Klaviervirtuosin Gabriela Montero Da ist Pranke gefragt

Die Venezolanerin Gabriela Montero spielt nicht nur sehr gut Klavier, sie kann auch improvisieren wie ein Jazzpianist. Auf ihrem neuen Album "Solatino" interpretiert sie neben Eigenkompositionen viel Musik aus Südamerika. So etwas kann manchmal gefährlich sein.

Geht gern musikalische Risiken ein: die Pianistin Gabriela Montero.
EMI Classics / Colin Bell

Geht gern musikalische Risiken ein: die Pianistin Gabriela Montero.

Von


Klassische Pianisten haben mitunter ein Repertoire-Problem: So beeindruckend die x-te Interpretation von Beethovens op. 111 auch sein mag, gewartet hat die Welt nicht unbedingt darauf. Im Konzertsaal wählt die Pianistin Gabriela Montero einen unterhaltsamen und risikofreudigen Weg, das Ritual der Rezitale ein wenig aufzulockern: Sie improvisiert im Anschluss ans offizielle Programm auf vom Publikum hingesummte oder vorgesungene Melodien. Das brachte der Virtuosin, die 1970 in der venezolanischen Hauptstadt Caracas geboren wurde, schon eine Menge Publicity ein, die fast von den eigentlichen Fähigkeiten der Musikerin ablenkt. Denn natürlich muss auch eine Künstlerin, die improvisieren kann, den üblichen Konzert-Kanon von Bach bis Brahms abarbeiten, will sie denn ernst genommen werden.



Mit ihrem neuen Album "Solatino" (EMI Classics) beschreitet Montero etwas weniger ausgetretene Pfade. Montero spielt sich munter und gewandt durchs südamerikanische Musik-Idiom, denn das sind immerhin die Rhythmen und Harmonien ihres Heimatkontinents. Wie sich das etwa mit ihren Bach-Interpretationen verträgt? "Ausgezeichnet!", sagt sie. "Bach ist der Vater, er hat so vieles beeinflusst. Seine Musik ist ungeheuer rhythmisch, was gerne vergessen wird." Wer sich an die denkwürdig swingende Version vom "Italienischen Konzert" unter den Fingern von Glenn Gould erinnert, wird Gabriela Montero wohl Recht geben.



Ein echter Konzertkracher



"Solatino" verschreckt europäische Hörer allerdings nicht mit allzu exotischen Exkursen. Neben verschiedenen vormals improvisierten Stücken aus dem immer aktiven Montero-Workshop stehen griffig-typische Kompositionen der lateinamerikanischen Tradition von Ernesto Lecuona (1896-1963) wie die "Suite espanola" neben an Chopin erinnernde Mini-Preziosen wie Teresa Carreño (1853-1917) "Kleiner Walzer/"Mi Teresita" - ein breit, aber gefällig gefächertes Stil- und Klangspektrum. Es ist eben nicht alles Samba oder Tango in Südamerika. Natürlich gibt es auch Tango zu hören - aber der kommt ebenso dezent und unterkühlt daher wie swingenden Kleinigkeiten von Ernesto Nazareth (1863-1943): Spielmaterial für eine unternehmungslustige Pianistin wie Gabriela Montero. "Ich denke, die Zeit für südamerikanische Musik ist gekommen", sagt sie.



Ganz anders bietet sich da schon das Kernstück des Albums dar, die erste Sonate op. 22 des argentinischen Komponisten Alberto Ginastera (1916-1983), mit der sich Montero, wie sie sagt, schon seit vielen Jahre beschäftigt. Deren musikalischer Duktus erfordert differenzierten und rigiden Zugriff, und auch diesem Anspruch genügt Gabriela Montero mit federnd elegantem Spiel. Die "ostinato"-Attacke des vierten Satzes erinnert von Ferne an Prokofjew, da ist dann auch mal Pranke gefragt. Die effektvolle Ginastera-Sonate gehört auch zum aktuellen Tourneeprogramm - eben ein echter Konzertkracher.



Gerade bei dieser Sonate begibt sich Gabriela Montero in Konkurrenz mit ihrer fabelhaften Kollegin Mihaela Ursuleasa, die dieses heikle Werk für ihr Debütalbum (edel classics) auswählte. Mit einschneidenden Konzertfolgen: Beim Live-Spiel hatte sich die temperamentvolle Rumänin heftig verletzt. Im letzten Satz klemmte sie sich den Finger zwischen den Tasten ein, wie sie beim nächsten Auftritt tags darauf - die Dame ist hart in Nehmen - erzählte. "Ich hatte wohl einfach zu fest zugeschlagen!" witzelte sie über ihre Attitüde. Kann passieren, aber Gabriela Montero scheint die Ginastera-Sonate bisher wohlbehalten überstanden zu haben - auf jeden Fall glänzt ihre Interpretation mit luftigem Ton: Kunststück, es ist Musik, mit der sie aufgewachsen ist. Dafür hat man doch ein besonderes Händchen.





Konzerte: 17.10. Frankfurt / Mozartsaal, 18.10. Düsseldorf / Tonhalle, 19.10. Hamburg / Laeiszhalle, 21.10. Berlin / Philharmonie, 23.10. Hannover / NDR





© SPIEGEL ONLINE 2010
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.