Von Christoph Dallach
Als 1975, ein Jahr nach ihrem Triumph beim Eurovision Song Contest, das dritte, schlicht "Abba" betitelte Album der vier Schweden in die Läden kam, schien der Zauber schon wieder verflogen zu sein. "Ihr seid einfach zu spät, Freunde", höhnte ein Kritiker des britischen Fachblattes "Melody Maker" und beerdigte die neue Abba-Single "I Do, I Do, I Do, I Do, I Do" mit den Worten: "Der Song ist so schlecht, dass es wehtut. Wir kommen alle ganz wunderbar ohne ihn aus."
Das ist nun bald vierzig Jahre her: Der Name des Musikjournalisten ist vergessen, das Magazin "Melody Maker" längst eingestellt, aber Abba verkaufen auch in diesem Jahrtausend noch jedes Jahr Millionen Tonträger. Eben deshalb werden die Werke der Band, die 1982 den Dienst einstellte - obwohl sie offiziell nie Schluss machte! - in schöner Regelmäßigkeit umgepackt und frisch frisiert in die Läden geschleust. Nun wurde ihr drittes Album "Abba" restauriert und um drei Bonus-Tracks sowie eine unterhaltsame DVD (u.a. "Abba in Australia") erweitert.
Für das Quartett war "Abba" ein entscheidender Schritt nach vorne. Zwar waren davor bereits zwei Alben erschienen, aber erst mit dieser Platte kam die Karriere der Stockholmer richtig in Fahrt, wenn auch mit etwas Verzögerung. Denn Björn Ulvaeus, Agnetha Fältskog, Benny Andersson und Anni-Frid Lyngstad schien ihr Sieg beim Eurovision Song Contest mit "Waterloo" eher gelähmt als beflügelt zu haben. Eine geplante Konzertreise durch Schweden bliesen sie überraschend ab, und statt den Abba-Erfolg weiter auszubauen, kümmerten sich alle vier erst mal um Solo-Projekte. Denn auch wenn der Rest der Welt vor "Waterloo" noch nicht von Abba gehört hatte, hatten die Musiker bereits seit Jahren erfolgreiche Solokarrieren aufzuweisen. Ihre Abba-Platten schienen da eher so nebenher zu laufen. Die ersten beiden Abba-Alben seien ganz in Ordnung gewesen, aber noch weit weg von dem, was sie sich künstlerisch so vorstellten, hat Björn Ulvaeus mal zu Protokoll gegeben.
Melancholie virtuos mit Euphorie kombiniert
Auch "Abba" ist kein makelloses Album, im Gegensatz zum darauf folgenden "Arrival", aber zum ersten Mal glänzte die Band mit Songs, die der Perfektion im Pop schon sehr nahe kommen. Das beste Beispiel ist wohl ihr Hit "SOS". Ein kleiner Geniestreich, in dem die Autoren Ulvaeus und Andersson erstmals Melancholie so virtuos mit Euphorie kombinieren wie bei ihren größten Hits. Trotz der damals weit verbreiteten Scherze über Schweden im Allgemeinen und den Abba-Mode-Style im Besonderen wussten respektable Kollegen die Klasse von "SOS" zu würdigen: Pete Townsend, Ray Davies und selbst John Lennon bejubelten "SOS" als "perfekten Popsong". Trotzdem zeigte sich Großbritannien, das sogenannte Mutterland des Pop, unbeeindruckt vom dazugehörigen "Abba"-Album. Die Australier hingegen waren gleich Feuer und Flamme. Mit Verzögerung folgte der Rest der Welt und schließlich, etwas später, auch die Briten, wo "SOS", 18 Monate nach "Waterloo", doch noch in die Top Ten kletterte.
Letztlich starteten Abba eine Revolution im Pop-Geschäft, denn vor ihnen waren die Hitparaden der Welt fest in angloamerikanischer Hand. Vor Abba war es landesfremden Musikern noch nie gelungen, sich in den USA und Großbritannien dauerhaft in den Charts zu behaupten, also über den Status der belächelten One-Hit-Wonder hinaus zu kommen. Abba bewiesen erstmals eindrucksvoll, dass auch jenseits von London und Los Angeles aufregende Popmusik entstehen kann - und stießen so die Tore für Roxette, Cardigans, Lykke Li, Robyn und Konsorten aus aller Welt weit auf. Auch deshalb ist der Respekt für die vier Schweden noch in diesem Jahrtausend ungebrochen. Und es gilt, was der US-Autor Chuck Klosterman schrieb: "Zum Ende des 20. Jahrhunderts hin ist es viel ungewöhnlicher, Abba zu verachten als zu lieben!"
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