SPIEGEL ONLINE: Hat es Sie eigentlich gejuckt, in den Wahlkampf einzugreifen?
Regener: Von meinem 15. bis zum 20. Lebensjahr war ich politisch mega-aktiv, war im Kommunistischen Bund Westdeutschland. Das hat mir gereicht.
SPIEGEL ONLINE: Warum?
Regener: Ich bin kein unpolitischer Mensch, aber ich brauche das nicht unbedingt. Und die Welt braucht das nicht unbedingt von mir. Woher kommt überhaupt diese Frage?
SPIEGEL ONLINE: Musiker bewegen Massen, haben also Macht.
Regener: Sicher, wir haben als Musiker Macht - über die Herzen der Leute. Aber will ich sie manipulieren? Denn das wäre ja das Prinzip: Die mögen meine Musik, und diese Zuneigung lenke ich ins Politische um. Aber sollte man Gefühl und Politik verquicken? Will man, dass die Frau, die man liebt, deswegen dann auch dieselbe Partei wählt? Das ist höchst fragwürdig. Rockmusiker können ein paar Parolen ins Publikum werfen und die Zuschauer können das abnicken, mehr nicht. Das ist rein affirmativ, also extrem unpolitisch. Wie kann es Politik geben ohne Debatte, Details, Kompromisse?
SPIEGEL ONLINE: Rockmusiker pflegen gern mal den rebellischen Gestus.
Regener: Rebellischer Gestus? Das ist doch der röhrende Hirsch an der Wohnzimmerwand. Ich habe auch nie verstanden, warum die Leute meinen, "Blowin in the Wind" sei ein Protestsong. Wo ist da der Protest?
SPIEGEL ONLINE: In der Bedeutung, die dem Song gegeben wird?
Regener: Eben. Das Lied an sich ist kein Protestsong, Dylan hat beim Singen keine Rebellenpose eingenommen und auch keine Sprüche geklopft. Nein, die Leute wollten das so sehen! Rebellion liegt im Auge des Betrachters. Als Künstler ist man da komplett freigesprochen.
SPIEGEL ONLINE: Sind rebellische Rocker überhaupt noch glaubwürdig?
Regener: Bands fahren ja heute auch schon mal im Jägermeister-Tourbus durch die Gegend, mit Jägermeister-Gardinen, Jägermeister-Bettlaken und Jägermeister im Kühlschrank. Ist auch okay. Wenn man mit Platten kein Geld mehr verdient, was soll man machen? Aber wenn sie sich dann in eine rebellische Pose werfen, ist das lächerlich. Und wenn Holsten Peter Maffay sponsert und auf dem Tourplakat steht "Auf die Freundschaft", obwohl es bei dem auf den Euro ja nicht so ankommt, frage ich mich schon, was mir das bringt, wenn so einer die wilde Lederjacke überzieht. Rebellion an sich halte ich ohnehin für nichts Erstrebenswertes. Die Frage ist: Wogegen? Warum? Rebellisch und subversiv sind Nazi-Rocker auch.
SPIEGEL ONLINE: Ist das Reden und Schreiben über Musik - etwa in Popkultur-Magazinen wie der "Spex" - nicht das eigentlich Politische?
Regener: Ich habe ja auch mal Kulturwissenschaft studiert, ich weiß, was dieser Ansatz will. Aber er ist falsch, weil er mit Rockmusik nichts zu tun hat. Wenn du mit dem Zollstock den Luftdruck messen willst, geht das auch nicht.
SPIEGEL ONLINE: Eddie Vedder von Pearl Jam fand George W. Bush so unerträglich, dass er sagte: Ich muss etwas gegen den unternehmen, auch auf der Bühne. Er sprach von der Verantwortung des Musikers.
Regener: Ich rede ja nicht einer unpolitischen Existenz das Wort. Wenn Eddie Vedder die Leute mit seinen Reden zwangsbeschallen will, soll er das machen. Nur bin ich mir nicht sicher, ob es richtig ist, dafür 50 Dollar Eintritt zu kassieren; politische Veranstaltungen sind ja eigentlich gratis.
SPIEGEL ONLINE: Sven Regener wird also auf der Bühne keine Politik machen?
Regener: Wir haben Anfang der Neunziger, als die Asylantenheime im Osten brannten, mal auf einer Gegen-Nazis-Veranstaltung gespielt.
SPIEGEL ONLINE: Ihr Anti-Nazi-Song "Unter Brüdern" ist auch sehr politisch.
