Jazzlabel-Jubiläum Was für ein ACT!

Gegen den Trend: Als die Plattenindustrie Anfang der Neunziger ihre Talfahrt antrat, gründete Siggi Loch ein neues Label. Mit Finesse und Wagemut machte er ACT zu einem der erfolgreichsten im Land - jetzt feierte es 25. Geburtstag.

ACT/ Gregor Hohenberg

Von


Für einen kleinen Moment hatte Nils Landgren die Hoffnung, bald reich und berühmt zu werden. Der schwedische Posaunist trat 1994 beim Jazz-Baltica-Festival in Schleswig-Holstein auf, als ihn nach dem Konzert der Plattenproduzent Siggi Loch ansprach und zu sich nach Hause einlud. Er müsse etwas mit ihm besprechen.

Etwas später kam Landgren in Lochs schickes Sommerhaus, es gab ein opulentes Champagnerfrühstück und die Frage, ob er beim zwei Jahre vorher gegründeten Plattenlabel ACT Music einen Vertrag unterzeichnen wolle. Landgren, so erzählt er es, war geschmeichelt, in Schweden reicht man in solchen Fällen Lingonsaft und Knäckebrot, jetzt sollte er sich bei Champagner dauerhaft an ACT binden? So ganz übel konnte dieses neue deutsche Label nicht sein.

Berühmt ist Landgren danach geworden. Reich? Man weiß es nicht. Am Sonntag jedenfalls feierte ACT Music sein 25-jähriges Bestehen. Natürlich wieder standesgemäß. Das Berliner Konzerthaus am Gendarmenmarkt war gebucht und die Karten für die drei Jubiläumskonzerte in Windeseile vergriffen.

Landgren ist inzwischen das zugkräftigste Pferd in Siggi Lochs etwas anderem Musikantenstadl, und so durfte er launig als Conferencier durch den Abend führen. Ein Großteil der ACT-Familie war gekommen, um Loch und seinem Wagemut die Ehre zu erweisen: die Pianisten Michael Wollny und Joachim Kühn, die Sängerinnen Cæcilie Norby und Viktoria Tolstoy (eine Urenkelin des russischen Schriftstellers Leo Tolstoi), die Gitarristen Ulf Wakenius und Nguyên Lê, die Schlagzeuger Wolfgang Haffner und Eric Schäfer, der französische Saxofonist Émile Parisien und der Akkordeonspieler Vincent Peirani.

Vor 25 Jahren gründete Loch das Label ACT Music, auf dem Peak des Erfolges der Plattenindustrie. Danach ging es für die Branche nur noch abwärts, für ACT aber stetig aufwärts. Das Revival der Vinylplatte spielt ACT dabei sicher in die Hände. Beinahe jedes neue Album kommt als hochwertige Schallplatte heraus, vertrieben von ACT-Partner Edel Music, der praktischerweise das weltweit gefragteste Presswerk Optimal Media an der Müritz besitzt.

Der Erfolg dürfte aber auch dem Gespür Lochs für junge Talente und der Akribie beim Aufnehmen der Musik geschuldet sein. Kaum ein anders Label wagt so viel, wenige andere Musikmanager - außer vielleicht Keith Jarretts Hausproduzent Manfred Eicher von ECM in München - stecken so viel Liebe ins Entdecken von Künstlern und so viel Langmut ins Entwickeln von Musik. "Nur bei uns sind die Cover bunter", lacht Loch in Anspielung auf die meist düster-melancholischen ECM-Hüllen.

Und auch die Musik kommt meist fröhlicher daher. Eine Family-Band wie am Sonntag in Berlin, die wahlweise Cannonball Adderleys stampfendes "Walk Tall" intoniert oder gesammelt in Partylaune "We are Family" von Sister Sledge singt, bei dem Oberimprovisator Joachim Kühn vergnügt Akkorde ins Fender Rhodes hämmert, ist bei ECM nicht so recht vorstellbar.

