28. Mai 2006, 15:15 Uhr

"Popstars"-Casting

Anstehen für den Sekunden-Traum

Von Peer Schader, Frankfurt am Main

Es geht um Ruhm, Erfolg, Karriere, also ein ganz neues Leben. Beim "Popstars"-Casting in Frankfurt am Main sucht ProSieben Kandidatinnen für eine neue Retortenband. Für die meisten Mädchen war der Traum bereits nach ein paar Sekunden vorbei.

Ausbildungsleiter sind auch nicht mehr das, was sie mal waren. Sie lassen einen Stunden lang warten, sagen einem nicht, was man falsch gemacht hat, und sind nachher auch noch unfreundlich. "Jeder, der nicht sicher ist, ob er das hier wirklich will, sollte jetzt gehen", sagt Detlev "D!" Soost mit ernster Stimme und ätzt: "Da hinten ist die Tür, es ist nicht abgeschlossen!"

Doch keiner steht auf. Fünfzig Mädels sitzen wie angewurzelt auf ihren Hockern zwischen Kugellichtern, die aussehen, als seien sie gerade von der Decke gefallen, und starren auf die Bühne, wo ihr Ausbilder ihnen eine Standpauke hält. Zum ersten Mal an diesem Tag ist es mucksmäuschenstill. Dann werden die ersten fünf im Kasernenhofton zum Vorsingen nach vorne beordert.

Michaela aus Aschaffenburg singt als erstes. "Nutzt jede Sekunde, um uns zu überzeugen", hat Soost den Mädchen zuvor geraten. Michaela hat drei Sekunden, bevor er ihren Song unterbricht: "Danke, das reicht." Ihren Mitbewerberinnen geht es kaum besser: "Du hast kein Stimmpotenzial!", urteilt die Jury, in der neben Soost auch Nina Hagen und der nicht gerade weltberühmte Musikproduzent Dieter Falk sitzen, der sich als harter Hund neben Soost beweisen will. "Nicht hier rumjaulen", bekommt eine Kandidatin zu hören, und die nächste: "Für die Abschlussfeier wird es reichen." Einmal tickt "D!" richtig aus. "Ich krieg' grüne Pickel am Hals! Könnt ihr beim Singen mal die Augen aufmachen?", tobt er. "Was is'n das für 'ne religion? Gebt uns die Chance, euch anzusehen!"

Es geht auf den ersten Blick nicht besonders freundlich zu in diesem ersten Casting, bei dem ProSieben Kandidatinnen sucht, die ab August in der vierten Staffel von "Popstars" zu neuen "No Angels" trainiert werden. Eine reine Mädchenband ist gewünscht, ein bisschen erwachsener darf sie auch sein, sagen die Leute vom Sender. Aber die tausend Mädchen, die sich am Samstag in Frankfurt am Main als Stars beworben haben, sind alle ziemlich jung, im Durchschnitt vielleicht 16.

Die meisten von ihnen warten seit 8 Uhr am Morgen, haben einen Aufkleber mit einer Nummer bekommen und sich dann mühselig selbst beschäftigt, weil ihre Freunde und Eltern draußen warten müssen. Die drücken jetzt ihre Nasen an die Glasfassade der Frankfurter Musikakademie Dr. Hoch's Konservatorium, die von der Produktionsfirma Tresor als Casting-Ort ausgesucht wurde.

"Dafür sind wir jetzt vier Stunden gefahren?"

Dabei passt die feine Akademie so gar nicht zu der ProSieben-Veranstaltung. In dem modernen Bau mit seiner Rechteckarchitektur und den rot und blau geschwammten Betonwänden proben sonst das Vokalensemble, der Jazzchor oder die Akademie-eigene Big Band. An diesem Samstag allerdings ist die Hochschule fest in Teenager-Händen. Hinter den Birkenholztüren mit den Plakaten, die zur Veranstaltung "Kammermusik des Barock" einladen, stehen Mädchen um einen Flügel herum und singen probeweise "Killing me softly" und "My heart will go on" – wie tausend junge Grazien im Pfadfinderlager.

Dabei werden die meisten von ihnen schon im Vorcasting aussortiert, weil sonst der Ansturm gar nicht zu bewältigen wäre. "Dafür sind wir jetzt vier Stunden gefahren?", fragt eine Mutter entsetzt, während die Tochter die Niederlage gelassen zu nehmen scheint.

Warm-Upper Christian Oberfuchshuber versucht derweil mit dem Megafon, Ordnung ins Gewusel zu bringen. Ständig muss jemand auf Toilette. Und wenn eine muss, müssen plötzlich alle. Andere können sich nur schwer mit dem Rauchverbot arrangieren. Ein Bewerberin im rosa Plüschjäckchen sagt: "Ich kann nicht eine Stunde ohne Zigarette!" Furchtbar, diese Warterei!

