Sufjan Stevens - "All Delighted People EP"
(Asthmatic Kitty, nur als Download)
Ach, hätten die Hunderttausend mal amerikanischen, mal skandinavischen, in jedem Fall aber traurigen Männer mit Denkerbart und Wandergitarre nur einen einzigen verdammten Song, der an "All Delighted People" heranreicht, der das ewige Jammern transzendiert und den Teufel an die Straßenkreuzung zaubert. Wären sie doch ein bisschen wie Sufjan Stevens! Es ist das reine Können, der traumhaft sichere Umgang mit bunten Geistern, Engelschören, Flöten, Hörnern, Streichern, heimlichen Gigantomanien und gütig dahingehauchtem Akustikschmelz, der diese einstündige,
für rund vier Euro digital im Internet erhältliche EP zu einem weiteren Meisterwerk des scheuen Virtuosen macht. Drei Minuten Sufjan Stevens ersetzen die gesamte Karriere des selbstversonnenen Perwoll-Säuslers Damien Rice, der Songs wie "Heirloom" oder "From The Mouth Of Gabriel" niemals schreiben könnte, weil in ihnen keine Räucherstäbchen, kein Karriereplan und keine wohlfeile Betroffenheit enthalten sind. Kann man "The Owl And The Tanager" hören, ohne dass die Augen glasig werden? "You said you'd wait for me/ Down by Tannery Creek/ Far out by the roadside where we used to kiss behind the sheets/ Wrapped in a blanket of red." Den Titelsong, der Simon & Garfunkels ätherisches "The Sounds Of Silence" zitiert, gibt es in einer zweiten, floydianischen "Classic Rock Version", auf dem siebzehnminütigen, herausragenden "Djohariah" setzt Stevens Teile von Neil Youngs "Everybody Knows This Is Nowhere"-LP und kaputten Gospel zu einem mehrfarbigen Mosaik zusammen. Doch gehen wir zurück zum ersten Bild: "I tried my best/ I tried in vain/ Do you love me a lot?/ Do you love me from the top of your heart?". Rhetorische Fragen eines praktischen Genies.
(9) Jan Wigger
Of Montreal - "False Priest"
(Polyvinyl/Cargo, 10. September)
Falls jemand immer noch nichts von dieser Band mitbekommen hat, obwohl sie mittlerweile in Indie-Hipsterkreisen vergöttert wird: Das Ego-Projekt von dem aus Athens, Georgia stammenden Songwriter, Sänger und Allround-Irren Kevin Barnes klingt nach einer frühen, schnell abgehakten LoFi-Phase wie ein auf LSD zusammengemixter Mash-up aus David Bowie, Can, Scissor Sisters und viel, viel Prince, besticht aber durch Barnes' meistens in dritter Person erzählte Narrative über - nun ja, eigentlich alles. Mit "Skeletal Lamping" erlebte die Band eine Art kommerziellen Durchbruch, falls so etwas in Zeiten freier digitaler Downloads noch möglich ist, und tritt jetzt an, ihr Opus Magnum abzuliefern. Nachdem er sich mit dem letzten Album nach eigener Aussage sämtliche Dämonen ausgetrieben hat, die ihn bedrückten (was dann auch ganz schön anstrengend klang), will er nun uns die falschen Götter madig machen: "False Priest" ist vordergründig ein Album über fast pubertäre Sex- und Liebesnöte, im Subtext jedoch eine strenge Absage an den Glauben. "An Afterlife is nothing to live for", sprechsingt er mechanisch in der allerletzten Minute des Albums, und endet mit: "If you think God is more important than your neighbor/ You're capable of terrible evil/ If you think some prophet's words are more important than your brother and your sister/ You're ill/ And you're wrong/ You're wrong." Ganz schön explizit für Barnes, der sich sonst in seinen Texten gerne ziemlich verblümt gibt. Es gibt also mal wieder eine ganze Menge zu entdecken auf dem neuen Of-Montreal-Album, das ein überladenes Monstrum voller wettstreitender Klänge, überbordender Ideen, hektisch wechselnder Rhythmen ist - und eine Fusion aus Funk, R&B und Rock, die Prince seit Jahren nicht mehr hinkriegt. Erträglich ist das nur, weil diesmal Produzent Jon Brion ("Magnolia") ein bisschen Dampf aus dem Schnellkochtopf Barnes lassen durfte. Eine ordnende Hand. Manchmal wünscht man sich, der Schamane Barnes würde seine Songs einfach mal pur und akustisch spielen, damit man jede Nuance mitbekommt. Aber das wäre nur der halbe Spaß. (8) Andreas Borcholte
