Jungvirtuosin Pogostkina: Liebe im lettischen Wald

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Es singen die Birken, es wispert das Laub: Die junge Stargeigerin Alina Pogostkina spielt "Vox Amoris" von Peteris Vasks. Die wunderbare Aufnahme ist Teil eines Jubiläumspakets zum 50. Geburtstag von Wergo, dem große Label für Soundmeister wie Stockhausen und Cage.

Wergo-Jubiläum: Immer etwas Besonderes Fotos
Felix Broede

Wenn der Wind über das flache Lettland weht und sanft die Wipfel der Birken streichelt, ist das fast schon Musik. Leise Musik natürlich, sie schleicht sich vorsichtig an den Hörer, der sie zuerst mehr erahnt als physisch wahrnimmt. Eine Mischung aus "Lohengrin"-Vorspiel und Wolfgang Rihm: "Vox Amoris", ein Stück von dezenter, beinahe ätherischer Schönheit.

Die Werke des Komponisten Peteris Vasks könnten locker als Soundtrack für einen Werbefilm des lettischen Tourist Board verwendet werden. Eingängig, aber vielschichtig beim zweiten Hören - und es tönt ganz anders als das, was man gemeinhin als zeitgenössische europäische Konzertmusik wahrnimmt, die mit Intellektualität und der Suche nach neuen Klängen und Formen oft musikalische Grenzen pulverisiert.

Nicht so Peteris Vasks, Jahrgang 1946 und zunächst ausgebildeter Kontrabassist; er studierte Komposition an der Musikakademie Riga und stand von Beginn seiner Karriere an im Widerstand gegen die sowjetische Kulturauffassung. Er verarbeitete in seiner Musik religiös unterfütterte Naturverbundenheit und schuf raumgreifende Klangwelten voller Harmonie und Spiritualität, die an die nordischen Künstlerkollegen von Sibelius bis Grieg erinnern und mit denen er bei den kommunistischen Volkserziehern nicht punkten konnte. So motiviert man nun mal keine Werktätigen zum revolutionären Kampf.

Chiffonartige Klangfälle

Vasks chiffonartige Klangfälle hat jetzt die russische Violinistin Alina Pogostkina mit der Sinfonietta Riga aufgenommen, und schon zu Beginn der CD "Vox Amoris" packt die 1983 geborene Jungvirtuosin solide zu, trotz aller Feinschliff-Anforderungen und emotionaler Wechselbäder. Anne-Sophie Mutters Interpretation von Wolfgang Rihms "Gesungene Zeit" stand wohl Pate, wenn Pogostkina die drei charaktervollen Kompositionen für Solovioline und Streichorchester angeht: Feinste Verästelungen wechseln mit wuchtigen Phasen, doch immer führt ein durchströmender Atem die Linie. Wie auch Rihm versteht sich Vasks hervorragend auf Werke für die menschliche Stimme, Chorwerke nehmen einen breiten Raum in seinem opulenten Œuvre ein.

Alina Pogostkina gewann 2006 den Sibelius-Wettbewerb und wurde schnell zu einer beliebten Solistin der Orchester von Dirigenten wie Andris Nelsons, Sir Roger Norrington, Paavo Järvi und jüngst Gustavo Dudamel. Seit 1992 lebt sie in Deutschland und ist häufiger und erfolgreicher Gast der Festivals in Schwetzingen, Schleswig-Holstein, Salzburg, Lockenhaus und Dresden. Ihr süffiger Ton hat auch exklusive Gründe: Pogostkina gehört zum Stradivari-Kreis, denn sie spielt auf einem Instrument, das der italienische Geigenbauer 1709 schuf.

Auch das Label Wergo, bei dem Alina Pogostkinas Aufnahme herauskommt, galt immer als etwas Besonderes, denn seit inzwischen 50 Jahren erscheint hier Musik der Avantgarde. Eine Box "Musik unserer Zeit" dokumentiert mit fünf CDs eine kleine Geschichte von Wergo und den Komponisten des 20. Jahrhunderts. Igor Strawinsky, dessen Klavierduos hier beinahe schon wie Mainstream klingen, erfährt unter den flinken und einfühlsamen Händen der Brüder Alfons und Aloys Kontarsky beste Behandlung. Dieter Schnebel, John Cage und Luigi Nono - allesamt Säulenheilige der Neuen Musik - füllen mit kleinen und größerformatigen Werken jeweils eine CD. Dazu eine Kostproben-Palette von Karl-Heinz Stockhausen: Was will man mehr zum günstigen Box-Preis?

Sie alle hatten bei Wergo ihre Heimat, wurden per Cover mit grafischer Strenge ikonisch präsentiert. Wergo leistete auch Marketing-Pionierarbeit, wovon später die kaum weniger ikonische Jazz-Marke ECM ebenfalls profitierte. Gemeinsam mit dem Gelbetikett der Deutschen Grammophon waren sie das wegweisende Dreigestirn von Edel-Labels, deren Manager wussten, wie man Hochkultur adäquat und unverwechselbar verkaufen konnte, ohne sich ästhetisch anzubiedern. Das wirkt bis heute - auch wenn sich Musik, wie etwa die drei hier vorgestellten Werke von Peteris Vasks, erheblich ohrenfreundlicher entfaltet als das meiste dessen, was man gemeinhin mit Wergo verbindet. Aber Ungewohntes war dort immer zu Hause: Heute ist eben Harmonie die wahre Avantgarde!


Peteris Vasks: Vox Amoris - Works for Violin and String Orchestra. Mit Alina Pogostkina/Violine, Sinfonietta Riga, Leitung: Juha Kangas. Wergo.

Strawinksky, Schnebel, Cage, Nono, Stockhausen: 50 Jahre Wergo - Musik unserer Zeit. Verschiedene Interpreten, 5 CDs Box-Set / Limited Edition, Wergo.

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1. Kontraponisten
albert schulz 19.05.2012
Zitat von sysopEs singen die Birken, es wispert das Laub: Die junge Stargeigerin Alina Pogostkina spielt "Vox Amoris" von Peteris Vaks. Die wunderbare Aufnahme ist Teil eines Jubiläumspakets zum 50. Geburtstag von Wergo, dem große Label für Soundmeister wie Stockhausen und Cage. 50 Jahre Wergo: Vox Amoris von Alina Pogostkina - SPIEGEL ONLINE (http://www.spiegel.de/kultur/musik/0,1518,833547,00.html)
Es würde wohl Soundmaster heißen oder Klangmeister. Der Begriff ist wieder mal wenig zutreffend. Es handelt sich um virtuose Notenbastler von Katzenmusik. Man benutzt auch schon mal den veralteten Begriff Komponist, der sprachlich allerdings widersprüchlich ist angesichts der zu produzuierenden kontrapunktischen Töne.
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