AA-Sprecher Walter Lindner Zwischen Funk und Fischer

Der Sprecher des Auswärtigen Amtes, Walter J. Lindner, bemüht sich, stets den richtigen Ton zu treffen. Auf dem diplomatischen Parkett als Legationsrat erster Klasse an der Seite seines Dienstherrn Joschka Fischer - und als hoch begabter Musiker, der bereits zwei CDs aufgenommen hat.

Von Sebastian Knauer


Legationsrat Walter Lindner und Dienstherr Joschka Fischer: Zwischen den Krisen ans Keyboard
DDP

Legationsrat Walter Lindner und Dienstherr Joschka Fischer: Zwischen den Krisen ans Keyboard

Wenn über die Weihnachtstage nicht gerade eine Sondersitzung der Uno einberufen wird oder in der Ukraine Panzer rollen, steigen die Chancen für Walter Johannes Lindner, sich ans Keyboard setzen zu können. Der Musiker und Komponist ist dem Fernsehzuschauer als der hoch gewachsene, bezopfte Mann an der Seite von Außenminister Joschka Fischer bekannt, den viele für einen Bodyguard halten.

Weit gefehlt. Als vortragender Legationsrat Erster Klasse im Auswärtigen Amt (AA) jettet Lindner mit Fischer um die Welt - um einen Sitz im Weltsicherheitsrat vorzubereiten zum Beispiel oder um in Afrika Friedensmissionen einzuleiten. Doch der ständige Begleiter ist nicht nur Diplomat, sondern auch Musiker. Und noch dazu ein ziemlich Guter.

Spielend Politik und Musik verbinden

Während der Chef sich privat vor allem an Mozart und Bob Dylan hält, ist sein im Jahre 2002 verpflichteter Sprecher ein musikalisch-diplomatisches Allroundtalent. "Ich brauche die Musik", sagt Lindner, "sonst gehe ich ein." Zwar verfügt das AA unter den rund 4600 Beschäftigten in aller Welt über respektable Amateurmusiker mit eigenen Jazzbands oder Unterhaltungscombos für amtsinterne Zwecke. Aber Lindner spielt in einer anderen Liga. "Unsere Hausband war mir dann doch zu wenig professionell", urteilt das Allroundtalent.

Zusammen mit der New Yorker Jazzsängerin Grace Campbell hat Lindner zwei mit Salsa-Elementen angereicherte Funk-Soul-CDs eingespielt. Vor allem das zweite Album mit neu arrangierten Cover-Versionen von Songs des Popjazzers Michael Franks wurde in den USA hoch gelobt. "Die Stücke klingen großartig", schreibt ein Kritiker aus Manhatten auf "amazon.com".

Lindner-Vorbild Frank Zappa (1974): Weltoffener Sound aus New York
DDP

Lindner-Vorbild Frank Zappa (1974): Weltoffener Sound aus New York

Lindner, 47, ausgebildet am Münchner Konservatorium und gelernter Jurist, muss die Nachtstunden nutzen, um seiner Leidenschaft nachzugehen. "Wenn ich in Berlin bin, versuche ich wenigstens noch spät abends einige Sachen einzuspielen", sagt Linder, der als AA-Sprecher mehr in der Luft als auf dem Boden ist. Seine kurdisch stämmige Frau Mediha und seine Tochter Samira kennen schon das Abtauchen des Beinahe-Profis im Dachstudio. Eine ganze Etage in Berlin-Kreuzberg hat Lindner "gut schallisoliert" für seine Zwecke ausbauen lassen. "Die Nachbarn sind hier sehr tolerant", sagt der Dachboden-Musiker.

Lindners Heimstudio sieht aus wie der Verkaufsraum eines gut sortierten Musikladens inklusive Aufnahmegeräte, Bassboxen, Keyboards, Lautstärker, Synthesizer, Verstärker. Als Arrangeur, Interpret und Produzent ist Lindner, ähnlich wie sein Chef, eine Art "One-Man-Show". Perfektionistisch kontrolliert der gelernte Flötist, Gitarrist und Pianist den Sound seiner Musik. Nur manchmal werden andere Instrumentalisten hinzu gezogen.

In vielen Kulturen zu Hause

Beeinflusst haben den musikvernarrten Politiker die Rock-Helden der siebziger Jahre. Vor allem Frank Zappa, den Jungmusiker Lindner in München im Konzert erlebte, prägte den langhaarigen Sohn einer gut bürgerlichen Akademikerfamilie. Musikstudent Lindner schlüpfte damals in viele Rollen. So jobbte er als Parkwächter an der brasilianischen Copacabana, in Nicaragua nahm er seine erste Jazz-CD auf, die zwölf Instrumente plus vier Synthesizer spielte er gleich selbst.

In Chile bewährte er sich als klassischer Bach-Bruckner-Beethoven-Interpret, zurück in München verdingte er sich ebenso wie Joschka Fischer als Taxifahrer, um das Geld fürs Studium zu verdienen. Nach sechs Semestern verließ er das Konservatorium, da "nur Klassik gelehrt wurde" und er keine Lust hatte, in einem Provinz-Orchester zu landen. Lindner war schon damals an einem umfassenden Crossover der Musikstile interessiert. In Boston besuchte er deshalb auch die jazzorientierte School of Music, die Talente wie die Bebop-Legende Donald Harrison hervorgebracht hat.

"Wir wollten damals die Welt verändern", sagt Lindner, der mit Querflöte und knappem Budget als Hippie Südamerika, den Nahen Osten, Indien und Nepal bereiste. Alle diese Ziele steuert Fischers Sprecher heute regelmäßig wieder an, allerdings nicht mit Rucksack und Schlafrolle, sondern mit einem Dienstflugzeug der Luftwaffe. "Wenn ich wissen will, wo er gerade ist", erklärte Lindners Frau dem "Stern", "dann mache ich den Fernseher an".

Multitalent Lindner: Jetten und jammen, rund um die Welt
AP

Multitalent Lindner: Jetten und jammen, rund um die Welt

Den Jahreswechsel will Lindner nutzen, um wieder eine CD einzuspielen, allerdings nur, wenn sein rastloser Dienstherr Einsicht hat. "B'wana, he no home" heißt einer der Titel programmatisch. Will heißen, dass Fischer in Ruhe Ferien machen soll, während Lindner das Keyboard bearbeitet. Seine eigene Musik beschreibt er als Mischform aus "Soul und Jazz" mit vielen Ethno-Einflüssen. Die sind seinem früheren Wohnsitz in New Yorks Mitte, dem Gramercy Park, geschuldet. Hier war Lindner mit verschiedensten musikalischen Kulturen konfrontiert, was seine Songs eindrucksvoll belegen.

Derzeit singt Lindners musikalische Partnerin, die er in einem Musikclub in New York kennen lernte, am Broadway. Zusammen mit dem Deutschen will sie demnächst eine neue CD aufnehmen, die "noch etwas mehr Salsa" enthalten soll. Zum Jahresende hat sich Lindner schon mit zwei Musikern in seinem Berliner Dachstudio verabredet, um die neuen Titel einzuspielen. Nächste Woche will er sich wie Außenminister Fischer in den Urlaub verabschieden. "Dann bin ich erstmal weg", sagt Lindner. Bis das Handy klingelt.



© SPIEGEL ONLINE 2004
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.