Konzerte mit 3-D-Hologrammen: Spiel mir das Lied vom Toten

Aus London berichtet Daniel-C. Schmidt

Kurt Cobain feiert sein Comeback mit Nirvana? Queen geht mit Freddie Mercury auf Tour? Bald ist es so weit. 3-D-Hologramme lassen tote Musiker auferstehen. Die virtuellen Star-Zombies sollen echte Live-Gefühle wecken - und könnten der totgesagten Musikindustrie neues Leben einhauchen.

Tote Holo-Musiker: Auftritt der Pop-Zombies Fotos
Getty Images

Sieben Prozent Umsatzplus meldeten die deutschen Konzertveranstalter für 2011, mehr als im Rekordjahr 2007. Ein stolzes Ergebnis in der sonst eher schwächelnden Musikindustrie. Doch wer aus den Erfolgszahlen folgere, es gehe der Live-Branche besser denn je, der "irrt erheblich", sagt Verbandschef Jens Michow. "Drastisch erhöhte Honorarforderungen" der Künstler verringerten die Gewinne kräftig. Wäre es da nicht fein, man könnte Musiker auf die Bühne stellen, die gar kein Honorar fordern - weil sie tot sind?

So wie Tupac Shakur zum Beispiel. Der Rapper wurde 1996 erschossen. Bis heute halten sich wirre Gerüchte, er führe irgendwo da draußen ein süßes Leben. Und dann stand er mehr als 15 Jahre nach seinem Tod tatsächlich auf der Bühne, vor 10.000 offenen Mündern, beim Coachella-Festival in Kalifornien. Lebensgroß, mit Waschbrettbauch und bestens bei Stimme. Für zwei Lieder auferstanden von den Toten.

Naja, beinahe. Natürlich war Tupac nicht lebendig, man hatte ihn lediglich als 3D-Hologramm auf die Bühne projiziert. Aber nicht nur der stets leicht benebelt wirkende (echte) Snoop Dogg neben ihm schien Mühe zu haben, den Trick zu durchschauen. Verblüffend war die Projektion allemal, die Kontrastschärfe, die flüssigen Bewegungen des virtuellen Zombies. Der Holo-Tupac sprach sogar mit der Menge, fragte sie, was denn zum Teufel los sei.

"Die Technik: kein Hexenwerk"

London, zehn Gehminuten vom Wachsfigurenkabinett Madame Tussauds entfernt. Bei Musion Systems arbeiten rund 25 Menschen daran, Stars wie Tupac wieder auferstehen zu lassen - die Firma hat sich auf 3-D-Hologramme spezialisiert. Im ersten Stock eines viktorianischen Reihenhauses hat Musion seine Büroräume. Besucher melden sich am schmucklosen Empfang, dann geht es gleich weiter in das Allerheiligste: den Theatersaal.

Vor einer etwa vier mal sieben Meter großen, schwarz ausgekleideten Bühne steht ein breites Sofa. Darauf hat Stuart James McLaren Platz genommen, Technischer Direktor. Der Mann ist eine sehr englische Erscheinung, sein Kurzarmpoloshirt spannt über dem Brustmuskel, die Sonnenbrille hat er in dem fensterlosen Raum auf den kurzgeschorenen, grauen Haaransatz geschoben.

Es ist warm im Theatersaal, ein gigantischer Beamer summt verdeckt über der Bühne. Neben dem Sofa bläst kalte Luft aus einem portablen Klimagerät. McLaren schaltet das Licht aus - und das Spektakel beginnt.

Eine blonde, hochgewachsene Ballerina tippelt zu Tschaikowskis "Schwanensee" aus dem Dunkel des Bühnenrandes in die Mitte. Sie strahlt, ihr Teint ist makellos, sie bewegt sich grazil zum sanften Spiel der Querflöte, ihr weißer Rock flattert synchron mit der Luft aus dem Klimagerät. Sie nimmt Tempo auf, die Bläser setzen ein, sie wirbelt von links nach rechts, ihr Rock wirbelt mit. Sie wird rasend schnell, ihre Silhouette schmaler und schmaler, bis sie einen blauen Schweif hinter sich herzieht. Einen Wimpernschlag später ist die tanzende Schöne weg. Verpufft.

