08. November 2005, 10:01 Uhr

Kaiser und DJ Hell

"Musik ist nicht zum Verstehen da"

Zwei Welten prallten aufeinander, als sich der Klassik-Kritiker Joachim Kaiser und der Star-DJ Hell zum Gespräch trafen. Munter plauderten die beiden über die Unterschiede von U- und E-Musik. Erstaunlich: Gegensätze gab es wenig.

Herr Kaiser, warum ist das Hören einer Beethoven-Sonate ein Erlebnis?

Kaiser:

Weil man einer Geschichte beiwohnt. Es gibt einen Augenblick, in dem Sie plötzlich eine Emotionsgewissheit haben. Dann sagen Sie sich: Donnerwetter, das interessiert mich, das ist schöne Musik. Nehmen wir Beethovens "A passionata", die Sonate in f-moll Nr. 23. Die fängt mit einem Pianissimo-Thema an, und plötzlich kommt eine Mordspassage, bei der man ein bisschen erschrickt. Es ist eine wilde Musik, und es kommt zu einem sehr schönen zweiten Motiv. Dann werden die Themen miteinander konfrontiert und am Ende ertönt das so genannte Schicksalsmotiv. Dann wiederholt sich das Ganze und am Ende sind alle Themen total ausgebrannt. Die "A passionata" ist keine einfache Geschichte von Leidenschaft: Der erste Satz erzählt, wie leidenschaftliche, schöne und tolle Gestalten am Ende erledigt sind. Dieser Prozess dauert acht Minuten und wenn man den begriffen hat, dann ist man jemand anderes.

Kritiker Kaiser: "Wenn man über Musik redet, wird es immer länger"
DPA

Kritiker Kaiser: "Wenn man über Musik redet, wird es immer länger"

DJ Hell: Nur acht Minuten? Das hat sich nach viel mehr angehört.

Kaiser: Ja, wenn man über Musik redet, wird es immer länger.

DJ Hell, verstehen Sie Herrn Kaiser?

DJ Hell: Wilde Musik verstehe ich schon - wenn es um Brüche in der Musik geht, um Themen, die gespielt, verlassen und wieder aufgegriffen werden. Ich glaube, dass das nicht so weit weg ist von meinen elektronischen Arrangements. Ich bin natürlich weniger beeinflusst von klassischer Musik, aber Beethoven mag ich. Stanley Kubrick hat mich mit "Clockwork Orange" dorthin geführt.

Kaiser: Na immerhin.

DJ Hell: Ich war als Junge komischerweise schon von Roxy Music und Brian Eno beeindruckt. Die habe ich schon als Sechsjähriger gehört und war völlig begeistert.

Kennen Sie Roxy Music, Herr Kaiser?

Kaiser: Ganz wenig, ich hatten eine völlig andere Sozialisation. Mein Vater war Arzt und wir machten dauernd Kammermusik. Als ich sechs Jahre alt war, war mein Vater einmal furchtbar stolz auf mich: Am Abend hatten wir wieder gespielt und am nächsten Tag schnürte mir das Dienstmädchen die Schuhe zu und ich kleiner Bengel sang Brahms' Klarinettenquintett. Das fand der Papa wunderbar. Er sagte: "Jochchen, sing's doch weiter." So ging das bei mir los mit der Musik.

Wie war das bei Ihnen zu Hause, DJ Hell?

DJ Hell: Ich habe immer viel Radio gehört, teilweise sogar die Schule geschwänzt, um Sendungen nicht zu verpassen. Das Interesse an elektronischer Musik kam früh. Es gab ja schon in den siebziger Jahren Bands wie Emerson, Lake & Palmer oder eben Roxy Music. Die waren ja zum Großteil elektronisch.

Kaiser: Glenn Gould hat sich auch sehr eingesetzt für elektronische Klänge.

DJ Hell: Und es gab die Italiener, die schon in den dreißiger und vierziger Jahren mit selbst gebauten elektronischen Geräten experimentiert haben. Von denen gibt es Aufnahmen, die ich später versucht habe, in meine Musik einfließen zu lassen. Natürlich hatte Kraftwerk großen Einfluss auf meine Musik.

Kaiser: Diese Synthesizer-Sachen haben viele moderne Komponisten der so genannten E-Musik eine Zeitlang auch gemacht - aber man wird der Sache schnell überdrüssig. Man merkt, dass es schöner ist, wenn Glenn Gould selber spielt, als dass er sagt, der Synthesizer könne es besser. Aber das kann auch die Ansicht eines alten Herren sein...

DJ Hell, was ist das größte Missverständnis, das alte Herren über elektronische Musik haben?

DJ Hell: Ach, das passt nicht in ein ganzes Buch. Überhaupt gibt es mittlerweile so viele Definitionen für elektronische Musik - und Techno als Oberbegriff. Techno wurde schon Ende der achtziger, Anfang der neunziger Jahre komplett falsch kommuniziert. Diese Musik kam aus den Szenen in Detroit, Chicago und England, und bis sie bei uns war, wurde sie total weichgespült und falsch interpretiert. Mittlerweile sieht man ja, was für ein Brei hier angeboten wird. Man kann gar keine genaue Beschreibung mehr davon geben.