Ein Dach für den "Sound of Europe"

Einst wollte Loch am liebsten selbst Musiker werden, "doch ich war nicht gut genug am Schlagzeug", so der inzwischen 76-Jährige. Eigentlich hätte ACT schon 1971 gegründet werden sollen - als Umsetzung eines "unerfüllten Traums": der Name war gefunden, das Logo schon fertig, die Büros ausgeguckt. Doch die Produzentenikone Nesuhi Ertegün aus den USA überredete Loch, zuvor doch noch schnell Warner Music in Europa aufzubauen und zu etablieren. So schlug sich Loch erst noch rund 20 Jahre mit Westernhagen, Heinz-Rudolf Kunze oder Katja Ebstein herum, bevor er sich ab 1992 seiner wahren Bestimmung widmen konnte: dem Jazz.

Ein Dach für den "Sound of Europe" wollte er schaffen, dem europäischen Jazz eine Heimat bieten. Viele deutsche Musiker gehören heute zu ACT, genauso wie polnische, italienische oder französische. Mit dem 2008 bei einem Tauchunfall verunglückten Pianisten Esbjörn Svensson entdeckte Siggi Loch ein Ausnahmetalent, dessen Verlust die Jazzwelt bis heute nicht ganz verwunden hat. Überhaupt Skandinavien: Bugge Wesseltoft, Lars Danielsson, Landgren, Jan Lundgren, Ulf Wakenius, Norby, Tolstoy - sie alle sind durch die strenge Schule des Deutschen gegangen. Und die Schweden haben es ihm gedankt. König Carl XVI. Gustaf schlug ihn zum Ritter des Nordstern-Ordens der 1. Klasse.

500 Alben hat ACT in den vergangenen 25 Jahren veröffentlicht. Klar, das ist ein Wimpernschlag im Business der großen Majorlabels. Doch während sie dort alle paar Jahre einen Edelstein hervorbringen, sind es bei ACT regelmäßig Diamanten, die von Platte zu Platte mehr glänzen. Jüngstes Beispiel: Youn Sun Nah.

Welches Schwergewicht in der Branche käme auf die Idee, einer jungen Südkoreanerin, die sich in den Kopf gesetzt hat, Jazzsängerin zu werden, einen Plattenvertrag anzubieten? Wie mühsam ist es, sie bekannt zu machen, ihre zweifellos fantastischen Sangesqualitäten am besten zur Geltung zu bringen, ihr die passenden Musiker zur Seite zu stellen? Ein großes Label hätte schon nach dem ersten Hören die Lust verloren, da kann Nah noch so begabt sein. Zu komplex, zu wenig glamourös, zu renditeschwach. Bei ACT kann sie sich ausprobieren und weiterentwickeln. "Ich mache Promotion im Wortsinne", sagt Loch. "Ich verstärke Bewegung, die ohnehin schon da ist."

"Ich werbe keine Musiker ab"

Gibt es Künstler, die Loch gern in seinen Reihen hätte? "Ich lehne es ab, mit dem Scheckbuch die DNA eines Labels zu kaufen", sagt Loch. "Ich werbe keine Musiker ab." Das würde ihn auch langweilen, sagt er. Ihn reizt das Neue, das Unverbrauchte.

Und so kommen dann Konstellationen zustande wie am Sonntag in Berlin, bei denen jedem, dem Jazz am Herzen liegt, nicht mehr bange um die Zukunft des Genres sein muss.

Wenn Michael Wollny und Wolfgang Haffner den alten Benny-Goodman-Hit "Sing, Sing, Sing" so interpretieren, dass man glaubt, der Neuerfindung eines Stücks beizuwohnen; wenn Joachim Kühn mit Émile Parisien am Sopransaxophon im Duo kraftvoll und intim zugleich improvisiert, als wäre Kühn nicht 73 Jahre alt, sondern jung wie 23. Und als wäre Parisien nicht 34, sondern erfahren wie 74, so kongenial ist ihr Zusammenspiel.

"Die Zeiten ändern sich," sagt Siggi Loch "aber eines bleibt: Mehr als jede andere Kunstform berührt Musik die Menschen unmittelbar." Er wolle Aufnahmen machen, die das Herz und die Seele genauso bewegen wie den Geist.

