Abgehört 2007 Die wichtigsten CDs des Jahres

Wir lieben Rituale! Was wäre das Jahresende ohne Glühwein, Weihnachtsgans und Meinungsverschiedenheiten im trauten Familienkreis? Letztere heizen wir jetzt schon mal an: Jan Wigger und Andreas Borcholte haben die definitiv wichtigsten CDs des Jahres ermittelt.


Arcade Fire – "Neon Bible"
(City Slang/Universal)

Die Welt, ein Gottesdienst. So einfach machten es sich einige jener Menschen, die mit der Transzendenz, der Strahlkraft und der Magie von "Neon Bible" nichts anfangen konnten und meist auf das eine, übrigens unfassbar großartige Stück "Intervention" verwiesen, in dem Arcade Fire zufällig eine Kirchenorgel benutzen. Mit "Keep The Car Running", "The Well And The Lighthouse", "Black Wave/ Bad Vibrations" oder der offensichtlichen Springsteen-Hommage "(Antichrist Television Blues)" löste Montréals ganzer Stolz die Versprechen des Jetzt-schon-Klassikers "Funeral" ein. Am Schluss die seufzende, allumfassende Weltanklage "My Body Is A Cage": "I'm living in an age/ That screams my name at night/ But when I get to the doorway/ There's no one in sight." Vom Segen, die derzeit beste Live-Band dieses Planetens in voller Besetzung auf der Bühne sehen zu können, ganz zu schweigen. Die höchsten Erwartungen sind angebracht: Um mit dem dritten Album doch noch zu Coldplay oder U2 zu werden, sind Arcade Fire ungefähr einhundert mal zu schlau. Jan Wigger

Kings of Leon – "Because of the Times"
(RCA/Sony BMG)

Die Kings of Leon haben auch mit ihrem dritten Album ein Ehrfurcht gebietendes Werk vorgelegt, das mit den Fieberträumen Robert Johnsons so viel zu tun hat wie mit den leichtsinnigen Rock’n’Roll-Phantasien eines Jerry Lee Lewis oder den psychedelischen Gefühls-Schürfungen von Jimi Hendrix. Nach keinem dieser drei Beispiele klingt "Because of the Times", aber sie eröffnet ebenso viele Türen (und Falltüren) in unbekannte, finstere Räume amerikanischer Seelen wie der Blues und der Rock und das Riff vergangener Legenden. Die vier Followill-Brüder aus Tennessee haben längst ihren eigenen Sound geschaffen, und er hört sich an, als würde man die sauberen Sonntagspredigten Jerry Falwells rückwärts abspielen, damit sie ihre moralische Bigotterie enthüllen.

Es ist viel Spiritualität auf der Platte, es geht um Gespräche mit Jesus, um Wege, die eingeschlagen werden, Leidenswege oft, "dark paths" wie in der morbiden Ballade "True Love Way". Wege, die meistens "on down the road" enden, wie im Serienmörder-Wahnsinn von "Trunk". Mythen und Männersachen werden hier zelebriert und karikiert: Das coole Girl im schwarzen Camaro, das billige Hurenhaus in "Arizona", wo man sich "too drunk to remember" das Blut von der letzten Schlägerei aus dem Gesicht wischt. Die Kings of Leon sind Farmjungs und ihre Musik ein elektrisch verstärktes Abbild der alltäglichen Hölle auf dem Lande: Tödliche Langeweile, nichts als Saufen und Sex im Kopf, jeder kurze Rock, jeder "Charmer" eine potentielle Vergewaltigung. Ein unheimliches, tiefschwarzes Meisterwerk ist den bärtigen Hillbillys da gelungen, so handgemacht, dass an jedem vibrierendem Gitarrenakkord ein Brocken feuchter Muttererde bebt. Andreas Borcholte

Maxïmo Park - "Our Earthly Pleasures" (Warp/Rough Trade)