Kaiser: Sie müssen auch nicht alles definieren können. Musik ist nicht zum Verstehen da. Wenn Sie die Fähigkeit haben, sie zu hören und zu mögen, wenn Sie also über Ihr Herz, Ihre Seele kommunizieren, dann genügt das schon. Sie müssen doch verdammt noch mal nichts von Schönheit verstehen, wenn Sie sich in ein hübsches Mädchen verlieben.

DJ Hell: Das stimmt. Bei Musik geht es um Gefühle und Emotionen. Im Studio muss man sich überlegen: Was will man damit erreichen? Viele Sachen werden bloß geschrieben, um Titel zu verkaufen, denn bei uns ist Musik wie Mathematik - weil alles nach Formeln geht und zu berechnen ist.

DJ Hell: "Die Frage ist doch immer, wie es sich am Ende anhört"
DDP

DJ Hell: "Die Frage ist doch immer, wie es sich am Ende anhört"

Waren Sie gut in Mathe?

DJ Hell: Nee.

Kaiser: Ich habe nie begriffen, warum Mathematik und Musik so eng zusammenhängen sollen. Man sagt das ja auch von Bach-Fugen, aber...

DJ Hell: ... doch, wenn ich Musik am Computer entstehen lasse, kann ich das sehen - und fast schon fühlen. Wenn man weiß, wie man Musik im Computer zusammensetzt und arrangiert, dann hat man plötzlich eine ganz andere Herangehensweise. Man hört Sachen auch ganz anders.

Macht es Ihnen Sorge, dass Musik planbar ist und aus dem Computer kommt, Herr Kaiser?

Kaiser: Ja, das macht mir persönlich schon Sorge.

DJ Hell: Aber die Frage ist doch immer, wie es sich am Ende anhört...

Kaiser: Wissen Sie, es gibt diesen grauenhaften Begriff der Zielgruppe. Ich mag ihn schon deshalb nicht, weil er aus dem Militärischen kommt und besagt, dass man mit Kimme und Korn auf jemanden zielt. Bei Brahms-Stücken würde ich niemals sagen, dass sie auf diese oder jene Gruppe zielen.

Dennoch hat klassische Musik eher ein älteres Publikum.

Kaiser: Keine Frage. Und DJ Hell hat recht, wenn er sagt, dass die Jungen zu ihm kommen und vielleicht sagen: "Der Kaiser mit seiner Klassik hängt mir zum Halse raus."

DJ Hell: Aber die besten Auftritte sind die, wo jung und alt zusammen feiern. Wenn alle Altersgruppen auf einer Party sind, dann weiß ich, dass es eine besondere Nacht wird. Das ist selten so und ich finde es schade, dass zu mir wenig ältere Leute kommen.

Kaiser: Die sitzen dann bei mir in der Vorlesung über klassische Sinfonien oder Kammermusiken.

DJ Hell: Dann sollten wir mal zusammen Veranstaltungen machen. Sie halten eine Vorlesung und ich lege danach bei Ihnen auf.

Kaiser: Gerne.

Versuchen Sie eine Prognose, DJ Hell: Welche Verweildauer hat elektronische Musik?

DJ Hell: Wenn ich das wüsste... Die Zeiten haben sich ja radikal geändert - wenn man so sieht, was jeden Tag veröffentlicht wird und was man überhaupt noch mitbekommt.

Kaiser: Sind Sie eigentlich sicher, dass man nicht einer optischen Täuschung unterliegt, wenn man meint, es passiere so wahnsinnig viel Neues und so schnell? Ich denke, dass sich in erster Linie die Parolen ändern. Dass, was als neu ausgegeben wird. Die maßgebenden Meisterwerke entstehen aber immer noch sehr langsam. Günter Grass oder der Maler Francis Bacon produzieren langsamer als Mozart.

Wäre Mozart heute ein Popstar?

Kaiser: Ich habe etwas gegen jede Art von Aktualisierung. Der große Unterschied zwischen der von DJ Hell betriebenen und der von mir verteidigten Kunst besteht darin, dass ein klassisches Kunstwerk umso bedeutender ist, je mehr es in seiner Sprache die Geschichte aufnimmt. In Wagners "Parsifal" steckt sehr viel Bach, sehr viel Beethoven. Und wenn Bach seine h-moll-Messe schreibt, dann steckt da Musikgeschichte bis ins vierte Jahrhundert drin. Diese idiotische Vorstellung, es müsse alles den Anschauungen von möglichst Ahnungslosen und Leuten, die sich nicht vorbereiten wollen, angenähert werden, halte ich für barbarisch.

