23. Dezember 2008, 12:09 Uhr

Abgehört 2008

Die wichtigsten CDs des Jahres

Das Jahr ist (fast) um, die Abrechnungen, Auflistungen und Bestenlisten stehen an. Auch "Abgehört" zieht Bilanz: Andreas Borcholte und Jan Wigger haben die zehn besten Pop- und Rock-Platten aus 2008 ermittelt: Die wichtigsten CDs des Jahres - Teil zwei!

Portishead – "Third"
(Island/Universal)

Platten, auf die man lange gewartet hat, gab es einige in diesem Jahr, man denke nur an "Chinese Democracy" von Guns N'Roses. Auch die Geschichte von Portishead drohte zum Mythos zu werden, denn ähnlich wie Axl Rose und seinem am Ende verunglückten Opus Magnum erging es zunächst auch den introvertierten Elektronikpionieren aus Bristol, die zehn Jahre brauchten, um ihr drittes Album fertigzustellen. Das Ergebnis jedoch, das Ende April im schönsten Nieselwetter veröffentlicht wurde, ließ an Originalität, Musikalität und Virtuosität nichts zu wünschen übrig. Die dürr "Third" betitelte Platte der unter der Rubrik "TripHop" bekannt gewordenen Gruppe klang wie nichts, was dem aktuellen Zeitgeist entsprach und brachte ihn – rückwirkend betrachtet - dennoch genau auf den Punkt.

Einerseits bedienten die neuen, tief im Kraut- und Progrock verwurzelten Portishead-Tracks mit ihrer zerbrechlichen Vielschichtigkeit dieselbe Sehnsucht nach Innerlichkeit und Simplizität, unter der auch die Neu-Folkies leiden.

Andererseits flüchten sich Portishead eben nicht in die Wärme hölzerner Zupfinstrumente, sondern bilden die Wirklichkeit in all ihrer kühlen, metallenen Bedrohlichkeit kongenial ab - hypnotische, elektronisch verstärkte Angst.

Ein Symbol dafür ist das stilisierte Helikopterknattern in "Plastic": Apocalypse now, scheinen diese Lieder sagen zu wollen, das Ende (der Wirtschaft, des Klimas) ist nah, lasst alle Hoffnung fahren. Und dann fängt Beth Gibbons einen wieder auf, verspricht Trost mit ihrer ätherischen, vertrauten Stimme, wenn sie in "Hunter" fordernd fragt: "If I should fall would you hold me?"

Also reißen wir uns zusammen, spielen den Blade Runner, während "Machine Gun" den Weg zurück in die düsteren Zukunftsvisionen der Achtziger weist. "I'd like to laugh at what you said/ But I just can't find a smile", singt Gibbons dazu passend in "Nylon Smile". Welch süßer Soundtrack für saure Zeiten. Andreas Borcholte

Bon Iver – "For Emma, For Ever Ago"
(4AD/Beggars/Indigo)

Bon Ivers "For Emma, For Ever Ago" hätte nicht nur den Preis für den besten Albumtitel des Jahres verdient, die Platte ist darüber hinaus eines dieser raren Meisterwerke, von denen man ahnt, sie werden sobald keinen adäquaten Nachfolger finden.

So lohnt es kaum, die übliche Formel anzubringen, wie neugierig man auf das nächste Album von Bon Iver ist. Man ist es nicht. Der amerikanische Sänger und Songwriter, der eigentlich Justin Vernon heißt, wird sicher auch weiterhin sehr gute Musik machen, aber ein solches Monument wie "For Emma, For Ever Ago" kriegt er aller Wahrscheinlichkeit nach nicht mehr hin. Drei Monate zog sich Bon Iver in eine Hütte irgendwo in der verschneiten Wildnis Wisconsins zurück und schrieb sich seinen grenzenlosen Liebeskummer von der Seele.

