13. März 2010, 10:11 Uhr

Eurovision Song Contest

Lenas Mezzo-Mix-Triumph

Von Peer Schader

Eine erschöpfte Siegerin, ein kaputter Moderator, ein zufriedenes Publikum - Stefan Raabs "Unser Star für Oslo" hat Spaß gebracht. Am Ende war Papa Raab stolz auf Lena, die beim Eurovision Song Contest für Deutschland singen wird. Auf ihr Lieblingslied muss sie dann aber verzichten.

Kennen Sie diese Frau? Zierliche Gestalt, lange dunkle Haare, trägt gern Lippenstift mit Cola- und Fanta-Geschmack (weil das zusammen Mezzo Mix ergibt). Wenn sie über die Bühne tänzelt, sieht das ein wenig so aus, als hätte sie einen Zitteraal gestreichelt. Ein Bein vor, den Ellbogen angewinkelt, Hand ans Mikro, in die Hocke, wippendes Bein. Dann das Strahlen: Gleich tanz ich ganz bestimmt!

Aber dann tanzt sie nur ein bisschen, weil das Singen schon so viel Aufmerksamkeit erfordert, auch wenn es am Bildschirm so aussieht, als falle ihr das alles furchtbar leicht. Kennen Sie nicht, die Frau? Na, dann willkommen zurück aus dem Winterschlaf.

Es wurde nicht ihr Song, es war nicht einmal ihr Abend - aber am Ende war es ihr Sieg: Die 18-jährige Lena Meyer-Landrut fährt für Deutschland zum Eurovision Song Contest nach Norwegen. Am Freitag gewann die Abiturientin aus Hannover das Finale von Stefan Raabs Castingshow "Unser Star für Oslo". Und obwohl sie lange als Favoritin galt, war es am Ende gefühlt doch ganz schön knapp.

"Ich hab nicht gedacht, dass mich das so mitnimmt, ey"

Das lag vor allem an ihrer Konkurrentin Jennifer Braun, die sich mit einem unerwarteten Überholmanöver am Dienstag bereits vor die anderen beiden Favoriten Kerstin Freking und Christian Durstewitz geschoben hatte und mit so viel Selbstbewusstsein in die Finalshow ging, dass es genauso gut für einen Spontansieg hätte reichen können. Lena hingegen, die seit ihrem ersten Auftritt vor sechs Wochen bereits eine Art Star ist, sah man die Aufregung und die Erschöpfung diesmal an.

"Ich hab nicht gedacht, dass mich das so mitnimmt, ey", ächzte sie zum Schluss ins Mikrofon und sang zum dritten Mal an diesem Abend den vom Publikum ausgesuchten Siegertitel, fast schon im Wachkoma, aber immer noch quietschvergnügt.

Eine halbe Stunde zuvor war ihr die Fröhlichkeit erst einmal vergangen: Beide Finalistinnen hatten zu diesem Zeitpunkt jeweils drei unbekannte Titel gesungen - zweimal denselben und zum Schluss einen, der speziell für sie geschrieben wurde. Anschließend durften die Zuschauer entscheiden, welchen Titel die spätere Siegerin in Oslo singen sollte. Jennifer durfte ihre Rocknummer "I Care For You" behalten und freute sich sichtlich - für Lena allerdings suchten die Anrufer die zweite Nummer aus: "Satellite". Und die 18-Jährige konnte ihre Enttäuschung nicht so recht verbergen, nachdem sie vorher schon sanft darauf hingewiesen hatte, wie sehr ihr der dritte Titel "Love Me" gefalle. "Auch in Ordnung", lautete ihr kurzer Kommentar.

Die Show funktionierte - auch ohne Oma im Fan-T-Shirt

Jurypräsident Stefan Raab schien ebenfalls ein anderes Ergebnis erwartet zu haben, erklärte dann aber (wohl auch ein bisschen für sich selbst): "Die Zuschauer wählen eben den Titel, der ihnen in diesem Moment am besten gefällt." Moderator Matthias Opdenhövel neckte den Kollegen nachher: "Du siehst fertiger aus als nach 'Schlag den Raab'."

Nach so einem Casting-Marathon ist das ja auch kein Wunder. Acht Shows hat Raab in Zusammenarbeit mit der ARD in den vergangenen Wochen auf die Beine gestellt und "Unser Star für Oslo" gerade noch rechtzeitig ins Ziel gebracht. Jetzt reicht's auf jeden Fall mal mit dem vielen Lob der wechselnden Jurymitglieder, das Sendung für Sendung verteilt wurde und am Freitagabend seinen Höhepunkt erreichte, diesmal mit freundlicher Unterstützung von Xavier Naidoo und Silbermond-Sängerin Stefanie Kloß. Auch der Wiederholungsanteil im Finale war an der Grenze des Erträglichen, aber das lag wohl daran, dass für die zweite Sendung in der ARD all die Zuschauer mitgenommen werden sollten, die sich bis dahin nicht zu ProSieben verirrt hatten.

Dabei profitierte "Unser Star für Oslo" vermutlich vorrangig von seinen Stammzuschauern, die zwar nicht für überragende, aber immerhin konstant gute Quoten sorgten, so dass sich die ARD und ProSieben nun selbst auf die Schulter klopfen dürfen: Es geht eben doch, Leuten im Fernsehen beim Singen zuzusehen und sie Woche für Woche ein bisschen besser kennenzulernen ohne dass dafür die Oma mit Fan-T-Shirt ins Studio gezerrt und die Lebensgeschichte in Einspielfilmen ausgebreitet werden muss.

"Mein ganzer Körper ist voll mit kleinen guten Sachen"

Jetzt sollte sich nur noch jemand darum kümmern, dass davon auch die Kandidaten was haben, die nicht nach Oslo fahren, in den zurückliegenden Shows aber von der Jury immerzu gesagt bekamen: "Du gehst deinen Weg. Ich bin sicher, dich mit deiner Musik wiederzusehen." Wäre nett, wenn da jemand behilflich sein könnte. So einen "Dursti" (wie Kandidat Christian Durstewitz bei "USFO"-Zuschauern heißt) findet man ja auch nicht alle Tage.

Erst aber schicken wir mal die Frau mit dem Mezzo-Mix-Lippenstift nach Norwegen, wo sie am 29. Mai vor vielen Millionen Zuschauern "Satellite" singen wird, hoffentlich genauso keck wie am Freitag - selbst wenn es nicht ihr Wunschtitel ist. "Mein ganzer Körper ist voll mit kleinen guten Sachen", hatte Lena ihre Euphorie vor Showbeginn beschrieben, und als gegen zwanzig vor elf die Entscheidung feststand, war für einen Moment zu befürchten, dass die vielleicht aus Wackelpudding bestehen könnten, so zitterig stand die Siegerin vor der Leinwand, auf der gerade ihr Name erschien.

In Sekundenschnelle war Raab auf der Bühne, drückte erst die Zweitplatzierte Jennifer an sich und gratulierte dann der jungen Frau, die ganz offensichtlich auch seine Favoritin gewesen sein muss. Stolz wie Papa.

Eigentlich ist es egal, wie wir in Oslo abschneiden, Hauptsache, der Vorentscheid macht Spaß, hat Stefan Raab vor einigen Wochen das Ziel seiner Sendung beschrieben. Den Spaß hatten wir. Aber es spricht ja nichts dagegen, jetzt einfach auch noch den Sieg mitzunehmen.


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