Die neben Pete Dohertys Babyshambles einzige britische Band, die Schärfe und Niveau ihres Debüts halten konnte. Mit großer Leichtigkeit und Schmiss spielen sich Maxïmo Park auf "Our Earthly Pleasures" durch die Musik- und Kunstgeschichte, vermischen virtuos Philip Larkin, F. Scott Fitzgerald, Johnny Marr, russische Literatur und den traurigen Pariser Himmel. Mit "Books From Boxes", "Karaoke Plays" und "A Fortnight's Time" spielt die Gruppe aus Newcastle bereits sämtliche Stärken aus, doch "By The Monument" bleibt - auch musikalisch - der überwältigendste Song: Wenn der Protagonist beim Denkmal auf den Regen und das Mädchen, das nie mehr zurück kommen wird, wartet, fühlt man sich augenblicklich an den Polizisten aus Wong Kar-Wais "Days Of Being Wild" erinnert, der jeden Tag um Mitternacht an der Telefonzelle vergeblich auf einen ganz bestimmten Anruf hofft. "No more late night calls/ Where teardrops fall." So ist das Leben. Jan Wigger

Battles – "Mirrored"
(Warp/Rough Trade)

Kennen Sie die Szene in Alfonso Cuaróns phantastischen Film "Children of Men", in der Michael Caine dem verdutzten Clive Owen die Rockmusik der Zukunft vorspielt? Ohrenbetäubende Kakophonie mit enervierenden Schreien direkt aus der Folterkammer. Man muss ja aber nicht immer gleich so schwarz sehen. Battles, ein Musikerkollektiv aus Brooklyn, zu dem ehemalige Mitglieder von Avantgarde-Rockbands wie Helmet und Lynx gehören, hat in diesem Jahr ein Debüt-Album vorgelegt, das nach Zukunft klingt ohne sich allzu schmerzhafter Dystopie hinzugeben. Geradezu fröhlich klingt es, wenn in "Tonto" ein nur der Klangfarbe dienendes Micky-Maus-Jodeln auf dem gummiartig hin und her springendem Beat tanzt. Doch die Leichtigkeit ist nur gespielt. Davon ausgehend, dass die Zukunft digital ist, führen Battles das Genre des sogenannten Mathrocks an seine Grenzen: Jeder Akkord, jede Synkope, jedes Schlagzeug-Loop folgt scheinbar einer mathematisch ausgetüftelten Formel, jede übereinandergelagerte Sound-Schicht gehört zu einem festen Muster, dass sich wie ein Prisma in immer neuen Farben und Facetten zeigt, je öfter man die Platte hört. Das alles nicht angestrengt und gekünstelt, sondern wie eine luftige, manchmal absurd anmutende Synthese aus Rock, Elektronik und Jazz klingen zu lassen, darin besteht die Kunst von Battles. Wenn der Begriff nicht so belegt wäre, könnte man das glatt progressiv nennen. Das gefälligere (und nicht viel schlechtere) Album aus diesem Genre kommt natürlich in diesem Jahr von LCD Soundsystem. Andreas Borcholte

The Good, The Bad & The Queen – "The Good, The Bad & The Queen"
(Parlophone/EMI)

Die meistgehörte, vielleicht auch meistgeliebte Platte des Jahres 2007. Bei jedem einzelnen nochmaligen Gegenvergleich wird klarer, wie geschmackvoll, tiefsinnig und in höchstem Maße angenehm diese Platte von Damon Albarn (Blur), Paul Simonon (Ex-Clash), Simon Tong (Ex-Verve) und Tony Allen (Ex-Fela Kuti) doch ist. Zu jederzeit stimmigem Instrumentarium singt Albarn herzerweichend vom Großbritannien der letzten fünf, zehn, womöglich auch fünfzig Jahre, von fallenden Herbstblättern, grünen Feldern und den Dingen, die ausschließlich im Traum sichtbar werden. Auf "The Good, The Bad & The Queen" ist exakt die Musik, die man noch machen kann, wenn man, wie Albarn, fast 40 ist, eine Engelsstimme hat und mit dem besten Blur-Album "13" pünktlich zum Ende des letzten Jahrtausends den Brit-Pop ermordet hat. Ein raffinierter, ganz und gar unspektakulärer Wohlklang, hier sitzt jeder Ton an der richtigen Stelle. Und mit "The Bunting Song", "The Northern Whale" oder "Nature Springs" gibt es ein paar der bisher tröstlichsten Albarn-Stücke. Unser allerliebster Schnösel, hands down. Jan Wigger