"Die Technik an sich: kein Hexenwerk", sagt McLaren, "nicht einmal Beamer oder Kamera sind besonders ausgefallene Modelle. Doch es gibt ein paar Tricks, die man beherrschen muss, damit die Projektion gestochen scharf und in 3D erscheint." Die 3-D-Hologramm-Technik, die Musion patentiert hat, heißt Eyeliner 3D Holographic Projection, die Briten lizensieren sie in alle Welt; Firmen wie AV Concepts oder Activ8-3D konkurrieren mit McLarens Leuten auf dem lukrativen Holo-Zukunftsmarkt.

Technisch beruhen die Wiederauferstehung Tupacs und die vepfuffte Ballerina auf einem Illusionstrick mit Spiegeln aus dem 18. Jahrhundert namens Pepper's Ghost. In der modernisierten Form wirft Musion die gewünschte Aufnahme, also etwa Tupac, per Beamer auf eine weiße, aus Sicht des Publikums verborgene Leinwand. Die reflektiert das Bild auf eine dünne, mit bloßem Auge kaum sichtbare Spezial-Folie. "Dank hochauflösender Bildtechnik, mit der passenden Lichteinstellung und der richtigen Neigung der Folie entsteht so aus dem zweidimensionalen Beamer-Bild eine 3-D-Projektion auf der Bühne", erklärt McLaren. Das Ganze ist eine optische Illusion. Wirkt aber täuschend echt.

Und was kostet so ein Hologramm? "Naja, hängt vom Aufwand ab." Definitive Zahlen mag McLaren nicht nennen, sagt aber: "Bei dem Tupac-Auftritt war das Aufwendigste die Vorproduktion - Körperdouble, die ganzen digitalen Computereffekte, das kann mehrere hunderttausend Pfund kosten." Noch einmal führt McLaren vor, was machbar ist: Menschen, Tiere, Illusionen. Der Effekt ist ähnlich wie bei einer Sonnenfinsternis: Beim ersten Mal kann man sich kaum sattsehen, beim zweiten Mal verliert das Ganze ein wenig seinen Zauber.

Lady Gaga in Uerdingen

Ob sich dafür ein Publikum finden wird? Für Labels und Konzertveranstalter könnte die Holo-Technologie ein ohnehin lukratives Geschäftsfeld erweitern. Einige Jahre schon setzt die Musikindustrie auf Live-Konzerte, seit illegale Downloads die CD-Verkäufe schmälern. Und marktreif ist die Technik, im Grunde sei für Geld schon jetzt alles und jeder zu haben. "Wir können Elvis oder Amy Winehouse auf Tour schicken. Oder die Rolling Stones, obwohl sie zu Hause vorm Fernseher sitzen. Und falls Mick Jagger doch Lust verspüren sollte, in einer Stadt selbst zu singen, radieren wir sein digitales Abbild aus. Dann steht er halt live auf der Bühne."

Jens Michow sieht die Zukunft eher bei Winehouse und Elvis. "Konzertveranstalter werden sicherlich mit der Idee spielen, verstorbene Künstler auferstehen zu lassen", sagt der Geschäftsführer des Bundesverbandes der Veranstaltungswirtschaft. "Dass das dieses besondere Live-Erlebnis ersetzen wird, kann ich mir aber nicht vorstellen. Wenn es einzigartige Events sind, wie etwa Live Aid, wo nicht jeder hin kann, stelle ich mir das als Geschäftsmodell attraktiv vor. Wehtun werden die Hologramm-Konzerte der Branche bestimmt nicht." Eher im Gegenteil. Mit der Technik ließe sich eine einzige Show in x-beliebig viele Städte projizieren.

