2. German Dance Award Tanz um die schwarze Niere

In Hamburg feierte sich die deutsche Dance-Musikszene zum zweiten Mal selbst. Während der hiesige Sound sich im Ausland immer größerer Anerkennung erfreut, führt die Auflösung der Genre-Grenzen von Mainstream, Pop und Underground zu zunehmender Verwirrung.

Von Jürgen Laarmann


"Es ist ja hier fast schon wie bei den MTV-Awards", pfiff anerkennend der britische Musikjournalist, und sein deutscher Kollege meinte lakonisch: "Na ja, allerdings ist hier von den Anwesenden fast jeder irgendwo nominiert und viele gewinnen auch". Nicht nur weil die deutsche Danceszene bei den ganz großen Preisverleihungen der Musikbranche oft leer ausgeht, haben ihre Protagonisten einen eigenen Preis, die German Dance Awards (GDA) ins Leben gerufen, bei der ein schwarzer, nierenförmiger Klumpen als Preis in 25 Kategorien mit klingenden Namen wie "Bester Nationaler Exportact", "Bester Internationaler DJ" oder "Bester Internationaler Single Act aus den Deutschen Dance Charts" verliehen wird.

Im Hamburger Schmidt's Tivoli auf der Reeperbahn traf sich folglich die Creme der Dance-Branche, um sich bereits zum zweiten Mal selbst zu feiern. Die Organisatoren konnten stolz zu vermelden, dass auch internationale Acts und Stars wie The Artful Dodger, Mauro Picotto und Modjo live anwesend waren und hinterher wie auch deutsche Stars wie Sven Väth, Timo Maas et cetera die Gelegenheit zum ausgiebigen Feiern in fünf Hamburger Clubs nutzten.

Export-Kulturgut Dance - schon am Nachmittag hatten sich die Macher rund um die Hamburger Musik-PR-Agentur Public Propaganda und den größten unabhängigen Dancemusikvertrieb Discomania zu einem Panel getroffen, bei dem analysiert und gewürdigt wurde, dass deutsche Dancemusik gerade im europäischen Ausland hohes Ansehen und sogar bessere Verkaufszahlen als hier zu Lande verzeichnet. Sogar die englische Musikbranche, sonst eher kritisch bis verächtlich gegenüber deutschen Produktionen, verehrt Germany inzwischen als "Wiege der Trance-Musik" - der letztjährige GDA-Gewinner Paul van Dyk ist einer der beliebtesten und bestbezahltesten DJs auf der Insel.

In Deutschland hingegen ist Dance als Musiksegment nach dem Technoboom Anfang der Neunziger in die Jahre gekommen, Zitat eines bei der Verleihung anwesenden Spötters: "Sehen Sie in die Gesichter der anwesenden Mittdreißiger und beurteilen Sie selbst, ob das noch etwas mit Jugendkultur zu tun hat." oder: "Wem von allen Anwesenden hätte man nicht auch eigentlich vor fünf Jahren schon seinen Preis verleihen können?". Auffällig bei den Live-Auftritten der anwesenden Künstler: Alle Gruppen versuchten, ihre Performances durch Live-Konzertgitarren, echte Sänger, ja sogar echtes Live-Musizieren zu adeln. Noch vor wenigen Jahren hätte die Technogeneration so etwas als garstigen, reaktionären Kontrarevolution gewertet.

Am Mittwochabend hatten die Veranstalter tatsächlich mit einem Boykott-Aufruf gegen die Dance Awards zu kämpfen. Doch der kam ausgerechnet nicht aus dem Untergrund, sondern vom Management eines Platinacts aus den mainstreamigen Media-Control-Charts, der von den Machern der GDAs nicht berücksichtigt wurde, weil er nicht als Dance, sondern als Pop eingestuft wurde und sich deswegen ungerecht behandelt fühlte. Allerdings hatten ATC ("Thinking Of You") herzlich wenig Erfolg mit ihrem Ansinnen, rüttelten aber die Underground-Attitüde der Initiatoren noch einmal wach: "Mit so einem Plastikpop wollen wir nichts zu tun haben". Tatsächlich ist der Unterschied in der Definition Techno, Dance und Pop heute so verschwommen und willkürlich wie nie zuvor. Immerhin wurde mit DJ Darudes "Sandstorm" ebenfalls ein Mainstream-Charterfolg zum erfolgreichsten Dance-Hit des Jahres gekürt.

Auch Madonna mit "Music" gehörte übrigens zu den Nominierten der Veranstaltung. Sie wird es aber womöglich gerade noch so verkraften können, leer ausgegangen zu sein.



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