Abgehört 2003 Die wichtigsten CDs des Jahres

Was vom Jahre übrig blieb: SPIEGEL ONLINE wühlte sich noch einmal durch alle relevanten Veröffentlichungen und präsentiert stolz die - selbstverständlich völlig subjektiv ausgewählten - wichtigsten CDs des Jahres.


Kings Of Leon - "Youth And Young Manhood"
(RCA/BMG)


Es gibt Bands, die sind mit jeder Platte eine Bank: Blur oder Radiohead zum Beispiel. Dann gibt es in fast jedem Jahr eine Band mit lauter Neunzehn- oder Zwanzigjährigen, die einem ein Debüt auf den Tisch knallt, das sämtliche Fragen überflüssig macht und alle anderen Veröffentlichungen locker hinter sich lässt. Jene Trophäe, zuletzt in den Händen der Strokes und der Libertines, geht in diesem Jahr an die Kings Of Leon (ohne "The"!) und ihren unbändigen, unbeugsamen und erschreckend kennerhaften Southern-Garage-Einstand "Youth And Young Manhood". Die blödesten Vorwürfe: Zu viel Haare, zu viel Bart, zu altbacken, zu oft im "NME". Eine große Musikzeitschrift beließ es bei einer für das menschliche Auge nur mit viel Mühe sichtbaren, vollkommen lieblosen Besprechung, die einfach den Waschzettel zitierte und am Schluss sinngemäß zusammenfasste: Klingt wie Stones, Stooges oder Allman Brothers - vielleicht wird ja was draus. So verpassten viele den gefährlichsten und fiebrigsten Höllenritt der Saison, der nachdrücklich klarstellte, was "Rock'n Roll" eigentlich in Wirklichkeit heißt. "You want it/ She's got it/ Molly's Chambers gonna change your mind/ She's got your pistol/ Molly's Chambers gonna change your mind" ("Molly's Chambers"). Yes, Sir ! Jan Wigger


Kings of Leon - offizielle Website
The Strokes & Co.: Der gute Rock von Manhattan


Wir sind Helden - "Die Reklamation"
(Labels/Virgin/EMI)

Wenn es überhaupt einen Soundtrack gibt, den man den protestierenden Studenten aus der Generation Golfkrieg anbieten kann, dann ist es "Die Reklamation". Gleich im ersten Song wurden die essentiellen Fragen gestellt: "Ist das so? Ich meine, muss das so?" Wir sind Helden, angeführt von der bezaubernden Frontfrau Judith Holofernes, griffen den derzeit herrschenden Zeitgeist der Um-die-Zwanzigjährigen schon Monate vor den Demonstrationen für freie Bildung auf. Nach Jahren des selbstverständlichen Gehorsams und der natürlichen Unterordnung unter die Modelle der Eltern und Älteren, regt sich zwar keine handfeste Rebellion, aber immerhin ein intelligentes Nachfragen, ob das mit dem eisernen Pragmatismus, dem Konsumterror und dem ungebremsten Turbokapitalismus wirklich alles so in Ordnung ist. Dazu ein Sound, der die guten Seiten von New Wave und NDW mit der Moderne versöhnte. Sicherlich die wichtigste deutsche Band des Jahres. Man wartet gespannt auf neue Heldentaten. Andreas Borcholte


Popband Wir sind Helden: "Wir wollen keine Klassensprecher sein"
Wir sind Helden - offizielle Website


The Go-Betweens - "Bright Yellow Bright Orange"
(Clearspot/EFA)