Weil viele sich das Frühstück gespart haben, knurrt ihnen jetzt auch noch der Magen. "Hier kriegt man nicht mal was zu essen", beschwert sich ein Mädchen. Ihre Freundin hat deshalb schnell was von Kentucky Fried Chicken geholt. Andere sind "Bei Toni" eingekehrt, der verrauchten Eckkneipe gegenüber, in der es Krakauer mit wässrigem Ketchup für 3,50 Euro gibt. Wahrscheinlich macht Toni an diesem Tag das Geschäft seines Lebens.

Gekreische, als die Jury kommt

Um 12 Uhr ein erster Höhepunkt: Die Jury stellt sich vor laufenden Kameras vor. Unglaublich, wie junge Menschen, auf Zuruf so laut schreien können. Die Mädchen empfangen Soost mit derart schrillem Jubel, dass die Autos draußen auf der Sonnemannstraße langsamer werden, weil die Fahrer sich wundern, woher das Geschrei kommt. Auch der schmächtige Dieter Falk, der mal "Pur" produziert hat, wird tobend begrüßt – obwohl sicher noch keine der jungen Kandidatinnen jemals was von diesem Mann gehört hat. Dafür kennen die meisten immerhin Nina Hagen, die dritte im "Popstars"-Team, die in ihren hohen Lacklederstiefeln ziemlich Mühe hat, unfallfrei die lange Treppe runterzukommen, und als einzige ihren Auftritt wiederholen muss, weil die Aufzeichnung gestört wurde.

Eine Stunde später sieht sich die Jury die ersten Kandidatinnen an. "Es wird nicht gelästert über schlechte Stimmen und dicke Hintern", gibt Oberfuchshuber den Mädchen mit auf den Weg ins Casting. Kamerateams positionieren sich an den Ausgängen, um Jubel und Tränen festzuhalten, wobei die meisten Bewerberinnen recht gefasst auf ihren Rausschmiss reagieren. Das große Geflenne fällt aus.

Wer weiterkommt, muss für den Recall am nächsten Tag zwei Lieder und eine Choreografie auswendig lernen. Die anderen trotten müde nach Hause. Für manche ist der Traum vom Star schnell vorbei. Sechs Stunden warten für drei Sekunden Jurygenörgel – das hat sich so manche Kandidatin anders vorgestellt. Nur die jungen Männer, die draußen vor der Tür ausharren, sind heilfroh, ihre Freundinnen wieder zu haben.

Gefährlich wird es nur für die, die bleiben

Natürlich kann man sich fragen: Meinen die das wirklich alle ernst? Was ist so toll daran, von einem Konzert zum nächsten zu tingeln, keine Privatsphäre mehr zu haben und ständig gut gelaunt sein zu müssen? Die meisten Mädchen haben darauf keine Antwort. Sie wollen bloß "Popstar werden".

Das kann man belächeln. Oder man hat Respekt davor, dass sich junge Menschen überhaupt einem solchen Druck aussetzen, um sich einen Traum zu erfüllen. Früher war es eine Attraktion, wenn der Zirkus in die Stadt kam. Heute kommt eben das Fernsehen. Doch ebenso so schnell wie man in diese Parallelwelt eingetaucht ist, kehrt man nachher wieder in der Realität zurück. Gefährlich wird es eigentlich nur für die, die bleiben.

Mit der vierten "Popstars"-Staffel hofft Pro Sieben, an den Erfolg des wiederbelebten "Deutschland sucht den Superstar" bei RTL anzuknüpfen. Inzwischen ist es den Sendern wahrscheinlich egal, ob aus den Gewinnern echte Stars werden. Wer erinnert sich heute schon noch an "Superstar" Alexander Klaws, "Star Search"-Gewinner Martin Kesici oder Nu Pagadi, die letzte Pro-Sieben-Retortenband. Die Zuschauer interessiert nicht der Star, sondern der Weg, den er zurückgelegt hat. Die Show ist das Ziel. Es ist nicht schlimm, dass die wenigsten Mädchen beim "Popstars"-Casting daran gedacht haben dürften. Aber denen, die nachher ausgewählt werden, wird es sehr helfen, sich dessen ab und zu bewusst zu werden.

Weitere Casting-Termine: 4. Juni in Hannover, Peppermint Pavillon, 10. Juni in Stuttgart, Römerkastell und am 15. Juni in Dortmund, Kongresszentrum Westfalenhallen.


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