23. August 2004, 16:58 Uhr

Abgehört

Die wichtigsten CDs der Woche

Gar nicht so Unhörbares von Björk, Unsagbares von The Prodigy, Monolithisches von The Secret Machines, Trauriges von Guided By Voices und Zumutungen von Soulwax.

Björk - "Medùlla"
(Polydor/Universal)


Angst und Schrecken wurden bereits im Vorfeld verbreitet: Björks neues Album "Medùlla" enthalte ausschließlich Sounds, die mittels der menschlichen Stimmbänder erzeugt worden seien, greifbare Songstrukturen fielen gleich ganz weg. Beides stimmte nicht, doch diensteifrig und ungefragt teilten recht bald die ersten Kritiker mit: Die Platte ist praktisch unhörbar. Was freilich nur derjenige so stehen lassen kann, der "Medùlla" nach ein oder zwei vergeblichen Versuchen bereits wieder weggelegt hat. Die Fakten: Natürlich grenzt das Geächze und Gelalle in "The Simplicity Of The Ghost-Like Beast" an vorsätzliche Körperverletzung, und auch manch anderes Röcheln und Piepsen sind nicht die pure Freude. Überhaupt ist "Medùlla" Björks bisher schwächste Leistung, und jeder, der sie bisher nicht mochte, wird sie nun hassen. Wenn man sich aber insbesondere mit "Post" und "Vespertine" ein wenig beschäftigt hat, ist "Medùlla" weder weiter befremdlich, noch sonderlich unkonventionell, sondern lediglich Schlusspunkt einer etwas unüblichen Entwicklung. In zwei Jahren vertont Björk dann Jackson Pollock. (6) (VÖ: 30.8.2004) Jan Wigger


Björk - offizielle Website


Prodigy - "Always Outnumbered, Never Outgunned"
(XL/Beggars/Indigo)


Wenigstens die "Bild am Sonntag" hat sich gefreut, als "Always Outnumbered, Never Outgunned" den Schreibtisch der dort arbeitenden Popkultur-Koryphäen erreichte: "Sozialkritische Themen", "souliger Rap", ja insgesamt "pure Power" diagnostizierte man höchst erfreut, während man in anderen Redaktionen fieberhaft nach Praktikanten vom Dorf suchte, die Prodigy nach jahrelanger Abstinenz freiwillig bescheinigen wollten, noch immer der dernier cri zu sein. Um es kurz zu machen: Diese Platte ist grässlich. Jeder zweite Track ein ärmlicher Abklatsch früherer Tage, alle paar Sekunden ein dümmliches Rattern, Wummern oder Klingeln - der "Holzmichl" ist innovativer. "Always Outnumbered, Never Outgunned" ist der Alleingang von Liam Howlett, der zwar messerscharf kombinierte, dass schon die letzte Single "Baby's Got A Temper" Mist war, es nun aber mit leichter Hand noch viel schlimmer macht. Liam Gallagher, Kool Keith und Princess Superstar sind auch dabei, doch einzig der Auftritt von Juliette Lewis als Barschlampe ist wirklich erwähnenswert. (2) Jan Wigger


Prodigy - offizielle Website


Guided By Voices - "Half Smiles Of The Decomposed"
(Matador Records/Beggars/Indigo)


Das Traurigste am Abschied von Guided By Voices nach rund 20 wundervollen Jahren ist wahrscheinlich, dass auch "Half Smiles Of The Decomposed" wieder keine Hitsingle abwerfen wird und Robert Pollard somit auch der verspätete Einzug in den Songschreiber-Olymp verwehrt bleibt. Immerhin wird Pollard die Indie-Welt weiter mit Solo-Platten beglücken und auch von Songs wie "Girls Of Wild Strawberries" und "Window Of My World" ist noch lange zu zehren. Auf "Half Smiles Of The Decomposed" ist jeder Atemzug ein Abschied. Jedes Stück vermittelt eine Ahnung davon, wie groß Guided By Voices hätten sein können, wenn man sie nur gelassen hätte. Die Beatles, die Beach Boys, Big Star, The Who und R.E.M, konzentriert in einer einzigen Band - wir sagen selbstverständlich nicht "Adios", sondern "Auf Wiedersehen". (7) Jan Wigger


Guided By Voices - offizielle Website


The Secret Machines - "Now Here Is Nowhere"
(Reprise/Wea)


"Nowhere is not here/ Nowhere is not there/ Nowhere is nowhere" sang John Cale in "E Is Missing", und an dieses Lied denkt man natürlich, den kryptischen Album-Titel der Secret Machines vor Augen. Aber war da nicht noch etwas? Aber ja: Die Secret Machines, die irgendwann einmal von Dallas nach New York übersiedelten, gaben unlängst ein kleines Konzert, das in einer Jam-Session mit Michael Rother von Neu! gipfelte. Diejenigen, die dabei sein durften, flüsterten den Daheimgebliebenen noch wochenlang verstohlen ein "Legendär!" ins Ohr und guckten dabei wie Schlemihl aus der "Sesamstraße". "Now Here Is Nowhere" klingt dann auch wirklich so monolithisch - oder nach Pink Floyd, Led Zeppelin und Broken Social Scene. Beeindruckend: Für ein Monster wie "Light's On" müssten weniger talentierte Bands jahrelang arbeiten. Langweilig: Trotz mindestens 24 verschiedener Musikstile auf "Now Here Is Nowhere" war schon wieder etwas von "Retro-Rock" zu lesen. (8) Jan Wigger


The Secret Machines - offizielle Website


Soulwax - "Any Minute Now"
(PIAS/Rough Trade)


Dies vorweg: Auch als Miterfinder des "Bastard-Pops" und Erschaffer eines der für die Clubkultur wichtigsten Alben überhaupt ("As Heard On Radio Soulwax Pt. 2") hat man sich noch lange nicht das Recht erkauft, ein Cover wie jenes von "Any Minute Now" auf den Markt zu werfen, das das Auge des Betrachters ohne Vorankündigung verstümmelt und auf alle Zeiten erblinden lässt. Kurz: Eine Zumutung. Die Platte selbst ist natürlich viel besser, doch Freunde des nun fast schon wieder sechs Jahre alten und sehr poppigen Soulwax-Albums "Much Against Everyone's Advice" dürften trotzdem enttäuscht sein: Ohne Störgeräusche, ohne Dröhnen, ohne perfide Drehungen und Wendungen kommt "Any Minute Now" nicht aus. Was heißen soll: Das belgische Bruderpaar Dewaele macht sowieso, was es will. So taumelt man dann gekonnt zwischen Eintönigkeiten ("Please... Don't Be Yourself") und Genie ("A Ballad To Forget"). (6) Jan Wigger


Soulwax - offizielle Website



Bewertung: Von "0" (absolutes Desaster) bis "10" (absoluter Klassiker)


URL:

© SPIEGEL ONLINE 2004
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH