Neues Album von Black Sabbath: Stahlträger im Ohr

Von Arno Frank

Black Sabbath: Das eigene Leben überlebt Fotos
Universal

Es ist das Rock-Ereignis des Jahres - das neue Album "13" von Black Sabbath. Fast in Originalbesetzung kracht die Band um Ozzy Osbourne und Tony Iommi wie einst vor 40 Jahren, als sie den Heavy Metal erfand. Da sei ihnen auch mal eine maue Ballade verziehen.

Gleich die ersten Klänge brechen ins Ohr wie ein ins Schleudern geratener und mit Stahlträgern beladener Sattelschlepper, krachend, brachial. Und dann erhebt sich Ozzy Osbourne aus den Trümmern, klopft sich den Staub von den Schultern und singt in seinem seltsam quengelnden Bariton: "Is this the end of the beginning? Or the beginning of the end?" Tja, das sind so Fragen.

Egal, was im Rock sonst noch kommt: "13" von Black Sabbath ist das Ereignis des Jahres. In kommerzieller wie kultureller Hinsicht. Kommerziell, weil außer im Schlagerbereich nirgendwo noch so viele physische Tonträger verkauft werden wie im erzkonservativen Heavy Metal. Und kulturell, weil Black Sabbath diesen Heavy Metal einst erfunden haben und dies mit Ozzy Osbourne, Tony Iommi und Geezer Butler das erste Album in der (fast) ursprünglichen Besetzung seit gut 35 Jahren ist. Nur Schlagzeuger Bill Ward fühlte sich nicht ausreichend eingeladen und wurde durch Brad Wilk (Rage Against The Machine) ersetzt.

Zwar gab es auch vorher schon metallische Musik, von den Yardbirds über Iron Butterfly bis zu Vanilla Fudge. Sogar das Schwere lag bereits in der Luft, wie die Beatles mit "Helter Skelter" oder Pink Floyd mit "The Nile Song" zeigten. Aber erst "Black Sabbath" vereinte 1970 wie auf schwarzmagische Weise plötzlich alle Elemente, ohne die das Genre künftig nicht mehr auskommen sollte. Und das womöglich nur, weil Iommi wegen seiner bei einem Unfall verlorenen Fingerkuppen die Gitarre möglichst tief stimmte, um sie überhaupt spielen zu können.

Black Sabbath, die Beatles des Heavy Metal

Mit den beiden folgenden Alben waren endgültig die Grundmauern eines Bauwerks gelegt, in dessen unzähligen Nischen und Ecken alle irgendwo wohnen - von Judas Priest über Iron Maiden, Slayer, Metallica oder Guns N'Roses bis zu den Smashing Pumpkins oder sogar Nirvana.

Black Sabbath waren für den Metal, was die Beatles für den Pop waren - der Urknall. Gewitterschwere Bassläufe und statisch aufgeladene E-Gitarrenriffs, aus denen hin und wieder grelle Soli blitzten. Ein Schlagzeug wie eine Dampfmaschine, dazu ein grollender, verstohlen melodiöser Bass. Eine Stimme, aus der das Elend der Menschheit zu sprechen scheint. Und, wo wir schon beim Elend sind, ein Hang zu satanischer Symbolik und der Ästhetik zeitgenössischer Horrorfilme.

"In Studio With Black Sabbath: Working With Rick Rubin"
Mehr Videos gibt es hier auf tape.tv!
"In Studio with Black Sabbath: Working with Rick Rubin" auf tape.tv ansehen

Doch wer es auf Wucht anlegt, gerät schnell in den Verdacht der Dumpfheit. So hörte der legendäre Rockkritiker Robert Christgau schon damals "das Schlechteste der Gegenkultur auf einem Plastiktablett - schwachsinnige Totenbeschwörung, drogeninduzierte Reaktionszeiten, lange Soli, alles". Das meistenteils männliche und halbwüchsige Publikum sah die Sache anders - darunter auch ein dicklicher kleiner Junge namens Rick Rubin, der Black Sabbath im Alter von 14 Jahren sein musikalisches Erweckungserlebnis verdankte. Nun saß er, zur vollbärtigen Produzentenlegende (Johnny Cash, Slayer, Beastie Boys, Metallica) gereift, für "13" an den Reglern - und tat, was er immer tut. Er hielt den Sound so simpel wie möglich und schärfte den alternden Herren ein, sich ihrer eigenen Wurzeln zu erinnern.

Nun wirkt eine "Rückkehr zu den Wurzeln" nach mehr als 40 Jahren und 100 Millionen verkauften Platten erst einmal wie eine recht bemühte Angelegenheit. Auch Black Sabbath können weder sich selbst noch das Rad neu erfinden. Kräftig daran drehen, das können sie aber. "13" ist ein durchaus würdevolles Re-Enactment vergangener Schlachten, mit manchmal sogar zu viel Liebe zum Detail. "Loner" klingt über weite Strecken wie ein neu eingespieltes "N.I.B.", und "Zeitgeist" treibt so besinnlich dahin wie "Planet Caravan" einst auf "Paranoid".

Der wohlige Grusel der Erinnerung

Doch bei den Selbstzitaten soll Gnade vor Recht ergehen. Wer hat nicht alles als Rip-Off von Black Sabbath Karriere gemacht? Darf dann nicht auch das Original die seine mit ein paar Selbstplagiaten verlängern? Zumal im orthodoxen und in verfeindete Clans aufgeteilten Reich des Heavy Metal, wo die Altvorderen kultische Verehrung genießen - als Geisel einer fundamentalistischen Anhängerschaft. Jede Abweichung ist Ketzerei, jede verspätete Rückkehr in die Vergangenheit ein sinnloses Unterfangen - was Motörhead früh verstanden und Metallica zu spät gelernt haben.

Und schließlich geht es ja auch um den wohligen Grusel der Erinnerung, um die Frage: "Weißt du noch?" Was keine leichte Übung für einen wie Osbourne ist, der sich laut eigener Auskunft oft nicht einmal erinnern kann, was er "im vergangenen Monat" gemacht hat.

Dabei ist "13" bei allem Aplomb eher gemächlich geraten, es dominieren lange bis allzu lange Midtempo-Balladen. Besondere Freude kommt auf, wenn hin und wieder das Tempo unerwartet angezogen oder der düstere Tritonus aus der Büchse der Pandora gelassen wird. Ansonsten hat majestätische Monotonie ebenso ihren Platz wie der dynamische Rhythmuswechsel. Neben den muskulösen Etüden von Iommi erfreuen Butlers überraschend giftig blubbernde Bassläufe.

Wenn diesem Album ein Makel anhaftet, dann ist es das allzu altersmilde, weil blueslastige "Damaged Soul" - es ist immer eines der Betriebsgeheimnisse von Black Sabbath gewesen, um den Blues einen großen Bogen gemacht zu haben. Ansonsten erlaubt sich diese kritische Rekonstruktion des alten Geistes keine Fehler. Und Ozzy mag zwar seinen üblichen pathetischen Unsinn singen, macht dabei aber mit erstaunlicher Emphase nicht nur so manchen kitschigen Fehltritt seiner Solokarriere vergessen, sondern - in einem Aufwasch - auch gleich noch die Reality-Soap "The Osbournes". Wer hätte gedacht, dass er die überleben könnte?

Überhaupt scheint "13" eine einzige Feier des Überlebens zu sein. Dass das Album mit den gleichen Klängen eröffnet, mit denen 1970 die Geschichte der Band begann, mit einem in Regen übergehenden Wolkenbruch und unheilvollen Glockenschlägen, mag man für den "Anfang vom Ende" halten, für berechnend oder für sentimental. Tatsächlich ist es - wie das ganze Album - der geglückte Versuch, das eigene Werk zum Epos zu runden.