Regener: Ja, aber das Lied spielen wir nicht mehr. Ich find's auch nicht besonders gut, das ist veraltet, weg. Ich weiß auch gar nicht, wie ich das vortragen soll. Was sollen die Leute dazu machen? Klatschen?
SPIEGEL ONLINE: Bereuen Sie den Song?
Regener: Zu bereuen ergibt in der Kunst keinen Sinn. Nein, es ist keine Schande. Und wenn Leute das anders sehen, ist das auch keine Schande.
SPIEGEL ONLINE: Ist Ihnen eigentlich unangenehm, über dieses Thema zu reden?
Regener: Nein. Und in Wahrheit reden wir gerade viel politischer, als wenn ich sofort geantwortet hätte: Ja, ich verstehe unsere Musik als subversiv und politisch, weil wir uns mit dem Leben der Leute beschäftigen und den Bedingungen, unter denen sie leben. Das könntet ihr Journalisten abnicken und sagen: Wie geil ist das denn? Aber das ist fader Quark. Wenn alles politisch ist, ist nichts mehr politisch.
SPIEGEL ONLINE: Die 68er sagten: Das Private ist politisch.
Regener: Ja, und diesen Quatsch wiederholen Leute, die unpolitisch und denkfaul sind. Denn wenn das Privatleben politisch ist, muss ich mich um richtige Politik gar nicht mehr kümmern.
SPIEGEL ONLINE: Der Spruch ist also nichts als ein Feigenblättchen?
Regener: Diese Leute verstehen einfach nicht, dass Kultur genauso ein Überbau-Phänomen ist wie die Politik und beide gleichberechtigt nebeneinander stehen. Die Politik ist nicht die Basis der Kultur.
SPIEGEL ONLINE: Überbau und Basis - sind Sie Marxist?
Regener: Jein. Ich bin Alt- und Ex-Marxist. Davon mal abgesehen: Nur Kunsthasser wollen politische Kunst. Sie ertragen das Unbestimmbare und Unergründbare der Kunst nicht. Sie nehmen Kunst in die moralische Beinschere und denunzieren Künstler als unpolitisch, die sich nicht fügen. Das ist geistfeindlich, denn es läuft darauf hinaus, dass es jenseits von dem, was auf Seite eins einer Tageszeitung steht, kein Leben gibt, und keine Kultur. Das Individuum ist dann nichts wert. Denn die Aufgabe von Kunst ist, sich mit dem Einzelnen zu beschäftigen, während die Politik sich mit Massen beschäftigt, mit Gesellschaften, dem Kollektiv. Diese völlig verschiedene Aufgaben miteinander zu vermischen, gibt nur schlechte Kunst und schlechte Politik.
SPIEGEL ONLINE: Nennen Sie mal ein Beispiel.
Regener: Na ja, ich bin jedenfalls kein Freund von Politrock. Für mich ist das Genre tot seit der Platte von den Bots, "Aufstehen". Kennt die noch jemand? "Alle Schwulen, die nicht um Toiletten buhlen wollen, sollen aufstehen". Jeder, der Politik und Rock verbinden will, sollte zwangsweise dieses Album hören.
SPIEGEL ONLINE: Was halten Sie von Künstlern, die in die Politik gehen?
"Ich war immer ein Fan von Peer Steinbrück"
Regener: So wie Schwarzenegger oder Reagan? Ist völlig legitim - und bezeichnenderweise dann doch wieder keinem Recht. Da heißt es dann: Der doofe Schauspieler will Präsident werden? In der Politik wird der Künstler nur als Hofnarr geduldet, der die Ich-stell-mal-ein-paar-subversive-Fragen-Rolle spielt und Parolen absondert. Wenn's ernst wird, gilt er als peinlich.
SPIEGEL ONLINE: Wie sehen Sie dann Leute wie Günter Grass?
Regener: Wenn er Wahlkampf macht, wechselt er das Fach - dann ist er Politiker. Und das ist völlig in Ordnung. Ich sage ja nicht, dass Künstler sich nicht politisch betätigen dürfen. Nur mit seiner Kunst hat das nichts zu tun. Wenn ich die "Blechtrommel" toll finde, muss ich deshalb wählen, was Günter Grass im Wahlkampf sagt? Das wäre doch mehr als dämlich. Oder darf ich keinesfalls wählen, was er empfiehlt, wenn ich seine Romane nicht so toll finde?
SPIEGEL ONLINE: Sicher nicht.
Regener: Eben. Ich kann seine Argumente überzeugend finden oder nicht. Die Romane sollte man da raushalten.
