Girl-Group-Wunder aus Japan: 180 Mädchenbeine

Von Heike Sonnberger

90 süße Mädchen singen, flirten, tanzen: Die japanische Popgruppe AKB48 macht in ihrer Heimat ein Riesengeschäft, inklusive eigener Konzerthalle und Themencafés. Die Retortenband lockt vor allem Männern das Geld aus der Tasche - und ihr Konzept erobert mittlerweile ganz Asien.

AKB48: Popstars aus der Retorte Fotos
AP

Die Mädchen sind süß, keine Frage. Und es sind viele! Genau deshalb ist die japanische Popgruppe AKB48 nicht nur erfolgreich, sondern eine wahre Geldmaschine. Denn welche Band kann schon auf zwei Bühnen gleichzeitig stehen? Oder auf drei? Oder sogar vier?

AKB48, das sind 57 Sängerinnen, verteilt auf vier Teams, plus 33 Nachwuchsstars, die abseits des Rampenlichts trainiert werden. Jeden Tag mindestens ein Auftritt, mehrere Fernseh- und Radioshows und ein Sack voll Werbeverträge - mit so vielen Stars lässt sich das locker schaukeln. Die blanke Zahl hat den Sängerinnen sogar einen Eintrag im "Guinness-Buch der Rekorde" als größte Popband beschert.

Hübsch sind sie alle, mal mit Pony, mal ohne, oft mit Grübchen und immer zierlich und schlank. In ihren Shows springen sie in knappen Röcken und langen Stiefeln über die Bühne, oder auch mal in engen Höschen, egal - Hauptsache sie flirten mit dem überwiegend männlichen Publikum und singen Gute-Laune-Pop über die Liebe oder über sich selbst, zu dem die Fans dann ihre Leuchtstäbe schwenken.

Allein im vergangenen Jahr brachten AKB48 ein Album und fünf Singles heraus, alle landeten oben in den Charts. Die Gruppe verkaufte fast neun Millionen CDs, DVDs und Blu-ray-Discs für umgerechnet knapp 150 Millionen Euro; das teilte zumindest das Unternehmen Oricon mit, das Informationen über die japanische Musikindustrie veröffentlicht. Die Erträge aus Werbung für Dosenkaffee, Unterwäsche oder Süßwaren, aus AKB48-Themencafés und Fanartikeln wie T-Shirts, Stiften, Briefmarken und Plastikpuppen sind da noch nicht mitgerechnet.

Es geht nicht um Kunst

Hinter dem Triumphzug der 90 Mädchen steht ein Mann: Yasushi Akimoto, 55, Produzent, Songschreiber, Marketing-Profi und Vizepräsident der Kyoto University of Art and Design. Vor sieben Jahren erfand er AKB48, benannte die Gruppe nach dem hippen Stadtviertel Akihabara in Tokio und einer Zahl, die vielleicht die einst anvisierte Gruppengröße ausdrücken oder vielleicht auch nur mysteriös erscheinen sollte. Die Songs tragen alle seinen Stempel.

Dass es dabei um so etwas wie Kunst gehen könnte, behauptet Akimoto gar nicht erst. "Ich bin kein 'Künstler'", schreibt der rundliche Herr mit der dunklen Brille auf der Seite der Hochschule. Er sei eher wie ein Koch, der das zu kochen versucht, was alle essen wollen. Er habe seine Karriere damit verbracht, die Geschmäcker dieser Zeit zu erspüren, um neue Trends zu erschaffen.

"Idole zum Anfassen" - so lautet in etwa sein Motto für AKB48. Das Geschäftsmodell ist eine Mischung aus Pseudo-Angebotsverknappung und intensiver Kundenbindung: Tickets für die Show im eigenen AKB48-Theater in Tokio kann man nicht einfach kaufen, sondern muss sich im Internet darum bewerben, die Gewinner der Auslosung werden per E-Mail benachrichtigt. Die Mädchen tauchen regelmäßig auf Events auf, wo sie ihren Verehrern die Hände schütteln. Und einmal im Jahr können die Fans abstimmen, welcher Star prominent auf dem Cover der nächsten Single und in Musikvideos auftauchen soll. Stimmzettel gibt's aber nur beim Kauf der vorherigen Single.

Er habe 210 CDs gekauft, erzählte der 21-jährige Fabrikarbeiter Tomoyuki Yamada dem "Wall Street Journal". Das machte 210 Stimmen für seine Lieblingssängerin Tomomi Kasai - und kostete ihn rund 3000 Euro. Tomomi kam auf Platz 16.

"Ich glaube, dass gleichaltrige Frauen, die sich gemeinsam ins Zeug legen, Sympathie wecken", sagte die Kapitänin von Team A, Minami Takahashi, unlängst im indonesischen Fernsehen zum Erfolg von AKB48. Was auch immer sie und ihre Kolleginnen wecken mögen, sie tun es offenbar vor allem bei Männern. Auch das weiß Produzent Akimoto auszunutzen: Männliche Fans zahlen für die Show in Akihabara doppelt so viel wie Frauen - bis zu 30 Euro.

