Pop! Ausgebrannt

Von Christoph Dallach

Vor 30 Jahren kam die erste CD auf den Markt. Die Schlachten gegen das MP-3-Format hat die Silberscheibe bisher verloren - aber ist der runde Geburtstag der Beginn ihres Comebacks?

Pop! Ausgebrannt Fotos

Die erste öffentliche Präsentation einer Compactdisc in Großbritannien war ein Reinfall. 1981, also ein Jahr vor der offiziellen Einführung, bestrich ein Fernsehmoderator eine Bee-Gees-CD mit Erdbeermarmelade und behauptete, dass diese kleine, unverwüstliche Plastikscheibe trotzdem abspielbar sei, was sich allerdings als peinlicher Irrtum erwies.

Am 1. Oktober 1982 kam dann Billy Joels Album "52 Street", die erste kommerziell veröffentlichte CD, in die Läden. Eine merkwürdige Wahl, denn der Super-Bestseller war bereits 1978 erschienen. Egal, für den aberwitzigen Erfolg der kleinen, funkelnden Plastikscheiben spielte das keine Rolle.

Aber nun, zum 30. Dienstjubiläum der CD, sind die Blogs der Welt nicht voll mit tollen Jubelgeschichten, sondern mit mehr oder weniger wehmütigen Nachrufen. Denn die CD gilt seit einiger Zeit als Auslaufmodell, als so zeitgemäß wie eine Schellack-Platte in der durchdigitalisierten Gegenwart. Denn die wurde, so wie alle ihre Vorgänger, vom technischen Fortschritt gefressen (wer erinnert sich noch an die Mini-Disc?).

Schuld war das MP3-Format, das die Möglichkeit bietet, Musik ohne großen Aufwand auf klitzekleinen Festplatten zu speichern und abzurufen. Seitdem interessieren sich für Tonträger, die man in die Hand nehmen kann, immer weniger Menschen. Und wer läuft dieser Tage noch mit einem Discman durch die Welt? Auch wenn viele ältere Musik-Käufer mit CDs nie so warm wurden wie mit Vinylplatten, spielten CDs doch in den vergangenen drei Jahrzehnten eine wichtige Rolle in vielen Pop-Sozialisationen nachgewachsener Generationen.

Die Liste der bestverkauften CDs aller Zeiten führen souverän Abba mit ihrer Hit-Sammlung "Gold" an

Der Blog der "Huffington Post" bietet nun zum 30. Geburtstag der CD eine Erinnerung an "Neun Dinge, die wir an der CD liebten". Es stimmt, dass es mehr Spaß machte, in Plattenläden (auch fast ausgestorben) CD-Regale zu durchstöbern, als bei iTunes nach Musik zu suchen. Mix-CDs zu brennen, war auch immer wieder mal ein Spaß und sehr viel komfortabler, als einst Kassetten zusammenzustellen. Außerdem konnte man CDs verschenken. Und iTunes-Gutscheine sind dagegen leider unsexy.

Mit der CD stirbt langsam aber sicher auch die Idee, ganzen Alben zu lauschen, statt nur einzelnen Tracks. Und das Blättern in CD-Booklets beim Zuhören war auch nicht so übel. Auch wird das Taxieren und spätere Lästern über fremde CD-Sammlungen fehlen. Denn in Festplatten kann man leider nicht hineinschauen.

Über die Klangqualität von CDs wurde eigentlich seit dem Tag ihrer Einführung gezankt. Die Frage, ob nun Vinyl tatsächlich besser klingt, ist nicht endgültig geklärt. Fest steht aber, dass CDs eine Weile für astronomische Umsätze sorgten. Eine Liste der bestverkauften CDs aller Zeiten führen souverän Abba mit ihrer Hit-Sammlung "Gold" an. Dicht gefolgt von der unvermeidlichen Adele und von Oasis. Sicher ist aber mittlerweile auch, dass viele Mythen, die Überlegenheit der CD betreffend, die einst zu ihrer Einführung verbreitet wurden, Humbug waren. So unverwüstlich wie lange behauptet, sind CDs nicht. Man sollte eben keine Erdbeermarmelade auf sie schmieren, sie nicht zerkratzen oder allzu lange der Sonne aussetzen. Und endlos halten tun sie auch bei bester Pflege nicht - im Gegensatz zu Vinyl.

Eine Sammlung unterhaltsamer Abgesänge auf die CD bietet der Pitchfork-Blog. Lustig ist auch, dass nun viele Musikverrückte, die einst vor 30 Jahren ihre Vinyl-Sammlungen abstießen und durch CDs ersetzten, nun ihre CDs verschrotten und alles wieder auf Vinyl kaufen. Das haben flugs die Beatles erkannt, deren Gesamtwerk nun pünktlich zu Weihnachten in der schmucken Luxus-Vinyl-Box "Remastered Vinyl Box Set" (Apple) wieder in die Läden kommt.

Traurig müssen aufrechte CD-Fans aber nicht sein, denn die Trend-Polizisten vom britischen Fachblatt "NME" prognostizierten gerade, dass in naher Zukunft ein massives CD-Revival zu erwarten sei.

Diesen Artikel...
  • Aus Datenschutzgründen wird Ihre IP-Adresse nur dann gespeichert, wenn Sie angemeldeter und eingeloggter Facebook-Nutzer sind. Wenn Sie mehr zum Thema Datenschutz wissen wollen, klicken Sie auf das i.
  • Auf anderen Social Networks teilen

Forum - Diskutieren Sie über diesen Artikel
insgesamt 22 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
    Seite 1    
1. optional
berufskonsument 16.11.2012
Mir ist bisher nur eine CD an Altersschwäche gestorben. Sie knistern nicht, knacken nicht, springen nicht - funktionieren einfach, in bester Klangqualität wie am ersten Tag, trotz teilweise biblischen Alters. Im Gegensatz zu MP3 kann man sich auf ein Mindestmaß an Klangqualität verlassen, auch wenn durch den Loudness War vieles zerstört wurde. Ich möchte meine umfangreiche CD-Sammlung im Keller nicht missen - mir sind schon mehr Festplatten ausgefallen als CDs. Und ja, ich höre Alben tatsächlich immer noch als Alben. Wenn mich das zu einem Dinosaurier macht, sei's drum. Was haben Mini Disc mit CDs zu tun? Nur weil das Medium irgendwie platt ist? Erinnert sich noch jemand an dcc?
2. comeback?
derivo 16.11.2012
Zitat von sysopVor 30 Jahren kam die erste CD auf den Markt. Die Schlachten gegen das MP-3-Format hat die Silberscheibe bisher verloren - aber ist der runde Geburtstag der Beginn ihres Comebacks?
von einem bald kommenden comeback zu reden, wenn der marktanteil von CDs noch etwa 50% (USA,UK) betraegt (in D 70%) ist vielleicht etwas voreilig. der anteil wird noch ein paar jahre sinken. die hoechsten umsatzsteigerungen hat uebrigens vinyl (und diese steigerung ist umgekehrt proportional zum anteil der digitalen verkaufe [D ~20%, UK ~50%])
3.
Duende 16.11.2012
Worauf stützt der NME seine Prognose, dass es ein CD-Revival geben wird?
4. iTunes & Co. verpassen Chancen
mgerhard 16.11.2012
Leider haben es iTunes & Co verpasst, den Kunden einen Mehrwert zu verschaffen, um Musik online zu kaufen. Musikliebhaber stört die Lieblosigkeit, wie Musik verkauft wird. So vieles wäre online möglich: Warum sind in den gekauften Songs nie die Songtexte mit dabei, obwohl die Meta-Tags das ansich vorsehen? Warum können die Player die Songtexte nicht komfortabel anzeigen, sondern nur nach mühsamen geklicke? Warum bekomme ich bei einem Album keinerlei Credits mehr angezeigt? Ich würde gerne wissen, welche Musiker da mitspielen, wer der Produzent und Toningenieur war. Warum kann ich demzufolge auch nicht in den Musikstores nach Musikern suchen? Als Fan sammle ich gerne alle Musik eines bestimmten Gitarristen - auch eben die Alben, bei denen er "nur" Gastmusiker war. Keine Chance, diese Alben online zu finden. Warum kann ich nicht nach Labeln suchen? Es gibt kleine, aber feine Labels, von denen ich unbesehen alles kaufe. Aber dazu muß ich erst bei dem Label nach Neuerscheinungen suchen, um dann wiederum im Online Store diese dort zu suchen. Kein großer Online-Store bietet mir die Möglichkeit die Suche auf Labels zu beschränken. Warum bieten Online-Stores Musik nur in komprimierter Form an? Die CD limitierte den Klang auf 44,1 kHz und 16 bit. Studio-Standard ist 24 Bit / 96 KHz. Für die CD muss diese Qualität wegen des CD-Standards eingedampft werden, aber online wäre das nicht mehr nötig. Ich wünsche mir online unkomprimierte Musik in lossless Formaten. Und zu guter letzt wünsche ich mir, dass auch online immer(!) das Booklet als PDF mit dabei ist.
5. alternative
derivo 16.11.2012
Zitat von mgerhardWarum bekomme ich bei einem Album keinerlei Credits mehr angezeigt? Ich würde gerne wissen, welche Musiker da mitspielen, wer der Produzent und Toningenieur war. Warum kann ich demzufolge auch nicht in den Musikstores nach Musikern suchen? Als Fan sammle ich gerne alle Musik eines bestimmten Gitarristen - auch eben die Alben, .....
credits, labelsuche und suche durch die credits gibt es zb bei artistxite (http://artistxite.de) (nicht durchgaengig aber immerhin). das FLAC format wird vereinzelt schon angeboten, insbesondere im klassikbereich geht da langfristig auch kein weg dran vorbei.
Alle Kommentare öffnen
    Seite 1    
News verfolgen

HilfeLassen Sie sich mit kostenlosen Diensten auf dem Laufenden halten:

alles aus der Rubrik Kultur
Twitter | RSS
alles aus der Rubrik Musik
RSS
alles zum Thema KulturSPIEGEL-Tageskarte Pop
RSS

© SPIEGEL ONLINE 2012
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH



  • Drucken Senden
  • Nutzungsrechte Feedback
  • Kommentieren | 22 Kommentare
Zur Person
Isa Kreitz
Christoph Dallach, geboren, kurz bevor Sam Cooke starb, trinkt zu viel Sake, schießt beim Tischfußball gern uncoole Tore aus der Mitte, schreibt gegen Geld Texte und verplempert zu viel Zeit im weltweiten Netz. Was er dort an schönem Unsinn entdeckt, sammelt er nun in dieser Kolumne.

Mehr dazu im SPIEGEL
Heft 11/2012 Eine Nacht vor dem Fernseher mit Tom Schilling

SPIEGEL ONLINE
Was lesen? Was kaufen? Was verschenken?

Die aktuelle Taschenbuch-Bestsellerliste: Welche Titel sind gerade heiß begehrt.

Jede Woche bei SPIEGEL ONLINE.

Übersicht: Alle Bestseller

Facebook