SPIEGEL ONLINE: Gedanken und Gefühle sauber getrennt - Sie beschreiben, wie Politik sein sollte. Aber Politik ist emotional.
Regener: Sicher. Der aufklärerische Ansatz versucht aber, das einzudämmen. Die Frage ist: Wollen wir den Politiker wählen, den wir am sympathischsten finden? Das ist unpolitisch, auch wenn es dauernd passiert. Die Leute sollen sich von Inhalten überzeugen lassen, Verantwortung übernehmen. Das kann kein Künstler erreichen. Und das ist auch nicht seine Aufgabe. Das ist die Aufgabe von Politikern.
SPIEGEL ONLINE: Der Bundestagswahlkampf wurde zwar nicht sehr sachlich, aber sicherlich sehr emotionslos geführt. Nicht die beste Strategie, um Wähler zu mobilisieren, oder?
Regener: Ich bin nicht sicher, ob die Wahlbeteiligung geringer sein wird als zuletzt. Eine gefestigte demokratische Gesellschaft dreht nun mal nicht total durch, nur weil eine Wahl ins Haus steht. Gelassenheit ist ja auch ein gewisser Wert. Man muss nicht alles aufpumpen zu einer Frage von Leben und Tod.
SPIEGEL ONLINE: Verwechseln Sie nicht Gelassenheit mit Lethargie?
Regener: Ich bin als Publikumsbeschimpfer nicht wahnsinnig gut. Ich habe auch keinen Bock, immer zu sagen, die Jugendlichen spielen nur Nintendo und die Alten plündern uns aus - dieser ganze Quark. Jeder weiß, dass alles komplexer ist.
SPIEGEL ONLINE: Und was ist mit Politikverdrossenheit?
Regener: Sehe ich nicht. Ich glaube sogar, dass relativ viele Leute zufrieden mit der Bundesregierung sind.
SPIEGEL ONLINE: Sie auch?
Regener: Ja und nein, das hängt vom Politikfeld ab. Ich war ja immer ein Fan von Peer Steinbrück, der ist pragmatisch, unaufgeregt. Ich habe Finanzminister immer bewundert - das sind in diesem Land schwer gebeutelte Menschen.
SPIEGEL ONLINE: Und er ist Norddeutscher - wie Sie.
Regener: Ja, aber er ist Hamburger. Ich bin Bremer.
SPIEGEL ONLINE: Hamburger hin, Bremer her: Wäre die SPD mit Steinbrück nicht besser gefahren?
Regener: Ach, eigentlich will ich auf solche Fragen gar nicht antworten. Ich bin ja nur so einer, der Lieder singt.
SPIEGEL ONLINE: Okay, anders: Die Umfragen legen ein Weiter-so nahe, mit Merkel als Kanzlerin.
Regener: Dann ist das halt so. Das sind Wahlen, und ihre Ergebnisse haben Gültigkeit. Man kann das ja mal respektieren. Ob mir das gefällt, ist eine andere Frage. Ich war in meinem Leben selten bei der Mehrheit dabei.
SPIEGEL ONLINE: Ist Ihnen Frau Merkel sympathisch?
Regener: Man sollte grundsätzlich Respekt für die Leute und ihre Arbeit haben. Und darum verbietet es sich, über Sachen zu reden wie: sympathisch, wirkt nett, sieht toll aus, kleidet sich gut. Dafür bin ich auch zu sehr Bremer. Über fremde Menschen so auf der persönlichen Ebene zu reden gehört sich nicht. Das sind ja nur Projektionen. Die Leute glauben auch, mich zu kennen. Ich mache Kunst, und die Leute ziehen daraus Rückschlüsse. Auch das sind nur Projektionen. Dieser Sven Regener existiert vielleicht nur in der Phantasie.
SPIEGEL ONLINE: Stimmt es, dass auf einem Konzertplakat mal zu lesen war: Element of Crime mit Sänger Frank Lehmann?
Regener: Nein. Aber Journalisten haben mich schon Lehmann genannt. Wenn man sich weigert, sein Privatleben auszubreiten, denken die Leute eben bei jedem Wort: Der schreibt über sich. Mich schüchtert das ein, andere Künstler stehen ja auf diese Ganzkörper-Promo. Mir hilft da nur, das nicht persönlich zu nehmen. Abgesehen davon ist dieser biografische Ansatz natürlich beleidigend, weil er sagt: Du kannst dir nichts selbst ausdenken, du kannst nur abmalen, was du gerade erlebt hast.
