20 Jahre "Anti-WAAhnsinn" Campino gegen die Kernschmelze

Weil die Oberpfälzer in Wackersdorf keinen Atommüll wollten, veranstalteten sie 1986 das "Anti-WAAhnsinns"-Festival. 120.000 Zuschauer und die erste Liga deutscher Rockmusiker versammelten sich zu einem bis heute einzigartigen Protest-Event.

Von Joachim Hentschel


Wäre dies eine Kinder-Geschichte, müsste man ein kleines, sprechendes Stückchen Haschisch zum Erzähler machen. Ein Bröckchen, dessen Reise übers Gelände des "Anti-WAAhnsinns"-Rockfestivals am 26. und 27. Juli 1986 in Burglengenfeld erstaunlich gut dokumentiert ist. Einer der 1300 Helfer schenkte es hinter der Bühne dem damals 30-jährigen Herbert Grönemeyer, der aber keine Drogen mochte und es an den 24-jährigen Campino weitergab, Sänger der Toten Hosen, die Grönemeyer eben kennengelernt hatte. Die Band geriet dann in eine Polizeikontrolle und warf das Hasch lieber durchs Autofenster in den Wald. Unnötigerweise, denn die Beamten winkten die Punks ungeprüft durch.

Punks und Rocker beim "Waahnsinn"-Festival: Campino, Udo Lindenberg, BAP
WDR / DPA

Punks und Rocker beim "Waahnsinn"-Festival: Campino, Udo Lindenberg, BAP

Alles ist drin in dieser Episode: Das unbedröhnt Wache, das diesen Protest ausmachte. Die Komplizenschaft zwischen bürgerlichem und autonom-punkigem Geist. Die Furcht vor dem Polizeistaat, die so schlimm war wie die vor Atomkrieg oder verstrahltem Gemüse. Im oberpfälzischen Wackersdorf war eine Wiederaufbereitungsanlage (WAA) für Atommüll geplant, und das Widerstands-Benefiz-Konzert mit dem damaligen Spitzenpersonal des Deutschrocks, vor genau 20 Jahren von Jugendzentrums-Aktiven im nahen Burglengenfeld veranstaltet, ist mit 120.000 Zuschauern noch heute das zweitgrößte Musik-Festival, das es je in Deutschland gegeben hat. Das größte war das "Werner-Rennen" 1988 in Hartenholm mit mehr als 200.000 Besuchern. Vor allem aber ist das "Anti-Waahnsinns"-Festival Denkmal einer gewaltigen Bürgerbewegung, die in aktuellen Achtziger-Retro-Filmen meist nur von Deppen mit Strickzeug und lila Halstüchern gespielt wird.

Als die After-Work-Demonstranten damals losliefen, gegen Startbahn West und Nato-Doppelbeschluss – das war ohne Zufall auch die Zeit, als deutsche Rockmusik zum breiten Publikum durchbrach und sich erstmals richtig gut verkaufte. Protest und Musik gingen Schulter an Schulter: Die Kundgebungen boten den Bands ungeahnte Öffentlichkeit, im Gegenzug brachten die neuen Stars die von Bürgerinitiativen dringend benötigten Hymnen ins Radio: "Plant uns bloß nicht bei euch ein!", sang die Gruppe BAP 1982, "Amerika, prügel, wenn du dich prügeln musst, in deinem eigenen Land!" sang Herbert Grönemeyer 1984, beides auf Nummer-eins-Platten.

"Der Widerstand war keine Sache der linken Szene"

"Wäre Tschernobyl nicht passiert, hätte das Wackersdorf-Festival nie diese Größenordnung erreicht", sagt BAP-Sänger Wolfgang Niedecken heute im Rückblick. "Das hat die Leute erst wachgerüttelt. Da wurde der Anti-AKW-Protest plötzlich zur Massenbewegung." Die Kernschmelze war gerade mal 90 Tage alt, als Sänger Wolf Maahn schon mit Prominenten-Chor und "Oooh Tschernobyl/ Das letzte Signal vor dem Overkill" in den Charts stand. "Der Protest war nicht die Kopfgeburt irgendeiner politischen Gruppe", sagt Maahn über das Festival. "Er kam mitten aus dem Volk, aus all diesen Dörfern."

Walter Dürr vom Organisations-Team formuliert es heute geringfügig anders: "Mir san stur. Mir san Oberpfälzer." Die Bürger des rustikal-idyllischen Städtedreiecks hatten schon vier Jahre WAA-Protest hinter sich, waren von Franz-Josef Strauß als Verhaltensgestörte beschimpft und von Wasserwerfern mit CS-Gas besprüht worden. "Der Widerstand war keine Sache der linken Szene", sagt Team-Kollege Arthur Theisinger. "Die Omas und Opas haben den Autonomen im Rucksack die Steine an den Bauzaun gebracht."