DJ Hell: Ich versuche immer zu erklären, dass man Sachen wachsen lassen muss und lieber zurückhält, wenn sie noch nicht so weit sind. Leider machen viele junge Musiker den Fehler und sagen: Okay, wenn der eine Produzent jetzt nicht will, dann gehe ich zu einem anderen oder ich mache es selber. Dann werden Sachen veröffentlicht, die nicht fertig, nicht zu Ende gedacht sind.

Kaiser: Jetzt sprechen Sie ironischerweise meinen Text!

Sind Sie deshalb ein besserer DJ als viele andere?

DJ Hell: Das würde ich nie behaupten. Ich bin ein harter Arbeiter, genau wie bei Fußballspielern steckt immer harte Arbeit dahinter, es gibt da wenig Geheimnisse. Talent gehört natürlich auch dazu.

Kaiser: Sind Sie eigentlich ein Star?

DJ Hell: Ich würde mich nie als Star bezeichnen. Ich weiß, was ich kann, und ich weiß, was ich nicht kann. Ich habe gelernt, dass man die richtigen Leute zur richtigen Zeit zusammenbringen und dann von jedem das Beste nehmen muss. Es ist meine Aufgabe, Dinge zusammenzufügen und etwas Neues entstehen zu lassen. Und da habe ich zu entscheiden: Was ist gut, neu, innovativ, was ist ein Original und was ist eine Kopie von einer Kopie von einer Kopie?

Bei Ihren Vorträgen, Herr Kaiser, liegt das Publikum Ihnen zu Füßen. Können Sie nachvollziehen, warum das so ist?

Kaiser: Es gibt viele Leute, die relativ intelligent reden können, einen dabei aber zu Tode langweilen. Ich glaube - schlagen Sie mich dafür nicht! - dass das Halten eines Vortrags eine erotische Sache ist. Sie müssen den Gegenstand, den Sie behandeln, in irgendeiner Form lieben und Sie müssen ihr Publikum so weit verstehen, dass Sie merken: Ah, es wird zu schwierig. Jetzt mache ich mal einen Scherz. Und wenn ich merke, dass ich die Leute mit meinen Scherzen nerve, dann erkläre ich ihnen eine Hammerklaviersonate, bis sie graue Haare bekommen!

Empfinden Sie einen gewissen Reiz, am Ende überlegen zu sein?

Kaiser: Das war bei Theatermachern eine Zeitlang üblich. Wenn das Publikum dem Stück nicht folgen konnte, verbeugten sie sich am Ende ganz hämisch und dachten: Jetzt haben wir's euch Spießern gezeigt. Das finde ich verächtlich.

DJ Hell: Es gibt auch DJs, die es regelrecht darauf anlegen, einen Laden leer zu spielen. Das ist meiner Meinung nach nicht nur unbefriedigend, sondern auch egoistisch. Es kann nicht Sinn der Sache sein, wenn man vor Leuten auftritt.

Die ersten Regeln für Kritiker?

Kaiser: Wenn Sie sich auf ein schweres neues Stück einlassen, wenn es eine Beckett-Uraufführung gibt oder eine wichtige Wagner-Oper in einer Neuinszenierung, dann müssen Sie sich vorbereiten und richtig ausgeschlafen sein. Ich sage immer zu jungen Kritikern: "Bitte keine Nachfeiern im Theater oder Konzerthaus."

DJ Hell: Keine After-Hour - so nennen wir das heute!

Kaiser: Ja, da bist du mit den Leuten zusammen, säufst eine ganze Menge, redest viel. Am Ende kennst du die eigene Meinung nicht mehr, sondern denkst, dass du von den Anderen das Beste übernehmen kannst, sinkst um halb drei ins Bett und wachst um sieben Uhr ziemlich finster wieder auf. So viel Kaffee kann es gar nicht geben, wie man dann braucht! An meinen Rat hält sich aber kaum jemand, weil es eben Spaß macht, das Trinken und das Fachsimpeln. Grundsätzlich gilt für jeden Kritiker, was mir ein amerikanischer Produzent mal sagte: "He has to be honest." Ehrlich, aufrichtig also.

Zum Schluss möchten wir Sie bitten, Ihr Gegenüber mit einem Musikstück aus Ihrem Metier zu beschreiben.

DJ Hell: Mein erstes Stück hieß "My Definition Of House Music". Dabei habe ich sehr viel mit klassischen Cello-Streichern gearbeitet, was damals ungewöhnlich war. Das würde ich gerne Herrn Kaiser widmen.

Kaiser: Ich würde Sie mit einer mittleren Strawinsky-Sonate in Verbindung bringen. Die Sonate "Pour le piano" ist ganz pfiffig und auf ihre Weise bescheiden. Und Sie sind ja ausgesprochen zurückhaltend, intelligent, Sie kennen die Welt. Ich denke, das passt.

DJ Hell: Das werde ich mir besorgen.

Das Interview führten Jens Poggenpohl und Christian Helge Röfer


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