Man weiß nicht, was ihm jene im Titel erwähnte Emma angetan hat, aber gemessen an Verwünschungen wie "Someday my pain will mark you, harness your blame, and walk through" ("The Wolves") muss es eine massive Kränkung gewesen sein. Nicht alles auf dem Album ist so bitter; oft klingen die im brüchigen Falsett zur kargen Gitarre gesungenen Lieder auf fast religiöse Art hoffnungsfroh, fiebrig und erleuchtet. Allerdings nie für lange. Man hört ja von einer gewissen Euphorie, die in Abgeschiedenheit lebende Menschen befallen kann. Vielleicht hat der Gute auch ein paar halluzinogene Baumrinden zu viel gegessen. Man weiß es nicht. Das große, grandiose Mysterium des Jahres. Andreas Borcholte

Vampire Weekend – "Vampire Weekend"
(XL Records/Beggars/Indigo)

Und noch so ein singuläres Ereignis: Vampire Weekend brachten ihr Debütalbum zwar bereits im Januar heraus, dennoch bleibt es unangefochten eine der wichtigsten amerikanischen Veröffentlichungen des Jahres.

Warum? Weil man selten so flüssig und flink eine Zungenbrecher-Zeile wie "Who gives a fuck about an oxford comma" vor sich hinsang, oder weil man sich endlich mal wieder öffentlich ohne Nostalgievorwurf an Paul Simons "Graceland" erinnern durfte.

Sprich: Vampire Weekend, ein paar gut angezogene Jungs aus New York, fusionierten College-Rock mit Afro-Beat, spielten erstaunlich kompetent mit Polyrhythmen herum und verströmten viel selbstbewusste Weltläufigkeit. Unvergessen der Seitenhieb auf einen weiteren dieser Gutmensch-Saurier in "Cape Cod Kwassa Kwassa": "This feels so unnatural/ Peter Gabriel, too". Ska, New Wave, Weltmusik und eine hinreißende, freche Nonchalance kamen bei dieser verspielten, aber nie überspannten Platte zusammen. Gäbe es Vampire Weekend nicht, müsste man Bret Easton Ellis fragen, ob er sie für uns erfindet. Andreas Borcholte

The Notwist – "The Devil, You + Me"
(City Slang/Universal)

Man kann der ersten Notwist-Anstrengung nach dem Jahrzehnt-Album "Neon Golden" vorwerfen, dass Markus Achers Englisch immer noch so deutsch klingt wie wir es seit dem 1991 veröffentlichten Debüt "The Notwist" kennen und lieben.

Auch mag man beklagen, dass die Zeit fehlt, sich immer und immer wieder mit den mal sorgfältig verschachtelten, mal wehmütig dahingleitenden elf neuen Tracks zu beschäftigen. Die nun schon öfter gehörte Kritik, The Notwist wären langweilig geworden und würden keine großen, bewegenden Songs mehr schreiben, ist allerdings nur schwer nachzuvollziehen: Wie Acher in "Alphabet" kraftlos gegen das Rattern und Schaben im Hintergrund ansingt, wie "On Planet Off" im Refrain plötzlich ganz groß wird und dir der zweite Teil von "Gloomy Planets" für einen kurzen Moment die Luft zum Atmen abschneidet – dafür müssten sehr viele Bands sehr, sehr lange üben. Jan Wigger

Simone White – "I Am The Man"
(Honest Jons/Indigo)

Als "I Am The Man" im Februar schließlich doch noch in Deutschland zugänglich gemacht wurde, wunderte man sich nicht nur darüber, wie man so lange ohne eine derart perfekte Platte leben konnte.

Genauso groß war das Erstaunen, dass kaum eine einheimische Zeitschrift über wunderbar sublime und komplett verehrungswürdige Lieder wie "The American War", "The Sweetest Love Song" oder "We Used To Stand So Tall" mehr als nur ein paar wohlfeile Worte verlor.

Die von Mark Nevers (Lambchop, Bonnie "Prince" Billy) produzierte zweite Simone-White-LP "I Am The Man" ist von makelloser, sprachlos machender Schönheit, zudem erschütternd wie das untröstliche "Roses Are Not Red": "Birds will die up in the sky/ The sky that is not blue/ Everything is as it was/ I never loved you." Dazu Flüsterposaunen, Himmelsklavier, vorsichtiger Blues, Jazz, Folk und eine Stimme, die man nicht mehr vergisst: "I take back my heart/ And give you my blessing/ Your light will shine/ though you may be in darkness." Gut zu wissen, dass das kleinste Licht immer am hellsten scheint. Jan Wigger

Liebe Leser, das war's für dieses Jahr. Die nächste Abgehört-Ausgabe erscheint am 6. Januar 2009!

Teil eins der "wichtigsten CDs des Jahres" verpasst? Hier klicken!


URL:

FORUM:


Mehr auf SPIEGEL ONLINE:


© SPIEGEL ONLINE 2008
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH