Kammerorchester Klare Sache mit Bach

Kammerorchester können Mauerblümchen sein. Das Hamburger Ensemble Resonanz hingegen blüht ganz offen, bunt und erfolgreich. Schließlich hat man seinen eigenen Konzertsaal.

Jann Wilken

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Es klingt alles ein wenig roher, direkter und forscher beim Ensemble Resonanz, wenn man die Truppe live erlebt. Als ob ein frischer Küstenwind durch die Noten von Carl Philipp Emanuel Bach (1714-1788) weht, wenn sich die Damen und Herren des basisdemokratisch organisierten Kammerorchesters die spannende Musik des "Hamburger Bach" in Gestalt seiner vier Orchester-Sinfonien Wq 183 vornehmen.

Es mochte in diesem Konzert-Fall auch ein wenig am Ort des Geschehens gelegen haben: Das Ensemble Resonanz verfügt über einen eigenen kleinen, akustisch sehr gelungenen Konzertsaal zwischen Schanzenviertel und St. Pauli. Im fetten "Bunker" gelegen, zusammen mit dem Szene-Club "Übel & Gefährlich" und in Rufweite zum FC-St.Pauli-Stadion. Beste Kiez-Lage also, fast schon etwas zu hip, aber schließlich will man ja so viele Menschen wie möglich zu den Events locken. Es geht häufig auch um ambitionierte Avantgarde, nicht immer um geschmeidige Musik des frühen Rokoko.

Vielseitigkeit ist Markenzeichen und eine der Erfolgsgrundlagen des Ensembles, das 1994 von Mitglieder der Jungen Deutschen Philharmonie in Frankfurt gegründet wurde und seit 2002 seinen Stützpunkt in Hamburg hat. Eine Entscheidung mit Weitsicht, denn ab 2017 wird das Ensemble Resonanz neben dem NDR Elbphilharmonie Orchester eines der "Residenz-Orchester" der Elbphilharmonie sein, im neuen Kleinen Konzertsaal für Kammermusik. Zweifellos ein kultureller Ritterschlag für die derzeit 18 Musikerinnen und Musiker, allesamt Streicher, die inzwischen international ebenso gefragt sind wie in deutschen Landen. Aber die Liebhaber des intimen Kiez-Raumes müssen nicht verzweifeln, denn das Ensemble wird beide Lokalitäten bespielen.

Eingängige flotte Rokoko-Hits

Hier wird es auch künftig wenig Beschränkungen in den Tätigkeitsbereichen geben. Über welche theatralische Möglichkeiten die Truppe gebietet, zeigte ihre legendäre Performance bei Karin Beiers Intendanten-Debüt am Deutschen Schauspielhaus in dem Marathon-Stück "Die Rasenden" im Januar 2014.

Jörg Gollasch hatte für das Ensemble Resonanz und Karin Beiers pompöses Antike-Projekt ein Konzert für Streicher, Percussion und Chor komponiert, das auf der Riesenbühne des Hauses in einem apokalyptischen Ascheregen aufgeführt wurde. Instrumente, Musiker und die gesamte Bühne versanken in einem schwarzen, klebrigen Teppich, der bedeutungsschwanger die Szenerie ersterben ließ. Ein kleines Wunder, welche sinnlichen Klänge das Ensemble unter diesen "Wetterbedingungen" im Wortsinne hervorzauberte. Die Instrumente - besonders ausgewählte, robuste Modelle - waren übrigens vorsorglich mit lackschonender Folie abgeklebt worden.

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Für die neuen C.P.E. Bach-Aufnahmen hat sich das Ensemble den italienischen Geiger und Dirigenten Riccardo Minasi geholt, der seit 2012 auch als Gründer und Leiter des Kammerorchesters Il Pomo d'Oro erfolgreich agiert.

Unter seiner Stabführung lassen die Resonanz-Künstler die flotten Meisterstücke des Bach-Sohnes temperamentvoll ausschwingen, arbeiten die schlanken Melodieführungen heraus und gestalten die Minisymphonien als frühe Rokoko-Hits von großer Eingängigkeit.

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C.P.E. Bach - 4 Symphonies Wq 183, 6 Sonatas Wq 184

Es-Dur (Edel Classics); 18,99 Euro

Weshalb gerade in Hamburg Carl Philipp Emanuel Bach, der immerhin lange in Hamburg lebte und dort 1788 verstarb, in der Hansestadt vergleichsweise wenig gewürdigt wird, versteht man angesichts so attraktiver Werke kaum. Am Ensemble Resonanz liegt es jedenfalls nicht, man hatte dem Komponisten bereits 2014 ein erstes Symphonien-Album gewidmet.

"Es geht immer um alles!" beschreibt Riccardo Minasi ganz plastisch die Philosophie der Bach-Aufnahmen. Realisiert in der Christuskirche in Hamburg-Othmarschen und ergänzt durch sechs kleine Sonaten, bieten das Ensemble und sein Leiter ein Bach-Bild, wie es hanseatischer nicht sein könnte: uneitel, präzise, frisch. Oder "Klar kimming" (klarer Horizont), wie man auf gut friesisch sagt. Offenbar eine wunderbare Kombi mit dem römischen Temperament Riccardo Minasis.



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Menschundrecht 13.11.2016
1. Klare Sache
Tolles Orchester, eigene Spielstätte verdient. Grüße an Tom Glöckner
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