch die Vornamen wie Wolfgang, Brigitte, Gabi, Manfred oder Reinhard zeitlich verortet. "Mir war es wichtig, keinen distanzierten Blick darauf zu haben, weil man sonst ganz schnell beim Kabarett ist", sagt die Texterin, die den "ehrenhaften Ansatz" hinter der Idee von der "Auflösung der anhaftenden Liebe" durchaus anerkennt. Nur sei es wohl zu drastisch gewesen, damit gleich bei den tradierten Vorstellungen vom Liebesglück anzufangen: "Man hätte besser erst mal in der Meditation versucht, den einen oder anderen Gedanken loszulassen."

"Riesen-Affenfamilie"

Mit Pola Roy und den beiden Kindern bildet Judith Holofernes also auch lieber die klassische Kleinfamilie, die erst auf Tournee zur "Riesen-Affenfamilie mit lauter Erwachsenen, die sich kümmern und da total Bock drauf haben" wird. Und Touren ist wirtschaftlich nötig, wenn man heute mit Musik seinen Lebensunterhalt verdienen will. So sind Wir Sind Helden ein Sonderfall in der verbreiteten Problematik, Familie und Beruf zu vereinbaren.

"Wenn etwas politisch an dieser Platte ist, dann dass sie mir keine Wahl lässt als sehr offen über die Abgründe zu reden, in die ein zu hoher Anspruch an die zwei Seiten des gespaltenen Herzens führt", sagt Judith Holofernes. Schließlich würden dieses gefährliche Gefühl der Überforderung alle Frauen in ihrem Bekanntenkreis kennen, die einen Beruf haben, der sie vor der Schwangerschaft mit Leidenschaft erfüllt hatte. "Interessanterweise war nicht ich die erste, die Magengeschwüre oder ein Burnout-Syndrom entwickelt hat, sondern Leute mit einem normaleren Leben, aber in dem gleichen Spannungsverhältnis."

Deshalb wehrt sich Judith Holofernes dagegen, sie als Bild einer "neuen multifunktionalen Supermutti" anzusehen. "Wir geben hanebüchen viel Geld aus dafür, dass dieser Beruf noch irgendwie funktioniert", sagt sie und verweist auf Umbauten im Tourbus ("Wir können halt nicht mehr mit dem Sprinter durch Europa fahren mit zwei Kindern"). Doch das sei bei anderen Familien ganz ähnlich: "Die meisten jungen Mütter, die arbeiten wollen, stecken einen Großteil dessen, was sie verdienen, in Betreuungskosten, damit das überhaupt klappt mit dem Arbeiten."

In diesem Moment kommt Pola Roy aus dem Fahrstuhl ins Hotelfoyer getreten, den dreijährigen Friedrich an der Hand. Der schaut hinüber zu seiner Mutter, die diesmal nicht hinters Sofa hüpft: "Er ist groß genug, man kann ihm sagen: Mama muss noch arbeiten."

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01.09.2010 von Loewenherz: Jau

Ich bin ein alter Sack (weit über den hier assozierten unter 30jährigen), hab 17 Jahre lange Deutschlands Bühnen als Rockmusiker unsicher gemacht, für Musikermagazin geschrieben und muss sagen: Mir ist die Band sympathisch und mir [...] mehr...

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