Allerdings: Das Prinzip der künstlichen Verknappung wäre auf den Kopf gestellt, Ticketpreise könnten sinken - und plötzlich stünde Lady Holo-Gaga in einer Mehrzweckhalle in Uerdingen für zehn Euro vor kreischenden Teenagern.

Bleibt die Frage: Gilt Authentizität im Pop gar nichts? John Harris, Autor des Pop-Standardwerkes "The Last Party", denkt, dass die Chancen der Technik vom Geschmack abhängen: "Bei Pop und R'n'B ist die Ästhetik viel wichtiger, die Show, die Tanzeinlagen, die Kostüme", sagt er. "Im Rock gibt es zwei widersprüchliche Impulse: Die Bühne gilt als Ort, wo echte, ehrliche Musik gemacht wird. Andererseits gibt es diese Vergangenheitsfixiertheit. Deshalb zahlen Leute dafür, sich Queen ohne Freddie Mercury anzusehen." Hologramm-Gigs würden daher wohl ihr Publikum finden.

Den paradox anmutenden Trend zum Live-Erlebnis aus der Konserve beobachtet Harris jedenfalls schon länger: "Tod ist kein Hemmnis mehr für die Fans, ihre Lieblingskünstler erleben zu können. Verstorbene zum Leben zu erwecken, ist inzwischen Teil unserer Kultur." Was er damit meint? Verpasste man früher die Beatles im Cavern Club, hieß es: Pech gehabt. Heute ist fast jeder Auftritt an jedem Ort im Netz für jedermann abrufbar. Die Frage lautet nicht mehr: Warst du da? Sondern: Hast du's auf YouTube gesehen?

Der Reiz des Besonderen geht so verloren. Zugleich könnte sich aber eine neue, junge Zielgruppe für Vergangenes begeistern - die ohnehin nie die Chance hatte, die Beatles überhaupt zu erleben. Davon ist auch 3-D-Hexer McLaren überzeugt: "Die großen Bands wird die Technologie noch größer machen. Wer hat heutzutage noch Elvis live gesehen?", sagt er. "Und aufstrebende Künstler können eben mit einer spektakulären Bühnenshow von sich Reden machen."

Die Möglichkeiten scheinen unermesslich. Nicht mehr lang, dann müssen sich die Beatles-Coverbands in den Londoner Kellerbars womöglich neue Jobs suchen.

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insgesamt 50 Beiträge
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1. ?
ziegenzuechter 21.08.2012
voellig ueberfluessiger mist. wer braucht denn sowas?
2.
Michael KaiRo 21.08.2012
Zitat von ziegenzuechtervoellig ueberfluessiger mist. wer braucht denn sowas?
Die virtuelle Fratzenbuch-Generation? Kein normaler Fan täte sich so einen Mist antun !
3. Kein Hologramm, nicht mal 3D!
FlashBFE 21.08.2012
Bitte hören Sie, liebe Autoren, auf, diese Technologie als Hologramm zu bezeichnen. Damit hat das nichts zu tun. Es ist auch nicht 3D, nicht mal Stereoskopie. Es ist, wie sie im Artikel schon richtig beschreiben, eine einfache 2D-Projektion auf einer Projektionsfläche. Durch Tricks wirkt das Ganze, als würde es im Raum schweben, ändert aber nichts daran, dass es keine neue Hochtechnologie ist. Wenn jetzt schon der Begriff Hologramm für solche optischen Spielereien verunglimpft wird, ähnlich wie aktuell in den Kinos "3D" für Stereoskopie, wie sollen dann in Zukunft echte Hologramme bezeichnet werden?
4. Bitte nicht!
K-Mann 21.08.2012
Bitte, lasst die Toten ruhen! Es gibt genug lebende Musiker, die es verdienen, beachtet zu werden.
5. !
Stelzi 21.08.2012
Zitat von ziegenzuechtervoellig ueberfluessiger mist. wer braucht denn sowas?
Zum Glück entscheidest nicht du was "gebraucht" wird.
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