Das war's schon? Keineswegs! Lesen Sie Teil zwei der "wichtigsten CDs des Jahres" am kommenden Dienstag bei SPIEGEL ONLINE!


Wertung: Von "0" (absolutes Desaster) bis "10" (absoluter Klassiker)

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Seite 1
icaros, 19.06.2007
1.
Paradise Lost - Icon: zum ersten Mal seit Jahren wieder ein amtliches Album der britischen Gothic Metal Legende. Hier regiert wieder der Metal und nicht mehr die Anbiederung an das Mainstreetpublikum. Die Songs der neuen Platte können es fast mit den alten Klassikern aufnehmen. Megadeth - United Abominations: Für Megadeth gilt ähnliches wie für Paradise Lost, das beste Album der Band seit Jahren, Dave Mustaine will es wohl noch mal wissen. Samael - Solar Soul: Die Schweizer sind ein Garant für hochklassigen, dunklen Metal mit Elektroschlagseite Akercocke - Antichrist: völlig abgefahrener Mix aus Black Metal, Grindcore, Death Metal, Ambient und ruhigen Passagen. Sicher keine Musik für Gelegenheitshörer aber es lohnt sich Zeit für das Album zu nehmen. Trelldom - Til Minne...: So war Black Metal ursprünglich gemeint: Roh, kalt, atmosphärisch, schwarz. Die Blaxk Metal Scheibe der Woche Und zum Schluß noch was anderes als Metal: Manes - How The World Came To An End: Dunkle Sounds zwischen Avantgarde, Ambient, Elektro mit unterschwelligem Gothictouch. Die Norweger scheuen sich auch nicht davor französischen Rap einzubauen. Funktioniert erstaunlicherweise. Sollte man als Hörer ohne Scheuklappen mal gehört haben.
ralfons 19.06.2007
2.
Zitat von icarosParadise Lost - Icon: zum ersten Mal seit Jahren wieder ein amtliches Album der britischen Gothic Metal Legende. Hier regiert wieder der Metal und nicht mehr die Anbiederung an das Mainstreetpublikum. Die Songs der neuen Platte können es fast mit den alten Klassikern aufnehmen. Megadeth - United Abominations: Für Megadeth gilt ähnliches wie für Paradise Lost, das beste Album der Band seit Jahren, Dave Mustaine will es wohl noch mal wissen. Samael - Solar Soul: Die Schweizer sind ein Garant für hochklassigen, dunklen Metal mit Elektroschlagseite Akercocke - Antichrist: völlig abgefahrener Mix aus Black Metal, Grindcore, Death Metal, Ambient und ruhigen Passagen. Sicher keine Musik für Gelegenheitshörer aber es lohnt sich Zeit für das Album zu nehmen. Trelldom - Til Minne...: So war Black Metal ursprünglich gemeint: Roh, kalt, atmosphärisch, schwarz. Die Blaxk Metal Scheibe der Woche Und zum Schluß noch was anderes als Metal: Manes - How The World Came To An End: Dunkle Sounds zwischen Avantgarde, Ambient, Elektro mit unterschwelligem Gothictouch. Die Norweger scheuen sich auch nicht davor französischen Rap einzubauen. Funktioniert erstaunlicherweise. Sollte man als Hörer ohne Scheuklappen mal gehört haben.
