30 Jahre BAP: "Diese für mich fremde Sprache..."

Am Anfang habe ich nichts verstanden. Als ich zum ersten Mal einen Song von BAP hörte, war es, als hörte ich einem ausländischen Text zu. Aber eines merkte ich sofort: Kölsch hat Melodie, man kann es singen. Eine Hymne für Wolfgang Niedecken von Wolfgang Thierse.

BAP-Chef Wolfgang Niedecken hat mir diese für mich fremde Sprache näher gebracht. Ich höre sie gerne und es ist wichtig, Niedeckens Texte zu verstehen. Entgegen dem allgemeinen Trend, Worte oder Wortfetzen nur noch als Beiwerk für einen Musikteppich zu gebrauchen, erzählt Niedecken Geschichten, Liebesgeschichten, Alltagsgeschichten, oft auch politische Geschichten.

BAP-Sänger Niedecken: 30 Jahre Kölscher Mundart
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BAP-Sänger Niedecken: 30 Jahre Kölscher Mundart

Auch wenn er Hochdeutsch spricht, ist das Rheinische unüberhörbar bei Niedecken. Zuletzt erst hörte ich diese angenehme Sprachfärbung im Deutschen Theater, als Niedecken aus Bob Dylans Tagebuch las und alte Dylan-Songs sang. Zum ersten Mal habe ich Niedecken 1992 in Heppenheim getroffen, in einer Kneipe. Ein schöner Zufall! Ich war politisch unterwegs, Niedecken hatte auf einem Festival gespielt. Wir haben uns sofort erkannt und kamen ins Gespräch. Niedecken ist ein Menschenfreund, einer der offen ist für Andere und Anderes.

In Berlin haben wir uns wieder gesehen. Im Jahr 2000. Ich war inzwischen Bundestagspräsident und ging zur Eröffnung seiner Ausstellung "Bilder vom Ende der Geschichte", allerdings nicht ohne Hintergedanken. Ich hatte inzwischen viele Orte in Deutschland, besonders in ländlichen Gegenden Ostdeutschlands besucht und war erschrocken über die zunehmende Atmosphäre der Angst: Angst vor rechtsextremen Gruppen, Angst vor Gewalt und Angst davor, von Neonazis dominiert zu werden. Zahlreiche Bürgerinitiativen hatten sich gegründet und brauchten Unterstützung, von uns Politikern, aber auch von anderen, von Künstlern zum Beispiel. Ich wollte ihn dafür gewinnen.

Niedecken war sofort bereit mitzuhelfen und erzählte mir von "Arsch huh, Zäng ussenander" im Jahr 1992 in der Kölner Südstadt. Ein Konzert gegen Ausländerfeindlichkeit nach den Anschlägen von Solingen, Mölln und Rostock mit 100.000 Leuten! Eine Stadt stand auf und protestierte gegen menschenverachtende Gewalt. Das gefiel mir. Natürlich wollte und konnte Niedecken das nicht wiederholen, im Kleinen hat er dann an vielen Stellen geholfen. Ich wünsche mir dennoch, dass wir eine gemeinsame Veranstaltung irgendwo in Ostdeutschland hinbekommen. Auch wenn nur ein paar hundert und nicht hunderttausend Menschen kommen, wäre es ein wichtiges Zeichen.

Niedecken ist ein Mensch mit Haltung. Ich habe Respekt davor, dass er mir im Bundestagswahlkampf 2002 zunächst einen Korb gab und sagte, wenn schon, dann mache er Wahlkampf für Rot-Grün. Daraus entstand das Konzert "Go on! Schröder-Fischer" am Brandenburger Tor. Niedecken war damals vor allem von der Sorge vor einem Irak-Krieg angetrieben. Er war kategorisch gegen diesen Krieg und natürlich gegen die Beteiligung deutscher Soldaten. Deshalb bekannte er sich zur rot-grünen Bundesregierung. Auslöser war Patti Smith, die bei einem Konzert in Köln gegen den Krieg und gegen Georg W. Bush und Tony Blair gewettert hatte. Niedecken folgte ihrem Beispiel.

Ich muss rückblickend gestehen: Als DDR-Bürger habe ich Niedecken nur am Rande wahrgenommen. Seine echten Fans, und von ihnen gab es viele in der DDR, waren wohl jünger. Ich wusste, dass er im Juni 1982 bei der Friedensdemonstration in Bonn gegen den NATO-Doppelbeschluss gesungen hatte, aber ich habe diesen Auftritt nicht in Erinnerung, denn ich konnte ja auch nicht dabei sein.

Zur Person
DDP
Wolfgang Thierse, 65, ist Vizepräsident des Deutschen Bundestags. Von März bis Oktober 1990 gehörte Thierse der ersten frei gewählten Volkskammer der DDR an, seit 1990 ist er Mitglied der SPD. Bei der Bundestagswahl 2009 verlor er seinen Berliner Wahlkreis gegen den Linkspartei-Kandidaten Stefan Liebich, zog aber dennoch über die Landesliste ins Parlament ein.
1984 sagten BAP ihre DDR-Tour ab, weil sie den Song "Deshalv spill mer he" nicht singen durfte und vereinbarte Fernsehinterviews kurzerhand wieder abgesagt wurden. Die Musiker waren in die Mühlen der DDR-Zensur geraten, denn Niedecken hatte den "Fehler" begangen, sich von der SED-Führung nicht instrumentalisieren zu lassen. Er war gegen amerikanische Pershingraketen und gegen russische SS-20-Raketen. Da war er, Gott sei Dank, kompromisslos.

Die Band reiste ohne Auftritt wieder ab, wunderbar zu hören, 20 Jahre später, in der Ballade "Unger Linde", enn Berlin. Erst bei diesem SONX-Konzert und später bei einem öffentlichen Gespräch in der Kulturbrauerei in Prenzlauer Berg begriff ich, wie eng Wolfgang Niedecken mit Berlin verbunden ist. Wie sehr er die Stadt mag und wie sensibel und mit gutem Gespür er, der westdeutsche Musiker aus dem Kaff am Rhein, wie Wolf Biermann einst im SPIEGEL schrieb, deutsch-deutsche Geschichte begreift.

Meine Sympathie für Wolfgang Niedecken muss - nicht zu vergessen - auch mit Heinrich Böll zu tun haben, von dem ich wohl fast alles gelesen, dessen öffentliche Rolle in der Bundesrepublik der Sechziger und Siebziger ich aus der Ferne bewundert habe. Vor vielen Jahren habe ich nächtens im Fernsehen ein Gespräch zwischen Böll und Niedecken gesehen. Bei beiden, so sehr sie verschiedenen Generationen angehören, der gleiche rheinische Tonfall, die gleiche Liebe zu Köln, zu den "kleinen Leuten", der gleiche störrische und zugleich milde Moralismus.

Wie Böll lebt Niedecken ein Heimatgefühl, das sehr viel mit den Verwundungen Kölns durch den Krieg und mit dem Sich-Durchschlagen der Menschen in der Nachkriegszeit zu tun hat: Eine Kindheit mitten in den Ruinen-Resten der Südstadt, mit rivalisierenden Jugendgangs, streng katholischen Eltern und einem festen Band von Freunden. Menschen und Beheimatung sind Wolfgang Niedecken wichtig. Aber man spürt auch Widerständigkeit, er rebelliert auf seine Weise gegen Spießertum und Angepasstheit. Als Musiker drückt er das Lebensgefühl einer Generation aus, die gegen autoritäre Prägungen Deutschlands, gegen Kalten Krieg und gegen falschen Patriotismus aufbegehrte.

Drei Jahrzehnte BAP sind drei Jahrzehnte deutsche Geschichte, die kein anderer deutscher Rockmusiker verkörpert wie Wolfgang Niedecken. Nach vielen Gesprächen mit Niedecken und einigen Konzerten habe ich das verstanden.

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