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19.06.2000
 

Sónar-Festival

Die richtige Verpackung

Von Katrin Meinke

Hinter dem sperrigen Titel "Festival für Fortschrittliche Musik und Multimedia-Kunst" verbirgt sich die derzeit eleganteste Messe für elektronische und experimenteller Musik. Zum siebten Mal traf sich die Creme der internationalen DJ-Kultur auf dem Sónar-Festival in Barcelona.

Elektronik-Pionier: Popsänger Marc Almond
AFP

Elektronik-Pionier: Popsänger Marc Almond

Das umfangreiche Programmheft von Sónar 2000 las sich abenteuerlich: Der poppige Marc Almond stand neben DJ-Star Carl Cox, Experimentelles neben Techno und Atmosphärisches neben Lärmigem. Bei der Eröffnung des 7. Festivals für Fortschrittliche Musik und Multimedia-Kunst am 15. Juni rühmten sich die Veranstalter, wieder ein Programm zusammengestellt zu haben, das zur Hälfte von (noch) unbekannten Künstlern bestritten wurde. "Diese 50 Prozent sind es, die uns Glaubwürdigkeit verleihen, und die im Übrigen mindestens so viel zu bieten haben wie der Rest," erklärte Enric Palau, seit Beginn der Veranstaltungsreihe künstlerischer Leiter von Sónar. Dieselben 50 Prozent sind es auch, die das Barceloneser Elektronik-Festival von reinen Tanz-Veranstaltungen wie etwa der Love Parade unterscheidet.

Drei lange Tage und Nächte traf sich die Creme der DJ-Kultur in der katalanischen Metropole. Mit dabei: David Morales, John Acquaviva, Richie Hawtin, etc. Mehr als 150 Konzerte und DJ-Sets fanden mitten in der verwinkelten Altstadt und im ehemaligen olympischen Sportpavillon am Palmenstrand statt. Nicht nur das: Rund um die Uhr wurden Filme und Videos projiziert, Fachleute aller Welt trafen sich auf der Technologie- und Plattenbörse, und ein interessiertes Laienpublikum zog es in die Multimedia-Ausstellung "Sónarmática".

Nachdem diese im vergangenen Jahr der Stadt Barcelona gewidmet war, wurden diesmal alternative Projekte aus Berlin präsentiert: Kleinstfirmen und Kollektive, die die Freiräume nach dem Fall der Mauer nutzten. Doch im Mittelpunkt von Sónar 2000 stand natürlich die Musik. In den uralten Gemäuern der Capella dels Àngels und im Zentrum für zeitgenössische Kultur (CCCB) zogen tagsüber vier Bühnen die Besuchermassen an (insgesamt 48.000 kamen dieses Jahr zum Festival). Hier waren eher experimentelle Klänge zu hören, etwa eine quälende Krachkaskade aus der Anlage des finnischen Extremisten-Duos Väisänen und Vainio. Begleitet wurde es von FM Einheit, der wie zu besten Einstürzende-Neubauten-Zeiten einer elektrisch verstärkten Eisenplatte mit Hammer und Bohrer Geräusche entlockte, die nur entfernt an Musik erinnerten. Besser verdaulich war da schon der Brite Matthew Herbert, der live gesampelte Knacklaute einer Plastikflasche und Coladose in einen wunderbaren Beat verwandelte.

Begeisterte in Barcelona: Komponist Karlheinz Stockhausen
DPA

Begeisterte in Barcelona: Komponist Karlheinz Stockhausen

Kommerzieller ging es in den Nächten zu, denn hier stand Tanzbarkeit im Vordergrund. Unter Vollmond und Sternenhimmel pilgerten Nachtschwärmer von einer Bühne zur nächsten. Am Samstag brachte Cristian Vogel mit einem knüppelharten Techno-Set die Menge zum Beben. Acid-Jazz-Kopf Gilles Peterson lieferte jazzigen House und Studio !K7 ein 5-stündiges Musikmarathon. Das Berliner Label war gleich mit vier Acts angereist, unter anderem das deutsche DJ-Trio Terranova und die britischen Stereo MC´s ("Connected").

Überraschungen waren hingegen abseits des Etablierten zu finden. Wie etwa im gefeierten Auftritt der Chicks On Speed, die mit ihrem anarchischem Disco-Pop in Spanien Kultstatus genießen. Am Freitag erklommen die drei in Papier gehüllten Berlinerinnen eine zum Kunstwerk verwandelte Bühne. Mit ihrem fröhlichen Dilettantismus - Bumm-Bumm-Beats aus der Konserve, wildes Rumgehopse und ein schriller, zumeist schief sitzender Gesang - begeisterten sie tausende von Fans.

Eine kleine Sensation war den Veranstaltern am Vorabend der eigentlichen Eröffnung des Festivals gelungen: Der Elektronik-Pionier Karlheinz Stockhausen führte im plüschigen Theater "Tívoli" höchstpersönlich sein Werk "Hymnen" (1967) auf, ein dissonanter Aufruf zu Völkerverständigung und Toleranz. Mit dem Satz "Ich wünsche Ihnen eine wunderbare Reise in den Raum ihrer Phantasie" entließ der Meister sein Publikum in ein zweistündiges Hörerlebnis: ein sperriges Gemisch aus Nationalhymnen, Alltagsgeräuschen und Sprachfetzen. Überraschend war, dass mehr gepiercte und tätowierte Technojünger denn gediegene Konzertgänger in den roten Sesseln saßen. Der Beweis dafür, dass selbst die anspruchsvollste E-Musik unters Volk gebracht werden kann - auf die richtige Verpackung kommt es an. Und die lieferte das Sónar-2000-Logo, das stadtweit auf den Werbeplakaten prangte.

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