"In Requiem" heißt das neue Album, hört sich allerdings endlich wieder an wie "Icon" :) Eigentlich wäre ja Devildriver - Last Kind Words mein Album der Woche geworden. Amtlicher Thrash, der einem schön die Birne freibläst. Aber dann bin ich im CD-Regal doch nicht an den Re-Releases der Blind-Guardian-Alben von "Battalions of Fear" bis "Nightfall in Middle Earth" vorbeigekommen. Alle Alben sind digital remastered - die ersten beiden ("Battalions of Fear" und "Follow the Blind") sind komplett neu abgemischt - und mit neuen Liner-Notes und Bonus-Tracks versehen. Wer also einige der BG-Klassiker noch nicht sein eigen nennt: Zugreifen! :) Anfangen sollte man vielleicht beim '92er "Somewhere Far Beyond", sozusagen ein Zwischenschritt zwischen den alten, speed-lastigeren Alben und dem neuen, progressiveren Zeug.
icaros, 19.06.2007
3.
Zitat von ralfons"In Requiem" heißt das neue Album, hört sich allerdings endlich wieder an wie "Icon" :) Eigentlich wäre ja Devildriver - Last Kind Words mein Album der Woche geworden. Amtlicher Thrash, der einem schön die Birne freibläst. Aber dann bin ich im CD-Regal doch nicht an den Re-Releases der Blind-Guardian-Alben von "Battalions of Fear" bis "Nightfall in Middle Earth" vorbeigekommen. Alle Alben sind digital remastered - die ersten beiden ("Battalions of Fear" und "Follow the Blind") sind komplett neu abgemischt - und mit neuen Liner-Notes und Bonus-Tracks versehen. Wer also einige der BG-Klassiker noch nicht sein eigen nennt: Zugreifen! :) Anfangen sollte man vielleicht beim '92er "Somewhere Far Beyond", sozusagen ein Zwischenschritt zwischen den alten, speed-lastigeren Alben und dem neuen, progressiveren Zeug.
Oh, das mit dem "Icon" war wohl ein freudscher Verschreiber... Ja, die alten Blind Guardian Sachen waren durchaus hörenswert. Die neueren finde ich persönlich etwas zu überladen, aber das ist natürlich Gerschmackssache. Aber da wir gerade bei Re-Releases sind: Von Edge Of Sanity gibt es demnächst eine Best Of. Eingefleischte Schweden-Death Fans werden zwar eh schon alles der Pioniere haben, wer aber nur im entferntesten auf Melodic Death Metal steht kann nun eine Bildungslücke schließen.
Sonic Nurse, 19.06.2007
4. Musikalische Bandbreite
Der musikalische Geschmack der meisten User hier ist eben genau wie erwartet: Metal, Metal und Metal (in allen möglichen Richtungen und Ausprägungen, ist mir schon bewusst, daß es da ganz viele Kategorien gibt.) Und da werfe nochmal jemand Wigger und Borcholte vor, ihr Geschmack sei einseitig. Tss.
ralfons 19.06.2007
5.
Zitat von Sonic NurseDer musikalische Geschmack der meisten User hier ist eben genau wie erwartet: Metal, Metal und Metal (in allen möglichen Richtungen und Ausprägungen, ist mir schon bewusst, daß es da ganz viele Kategorien gibt.) Und da werfe nochmal jemand Wigger und Borcholte vor, ihr Geschmack sei einseitig. Tss.
Falls die Sysops den neuen Thread eröffnet haben, um die alten Streitereien aus dem Weg zu räumen, hat das ja prima geklappt ;) Zurück zum Thema: Ich finde, dass "A Night at the Opera" die einzig wirklich schlechte Blind-Guardian-Scheibe war, "A Twist in the Myth" ist wieder deutlich eingängiger geworden. Ich freu' mich auf jeden Fall schon auf einige neue Songs in Wacken :) Edge of Sanity sind bei mir allerdings 'ne echte Bildungslücke. Ich kenne zwar einige Songs, hab' aber nie ein Album von ihnen besessen. Von daher hab' ich die Best-Of mal auf meinem Einkaufszettel notiert.
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