Popkultur aus der Retorte

Die Stars von AKB48 sind 14 bis Mitte 20 und wurden sorgfältig in Castings ausgewählt. Erfinder Akimoto nennt sie "unfertig" und "ungeschliffen". "Fans können ihre Entwicklung beobachten", sagt er. Tatsächlich wirken aber selbst die jüngsten Nachwuchstalente bereits wie mediale Profis, so gut beherrschen sie Schmollmund, Augenaufschlag und Grübchenlächeln. Dennoch erscheinen sie nicht wie Püppchen, sondern sind aufgeweckt und reizend. Was sie noch perfekter macht.

Das ultimative Symbol für das Streben nach übermenschlicher Perfektion ist ein AKB48-Star, den es gar nicht gibt: Aimi Eguchi, 16 Jahre alt, 152 Zentimeter groß und 44 Kilo schwer, Blutgruppe 0, wurde im vergangenen Sommer als Neuzugang vorgestellt. Sie warb für eine neue Sorte Eiscreme.

Doch einige Fans rochen die Lunte, und schließlich bestätigte die Süßwarenfirma: Aimi war am Computer entstanden, man hatte sich die schönsten Gesichtszüge von sechs realen AKB48-Mitgliedern geborgt. Auf der Homepage der Popgruppe ist Aimi immer noch gelistet - mit Geburtsdatum, Heimatpräfektur und ohne weitere Bemerkung.

Wie hart Konkurrenzkampf und Leistungsdruck unter den echten Sängerinnen sind, lässt sich nur erahnen. "Am schwersten ist, dass wir nicht wie normale Mädchen sein können", zitierte das "Wall Street Journal" Rie Kitahara, 20. Es sei ihnen zum Beispiel nicht erlaubt, einen Freund zu haben.

Längst hat Akimoto weitere Ableger von AKB48 großgezogen: SKE48 aus Nagoya, NMB48 aus Osaka, HKT48 aus Fukuoka und JKT48 aus der indonesischen Stadt Jakarta. Singapur und Honkong haben nun auch offizielle AKB48-Läden. Und von diesem Sommer an soll die taiwanische Schwesterngruppe TPE48 ebenfalls japanische Popkultur aus der Retorte zelebrieren - und ordentlich Gewinn abwerfen.

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1.
HaioForler 23.03.2012
Zitat von sysop90 süße Mädchen singen, flirten und tanzen: Die japanische Popgruppe AKB48 macht in ihrer Heimat ein Riesengeschäft, inklusive eigenem Konzertbau und Themencafès. Die Retortenband lockt vor allem jungen Männern das Geld aus der Tasche - und ihr Konzept erobert mittlerweile ganz Asien. Girl-Group-Wunder aus Japan: 180 Mädchenbeine - SPIEGEL ONLINE - Nachrichten - Kultur (http://www.spiegel.de/kultur/musik/0,1518,822157,00.html)
Süss, die Maedels :) Yummi.
2. tja,
funthomas 23.03.2012
Neid ist die hoechste Form der Anerkennung Fraeulein Sonnberger, haben sie was verpasst, in ihrem Leben?
3. langweilig
mondisch 23.03.2012
Ziemlich belanglos diese "Frauen" mit hochgeschlossenem, züchtigem Ausschnitt. Ich stehe da mehr auf echte Frauen und Männer. Da hat jede europäische Show mehr Sexappeal.
4. Popkultur ist nun mal ...
fred_krug 23.03.2012
Zitat von sysop90 süße Mädchen singen, flirten und tanzen: Die japanische Popgruppe AKB48 macht in ihrer Heimat ein Riesengeschäft, inklusive eigenem Konzertbau und Themencafès. Die Retortenband lockt vor allem jungen Männern das Geld aus der Tasche - und ihr Konzept erobert mittlerweile ganz Asien. Girl-Group-Wunder aus Japan: 180 Mädchenbeine - SPIEGEL ONLINE - Nachrichten - Kultur (http://www.spiegel.de/kultur/musik/0,1518,822157,00.html)
... Retortenkultur. DSDS und andere Menschenfleischwölfe haben diese traurige Bilanz aus mindestens drei Jahrzehnten Bravo-Kultur ja eindrucksvoll belegt. Es dürfte wohl nur eine Frage der Zeit sein, bis die medialen Verblödungskonzerne aus Radio/TV-Sendern und Plattenindustrie dieses Modell in die BRD bzw. in die EU-Zone importieren. Na, Kultur ist wohl das Ergebnis dessen, was eine Gesellschaft bereit ist, dafür zu leisten. Und wenn es halt 90 junge Mädels sind, die niedere Instinkte und nahezu perfekte Marketingmaschinen bedienen, um in letzter Konsequenz dann die Medienwelt mit ihren "Produkten" zu bereichern ... Wen kann das nur stören?
5. Süß
siesagt 23.03.2012
Die Mädels sind süß. Find ich gut, dass es so was auch mal für Jungs gibt;-) nicht nur die kreischenden Mädels, wie bei Tokio Hotel. Fallen Jungs auch in Ohnmacht? Mal sehen, wann's bei uns den ersten AKB48-Verschnitt gibt.
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