SPIEGEL ONLINE: Was man Ihnen ja wirklich nicht vorwerfen kann. Auf Ihrem neuen Album findet sich die Textpassage "Wie viele Erdbeereise müsst ihr noch essen ...
Regener: Der Mensch! Es heißt: "Wie viele Erdbeereise muss der Mensch noch essen."
SPIEGEL ONLINE: Sorry, falsch zitiert.
Regener: Macht nichts, ich kann's ja auswendig: "Wie viele Erdbeereise muss der Mensch noch essen, bevor er endlich einmal sagt, ich bin dafür, die böse Tat des Beinestellens zu unterlassen."
SPIEGEL ONLINE: Wie kommen Sie auf ein Wort wie Erdbeereise und solche Zeilen?
Regener: Mal abgesehen von der kleinen Hommage an Bob Dylan ist das kein großes Ding. Nicht zu feste Absichten beim Texten zu verfolgen, kein Kontrollfreak zu sein, sich selber zu überraschen. Das macht auch mehr Spaß, und man hat länger was davon. Wir müssen die Songs ja dann später noch sehr oft singen und spielen. Und natürlich hat das viel mit Klang zu tun. Zum Beispiel die Erdbeereise. Was für ein Wort! Jedenfalls ein sehr zweifelhafter Plural.
SPIEGEL ONLINE: Viele Ihrer Songs arbeiten mit dem Motiv des Verlustes.
Regener: In der Liebe gibt's ja nur drei Möglichkeiten: Anfang, Mitte, Ende. Anfang und Ende sind sehr emotionale Momente, für Songs sehr gut. Die Mitte - wenn's also super läuft, oder auch so lala - ist für das Songschreiben nicht so ergiebig.
SPIEGEL ONLINE: Aber der Anfang vom Ende ist am interessantesten.
Regener: Mag sein, aber das verlangt nach Feinzeichnung, da muss man aufpassen... Wir schreiben ja keine Beziehungsratgeber oder so einen Quatsch.
SPIEGEL ONLINE: Melancholisch sind Ihre Lieder aber schon.
Regener: Ich kann das einfach ganz gut. Man könnte auch sagen: Das ist meine Kernkompetenz. Kernkompetenz... auch so ein bizarr doofes Wort.
SPIEGEL ONLINE: Sind Sie beim Texten schon an bizarr doofen Wörtern gescheitert?
Regener: Schnickschnack war schwierig, klappte aber doch. Letztens hatte ich noch so eins, was war das noch? Mich reizen unmögliche Wörter, die eigentlich nicht gehen und die ich so verwende, dass sie nicht mehr blöd klingen, sondern Spaß machen. So etwas wie Klingeltonatmo. Nein, das ist zu leicht. Wörter, die so richtig fad sind. Im Augenblick fällt mir keins ein….
SPIEGEL ONLINE: iPhone-Applikation?
Regener: Hm...
SPIEGEL ONLINE: Vollstreckungsbescheid?
Regener: Vollstreckungsbescheid ist stark.
SPIEGEL ONLINE: Wegen Vollstreckung?
Regener: Ja, das ist sehr Rock'n'Roll. Das hat Konnotationen von töten, Urteil vollstrecken, hinrichten. Starkes Wort. Ulrich Roski hat übrigens mal ein Lied gemacht, in dem Castrop-Rauxel vorkam, sein großer Hit, so ein Sechs-Minuten-Lied. Da dachte ich: Wie cool ist der denn?
SPIEGEL ONLINE: Also Ruhrpott. Wie wär's mit Oer-Erkenschwick?
Regener: Gibt's schon, ist einfach. Kabarettisten machen ja gerne mal Oer-Erkenschwick. Da steckt provinzielles Kleinbürgertum drin, da denkt jeder sofort, er weiß, wovon man redet.
SPIEGEL ONLINE: Und Gesetzliche Krankenversicherung?
Regener: Geht gar nicht. Nicht wegen Krankenversicherung, sondern wegen gesetzlich.
SPIEGEL ONLINE: Womit wir wieder bei der Politik wären. Haben Sie noch eine Wahlbotschaft an unsere Leser? Ab an die Urne?
Regener: Ha ha. Nun aber mal im Ernst: Jetzt haben diese Politsachen schon so viel Aufmerksamkeit, warum müssen die paar Musiker da auch noch mitrühren? Was wollt ihr mit uns verwirrten Amateuren? Hat euch Rudi Dutschke nicht gereicht?
Das Interview führten Andreas Borcholte und Thorsten Dörting
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