Grinderman - "Grinderman 2"
(Mute/Good To Go, 10. September)
Wenn man sich das von John Hillcoat ("The Road") gedrehte Video zur neuen Grinderman-Single "Heathen Child" ansieht, stellt man zwei Dinge fest. Erstens: Nick Cave, Warren Ellis, Martyn Casey und Jim Sclavunus sind besessen von Bärten und anderen, möglichst wilden Behaarungen - und halten sich für Werwölfe, mindestens aber wilde Bestien. Soviel zu den Virilitäts-Phantasien von Rockmusikern über Fünfzig. Zweitens: Die alternden Rocker sind sich nicht zu fein, im Römerwams samt Helm aufzutreten und schlecht animierte Laserblitze aus ihren Augen abzufeuern - oder wie Halbstarke mit allerlei Schusswaffen rumzuhantieren. Grinderman sind also nach wie vor das regressive Element in der Karriere des als Solo-Künstler inzwischen recht soignierten Künstlers Cave. Hier wird mal wieder Urschrei-Therapie geübt und auf Höhlenmensch gemacht, bis die Gitarrensaiten glühen und die Stimmbänder gereizt sind. So weit, so rüpelhaft. Das zweite Album ist jedoch um einiges facettenreicher und differenzierter als der brachiale Erstling. Gitarrist und Violinist Warren Ellis ist das eigentliche Ereignis dieser zweiten Platte, sein aus unheimlichen Abgründen eruptierendes, archaisches Sägen, Zittern und Dröhnen erzeugt etwas Primitives, das sich zum Böse-Buben-Image der Band addiert wie ein Horrorfilm-Soundtrack. Höhepunkt ist der hypnotisch langsam beginnende Mambo "When My Baby Comes", der in einem Orgasmus aus Lärm mündet, einem lauten, sehnenden Schleifen, einem echten "Grind" eben. Das unheilvoll vorantreibende "Worm Tamer" ist jener bösartige "Sex Drive", den sich Her Satanic Majesty einst von den Rolling Stones gewünscht hat, aber nie bekam. "You think your great big husband will protect you/ You think your children will protect you/ You think your government will protect you", singen Grinderman in "Heathen Child", um dann mit diabolischem Triumph hinterzuschicken: You're wrong!". Sperrt Eure Frauen ein, wenn diese dirty old men in die Stadt kommen.
(7) Andreas Borcholte
Blonde Redhead - "Penny Sparkle"
(4AD/Beggars/Indigo, 10. September)
Es ist einigermaßen erstaunlich, dass dieses durchweg wunderbare Album, das jeden Film von Makoto Shinkai perfekt untermalen würde, bei Rezensenten und peripher Interessierten eher mitttelmäßig wegkommt. Liegt es an der (de facto nicht existenten) "Ereignislosigkeit" des neuen Materials? Werden die Sonic-Youth-Gitarren von "La Mia Vita Violenta" vermisst? Oder die Aura des seltsam zerteilten, genial zwischen milchglasigem Independent-Pop, This Mortal Coil und bewusstlosen Shangri-Las changierenden "23"? Zugegeben, vielleicht sollten Novizen eher mit dem großartigen "Misery Is A Butterfly" einsteigen. Doch gerade die ersten zwei Drittel von "Penny Sparkle" sind absolut umwerfend, mit "Here Sometimes", dem verschlafenen Todeswalzer "Love Or Prison" und "My Plants Are Dead", das ganz absichtlich an den trostlosen Minimalismus der Cure-Alben "Faith" und "Seventeen Seconds" erinnert. Kazu Makinos unvergleichliche Stimme schmiegt sich dabei wie gewohnt so weit in die Musik hinein, dass man vor lauter Benommenheit vergisst, das dreckige Geschirr in die Küche zu bringen. Sie hat "Penny Sparkle" für das Pferd geschrieben, das ihr beigebracht hat, zu reiten. Friedrich Nietzsche wäre stolz auf sie.
(8) Jan Wigger
Wertung: Von "0" (absolutes Desaster) bis "10" (absoluter Klassiker)