Klingt pathetisch? Mag sein. Aber pathologische Gestalten sind gerade genug unterwegs in dieser Welt.



insgesamt 7 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
speleonaut 03.04.2017
1. Was für ein Label
Zum Jubiläum die besten Grüße! Ich besitze viele ACT CDs und bin sehr glücklich, das es so ein Label in Europa gibt. In der Aufzählung fehlen noch etlich andere tolle Musiker/innen. Was Youn Sun Nah angeht kann ich nur sagen, die Musik ist der Knaller. Alle CDs sind hörenswert, aber Live ist diese Stimme z.Zt. in Europa einzigartig! Habe sie zweimal in Dortmund gehört. Ein musikalischer Genuß! Lieber Siggi Loch, bitte weiter so. Ein Fan
rpr 04.04.2017
2. Glückwünsche
Beste Glückwünsche an ACT und vielen Dank für die Ergebnisse ihrers Wirkens. Janko Tietzs Artikel könnte als angemessen und gelungen bezeichnet werden, wären da nicht die vielen abwertenden Passagen und Nebensätze zu ECM. Siggi Loch hatte diese Form von "Unterstützung" nie nötig und Manfred Eicher hat es nicht verdient. Als Konsumenten und als Musiker können wir dankbar sein, dass es Labels wie ACT und ECM gibt bei denen Plattenproduktionen nach dem Motto egal wo, egal wie, hauptsache billig und schnell. Lieber Janko Tietz, wie wärs denn wenn Du jetzt schon mit der Recherche anfangen würdest, ECM wir in 2 Jahren 50.
janko_tietz 04.04.2017
3. Wo ist die Abwertung?
Im Text steht: "Wenige andere Musikmanager - außer vielleicht Keith Jarretts Hausproduzent Manfred Eicher von ECM in München - stecken so viel Liebe ins Entdecken von Künstlern und so viel Langmut ins Entwickeln von Musik." Eine Abwertung kann ich da nicht rauslesen, wenn man jemandem bescheinigt, viel Liebe und Langmut in die Musik zu stecken. Und ECM werden wir selbstverständlich würdigen in zwei Jahren.
C-Hochwald 04.04.2017
4. Enorme Klangqualität
ACT! steht wie sonst nur noch wenige Labels (z.B. ECM, Stockfish) für herausragende Klangqualität. In Zeiten von MP3 & Co sucht man leider oft vergebens nach High End Records. Bei ACT! werde ich nie enttäuscht. Gerade wenn man eine High End Stereo Anlage besitzt, ist es eine Frage der richtigen Software, das Potential der Hardware auch ausspielen zu können. Lassen Sie es mich so ausdrücken: Bei vielen CDs hat man das Gefühl, als Hörer ca. 30m entfernt von den Musikern zu sitzen, evtl. noch durch den Bühnenvorhang getrennt. Bei ACT! sitze ich in der 1. Reihe, ohne klangliche Kompromisse oder akustische Verfälschungen. Da wird eine Stereoanlage zur akustischen Lupe, keine Details der charakteristischen Instrumententöne geht verloren - musikalischer Genuss pur zur Entspannung nach einem anspruchsvollen Arbeitstag. ACT! - weiter so.
sekundo 04.04.2017
5. Nun müssen Sie nur noch
Zitat von C-HochwaldACT! steht wie sonst nur noch wenige Labels (z.B. ECM, Stockfish) für herausragende Klangqualität. In Zeiten von MP3 & Co sucht man leider oft vergebens nach High End Records. Bei ACT! werde ich nie enttäuscht. Gerade wenn man eine High End Stereo Anlage besitzt, ist es eine Frage der richtigen Software, das Potential der Hardware auch ausspielen zu können. Lassen Sie es mich so ausdrücken: Bei vielen CDs hat man das Gefühl, als Hörer ca. 30m entfernt von den Musikern zu sitzen, evtl. noch durch den Bühnenvorhang getrennt. Bei ACT! sitze ich in der 1. Reihe, ohne klangliche Kompromisse oder akustische Verfälschungen. Da wird eine Stereoanlage zur akustischen Lupe, keine Details der charakteristischen Instrumententöne geht verloren - musikalischer Genuss pur zur Entspannung nach einem anspruchsvollen Arbeitstag. ACT! - weiter so.
erklären, was Sie konkret unter "charakteristischen Instrumententönen" verstehen.
Alle Kommentare öffnen
Seite 1

© SPIEGEL ONLINE 2017
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.