Weil ein Stadtrat der Jungen Union zu den Protestlern überschwenkte, wurde das Festival im Stadtrat gegen die massiven Widerstände der CSU-Fraktion zunächst überraschend genehmigt – daraufhin bettelte aber der Burglengenfelder Bürgermeister bei der bayrischen Regierung förmlich um ein Verbot. Zu diesem Zeitpunkt hatten die furchtlosen Oberpfälzer Heißköpfe für ihr Konzert schon 60.000 Karten verkauft. Die letztgültige Genehmigung des Verwaltungsgerichts München kam erst vier Tage vor Termin.

Auf beiden Seiten war man akribisch auf Sicherheit bedacht. Insgesamt 6000 Polizisten konfiszierten den Festivalgästen sogar die Wagenheber aus ihren Autos. Die Organisatoren wiederum ließen keine Parteileute auftreten und verhinderten alle Aufrufe, vom Festival zum WAA-Bauzaun zu marschieren – es ging darum, jeden agitatorischen Anschein zu vermeiden, der nicht aus der Musik kam. Man wollte friedlichen Widerstand leisten. An zwei Tagen spielten 21 Bands, mit Profi-Hilfe ohne Gage engagiert: BAP, Grönemeyer, Maahn, Haindling, Lindenberg, dessen Musiker nicht mitkamen, weil sie nach dem Achtziger-Benefiz-Marathon dringend mal Geld verdienen mussten.

"Absolut überhebliches Desaster"

Ideologische Grabenkämpfe zwischen den Musikern wurden schnell zur Nebensache: "Wir haben damals schon Schwierigkeiten gehabt mit diesen Rockleuten", sagt Campino, dessen Tote Hosen der erfrischende Punk-Fleck waren. "Wir hatten mit den Bands bisher nichts zu tun gehabt und fanden die auch alle scheiße. Aber es gab bei diesem Festival das erste Mal eine Sache, für die gemeinsam gekämpft wurde. Und da sind wir dann über unseren Schatten gesprungen." Sonntagnacht um zwei sang der abgekämpfte Rio Reiser den 120.000 ein grandios heiseres "Somewhere Over The Rainbow". Höhepunkt und Ende eines Projekts, das in der deutschen Pop- und Protestkultur einzigartig blieb.

Bei den Kritikern kann man sich nach Wunsch bedienen. Einigen Aktivisten war das Festival zu gigantomanisch, anderen zu hippiemäßig. Herbert Grönemeyer nannte es in einem Interview ein "absolut überhebliches Desaster", angeblich, weil er den Ablauf und die Film-Auswertung von "Rockpalast"-Regisseur Christian Wagner dilettantisch fand. "Schon beim dritten, vierten Festival hieß es dann: Aha, jetzt wollen die Musiker wieder was Gutes tun", sagt Campino über das Nachbeben im engagierten Rock. "Da haben die Musiker natürlich gesagt: Bevor wir uns so eine Scheiß-Kritik zuziehen, lassen wir’s lieber sein."

Zuletzt haben Globalisierung und Irak-Krieg die Pop-Szene wieder politisiert, oberflächlich, aber der inzwischen von den Obrigkeiten geduldete Protest ist mehr eine Sache kleiner Zellen. "Heute denken viele doch: Geile Musik, den Rest macht der Bono schon!" meint Wolf Maahn.

Ob der Baustopp der WAA 1989 auch nur entfernt mit der halben Million Mark zu tun hatte, die vom Festival in den Widerstand floss, darüber können die Organisatoren nur spekulieren. Vielleicht hatte es mehr mit dem plötzlichen Tod Franz-Josef Straußs im Jahr zuvor zu tun, nachdem die Betreibergesellschaft DWK nur noch wenig politische Aussichten sahen, die Aufbereitungsanlage fertig stellen zu können. Der Protest gegen die WAA Wackersdorf endete nach dem Ableben des bayrischen Ministerpräsidenten jedenfalls schlagartig. Die Stadt Burglengenfeld hat den Demonstranten später einen Gedenkstein gesetzt. An der Stelle, an der sie für zwei Tage ihre Wehrfestung aus Musik gebaut hatten.


Der Festivalfilm "WAAhnsinn" von 1986 wird heute um 23.30 im WDR gezeigt



© SPIEGEL ONLINE 2006
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH


Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.