Lesen Sie im neuen SPIEGEL: Black Sabbath - Ein Comeback auf Leben und Tod

Diesen Artikel...
  • Aus Datenschutzgründen wird Ihre IP-Adresse nur dann gespeichert, wenn Sie angemeldeter und eingeloggter Facebook-Nutzer sind. Wenn Sie mehr zum Thema Datenschutz wissen wollen, klicken Sie auf das i.
  • Auf anderen Social Networks teilen

Forum - Diskutieren Sie über diesen Artikel
insgesamt 62 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
    Seite 1    
1. erfunden wurde heavy metal
sangerman 29.05.2013
von einer anderen Band - Helter Skelter heißt der erste dieser Art.
2. Ain't no wonder ...
jot-we 29.05.2013
Zitat von sysopUniversalEs ist das Rock-Ereignis des Jahres _ das neue Album "13" von Black Sabbath. Fast in Originalbesetzung kracht die Band um Ozzy Osbourne und Tony Iommi wie einst vor 40 Jahren, als sie den Heavy Metal erfand. Da sei ihnen auch mal eine maue Ballade verziehen. http://www.spiegel.de/kultur/musik/13-das-neue-album-von-black-sabbath-erscheint-a-902082.html
... dass es bei denen immer noch so kracht wie vor 40 Jahren: schliesslich begann mit der ersten Sabbath-LP der Sündenfall der Rockmusik - die Dummheit hielt grandiosen Einzug ins Potemkinsche Dorf des Pop. Und schlimmer als schlimm geht nun mal nicht, da MUSS man ganz einfach auf seinem Niveau verharren. Auch und gerade, wenn man keins hat.
3. Ich mag den Beitrag
ozi 29.05.2013
er zollt einer der größten Bands seit Christi Geburt den nötigen Respekt. Ohne Black Sabbath würde ich mich wahrscheinlich weigern überhaupt Musik zu hören, geschweige denn Gitarre zu spielen. Ich liebe diese Band, die Mehrzahl ihrer Alben kann man immer wieder hören und sich dabei über jeden goddamm Song freuen, eine Eigenschaft von der die meisten Interpreten nur träumen können. Es ist wirklich schön, dass sie es einfach noch einmal versuchen. Das Ergebnis wird mir ohnehin gefallen. Alright now! Won't you listen?
4.
!!!Fovea!!! 29.05.2013
Zitat von sysopUniversalEs ist das Rock-Ereignis des Jahres _ das neue Album "13" von Black Sabbath. Fast in Originalbesetzung kracht die Band um Ozzy Osbourne und Tony Iommi wie einst vor 40 Jahren, als sie den Heavy Metal erfand. Da sei ihnen auch mal eine maue Ballade verziehen. http://www.spiegel.de/kultur/musik/13-das-neue-album-von-black-sabbath-erscheint-a-902082.html
Also, zu gut deutsch: Nix Neues von Black Sabbath. Man behält den Stil von vor 40 Jahren bei. Ozzy konnte noch nie richtig singen. Iommie konnt noch nie richtig, behinderungsbedingt, Gitarre spielen...... Warum müssen die Rentnerbands immer gleich eine CD produzieren und sich ihre fette Rente absichern? Die könnten es doch so wie Led Zeppelin machen, ohne größeres Gedöns ein (oder vielleicht auch mehr) Konzert geben und gutg ist. Die Fans wollen doch eh nur den alten Kram hören. Wer sich z. B. die neue Deep Purple anhört, weiß ganz genau, dass es endlich an der Zeit ist ein Rentenalter für Musiker einzuführen. Es gibt Musiker die gerne ihren eigenen Mythos zerstören und musikalisch nicht "sterben wollen".
5. Rick Rubin?
war:head 29.05.2013
Dann können wir uns ja wieder auf feinsten Soundmatch mit der Dynamic Range eines Zäpfchen freuen...
Alle Kommentare öffnen
    Seite 1    
News verfolgen

HilfeLassen Sie sich mit kostenlosen Diensten auf dem Laufenden halten:

alles aus der Rubrik Kultur
Twitter | RSS
alles aus der Rubrik Musik
RSS
alles zum Thema Black Sabbath
RSS

© SPIEGEL ONLINE 2013
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH



  • Drucken Senden
  • Nutzungsrechte Feedback
  • Kommentieren | 62 Kommentare

Mehr dazu im SPIEGEL