Wie schon vor einem knappen Jahr angekündigt: Unvorstellbar, dass Robert Forster und Grant McLennan bei den Platten des Jahres 2003 fehlen werden. Schon im Jahr 2000 war keine Rückkehr triumphaler als die der Go-Betweens mit dem bittersüßen "The Friends Of Rachel Worth". Und in den jüngst abgelaufenen 12 Monaten wurde über keine Platte so viel Schwachsinn verbreitet wie über das erneut meisterliche Songwriter-Pop-Album "Bright Yellow Bright Orange": Von Kirchentagsliedern wurde gefaselt oder davon, dass die zweite Hälfte der LP ja dann doch nicht so stark sei wie die erste. Absurder, köstlicher Höhepunkt der Rezeption war eine Besprechung, die gar nicht von der Platte handelte, sondern davon, dass ein Teil des Go-Betweens-Klassikers "Streets Of Your Town" ja kürzlich für irgendeinen Top-40-Hit als Sample benutzt worden sei, Forster und McLennan eben dadurch (sic!) ja wieder im Gespräch seien und sich nun - natürlich mit einem so genannten "Comeback"-Album wohl noch einmal die Taschen füllen wollen. Man hielt sich den Bauch vor Lachen und hörte noch einmal "Too Much Of One Thing": "Nothing in my life is numbered/ In my life nothing is planned/ You might think you see purpose/ When what you're seeing is a band". Und zwar die mit den nach wie vor schönsten Stücken weit und breit. Jan Wigger

Go-Betweens - Homepage bei Clearspot Records (mit Audiofiles)


Radiohead - "Hail To The Thief"
(Parlophone/EMI)


Fast schon obligatorisch, ein neues Radiohead-Album unter den besten des Jahres auftauchen zu lassen, siehe oben. Doch was soll man machen, wenn diese Band in schöner Konsequenz Meisterwerke auf den Markt wirft? "Hail To The Thief" öffnete die Verklausulierung der Briten wieder ein wenig und tauschte die Experimente der vorherigen beiden Alben mit einem zugänglicheren Sound und klareren Botschaften. Aufgenommen im Herbst und Winter 2002 spiegeln Radiohead die klaustrophobische Stimmung vor dem Ausbruch des Irak-Kriegs mit wuchtigen Riffs und dräuenden Klangwällen wider. Das unangenehme Gefühl der Europäer gegenüber der USA, die sich immer eindeutiger als allmächtiger Big Brother orwellscher Machart gerierten, wird in "Sit Down. Stand Up" mit gespenstischer Monotonie vertont. Sänger/Songschreiber Thom Yorke hält die Welt noch immer für ein chaotisches Irrenhaus und uns alle für "Unfälle, die darauf warten, zu passieren" ("There There"). Diese pessimistisch-paranoide Haltung musikalisch abzubilden, daran arbeiten Radiohead mit immer grimmigerer Vehemenz. Es gab auch in diesem Jahr niemanden, der die Rockmusik weiter über den Erfahrungshorizont zu kippen vermochte. Andreas Borcholte


Rockband Radiohead: Gelobt sei die Diebeskunst
Radiohead - offizielle Website


The Hidden Cameras - "The Smell Of Our Own"
(Rough Trade/Sanctuary)


Der Unterschätzten (Nada Surf) und der fast gänzlich Übersehenen (Spoon) gab es 2002 nicht wenige - in diesem Jahr ging das naturgemäß so weiter. An allererster Stelle waren es die Hidden Cameras, denen viel mehr Aufmerksamkeit gebührt hätte, weshalb wir Joel Gibb und seinen zwölf (!) Gefolgsmännern aus Toronto nun einen Platz unter den ersten Zehn reserviert haben. Um zu dem Punkt zu kommen, der einem bei all den himmlischen Melodien, traumhaften Harmonien, Chören, Geigen und Harfen zuerst gar nicht richtig auffällt: Die Texte auf "The Smell Of Our Own" handeln fast ausschließlich von schwulem Sex - und zwar vollkommen ernsthaft, explizit und in keinster Weise unbeholfen herumalbernd oder gar tuntig. Der vorzügliche Schlusspunkt, "The Man That I Am With My Man", hat schon die härtesten Existenzen zum Heulen gebracht. Plötzlich, beim zweiten, dritten Mal, wurde dann auch auf die Lyrics geachtet - und verstört geguckt. "I sit while he stands over me/ I can hardly see that he is peeing on my shoulders and knees/ A warm, wet, yellow breeze". So oder so: Grandioses Album! Jan Wigger


The Hidden Cameras - offizielle Website


Die wichtigsten CDs des Jahres - Teil 2

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