Tocotronic - "Schall & Wahn"
(Vertigo/Universal, erschienen im Januar)
Ich gebe zu, ich habe mich geirrt: Als ein guter Geist mir irgendwann im Sommer des Jahres 1995 das auf dem Lande nicht erhältliche Tocotronic-Debüt "Digital ist besser" aus dem Hamburger Karstadt mitbrachte, hätte ich meinen Fön darauf verwettet, dass keiner der drei Depri-Typen auf dem schlecht fotografierten Cover sich jemals auf Platz eins der deutschen Album-Charts wiederfinden wird. Nun ist es, nach mehreren vorsichtigen Annäherungen, doch noch passiert, und es ist davon auszugehen, dass Songs wie "Gift", "Das Blut an meinen Händen" oder "Im Zweifel für den Zweifel" der letzte Hauch von Subversion auf dieser immer irrelevanter werdenden Spitzenposition sein werden. Dass es innerhalb des tocotronischen Gefüges noch nie mit rechten Dingen zuging, zeigt die Tatsache, dass Dirk von Lowtzows Liebe zu Neil Young aus ganz und gar rätselhaften Gründen von den restlichen Bandmitgliedern nur widerwillig oder gar nicht geteilt wird. Zum exquisiten "Weld"-Gedächtnisstück "Eure Liebe tötet mich" hat es dennoch gereicht: Hier sind die schlingernden, lauernden, frei mäandernden Gitarren, die im letzten Teil des Songs alles zerfräsen, ganz nah am Ohr: "Die Flaggen wehen im Licht/ Auch wenn ihr bereut/ Ich verzeihe euch nicht." Das kurze "Bitte oszillieren sie" ist dann die angenehm nervtötende Schnapsidee, die vielleicht nur jenen Menschen einfallen kann, die nicht "mit beiden Beinen im Leben stehen" (würg), die keinem Karriereplan verpflichtet sind: "So sanft ist das Gesetz/ Bitte legen sie nichts fest/ Das Regime ist so bescheiden/ Sie müssen nichts entscheiden." So bleiben Tocotronic die Band, deren Launen uns durchs Leben schleifen. Bumms! Bi! Halali!
Jan Wigger
MGMT - "Congratulations"
(Columbia/Sony, erschienen im April)
Bewertet man an dieser Stelle ein Album ungewöhnlich hoch, kommt es vor, dass enttäuschte Rezipienten nicht nur von einer "Kritikerplatte" sprechen, sondern im schlimmsten Falle argwöhnen, man hätte die Songs wohl selbst eingespielt, um einerseits so etwas wie
catchiness zu verhindern, andererseits mit möglichst vielen Verweisen jonglieren zu können. Ein Freund von mir, der professionell Poker spielt und sich eigentlich recht gut auskennt im Dickicht der Veröffentlichungen, skippte "Congratulations" einmal durch und verwies gleichgültig auf das Fehlen von "Hits", wie sie zum Beispiel Unheilig oder die Killers hätten. Hits wie "Kids", "Electric Feel" und "Time To Pretend" also, die schon nach zwei Monaten kein Mensch mehr hören konnte und die Gott sei Dank in guten Clubs schon lange nicht mehr aufgelegt werden. Die Frage, die Andrew VanWyngarden und Ben Goldwasser auf dem irren, weitverzweigten, durchtriebenen, anrührenden und - ja, doch - verdammt eingängigen "Congratulations" stellen, ist vielmehr: Welcher Song ist hier eigentlich kein Hit? Dass andere dieses absichtslose Freak-Pop-Meisterwerk, das mit "Siberian Breaks" auch den Song des Jahres 2010 stellt, Gerüchten zufolge mit Füßen traten, war tragisch und komisch zugleich: "Electro-pop stars MGMT are under pressure from their record label to change their musical style following the release of their last album 'Congratulations'". Mit Verlaub, Herr Plattenfirma, sie sind ein Idiot.
Jan Wigger
LCD Soundsystem - "This Is Happening"
(Parlophone/EMI, erschienen im Mai)
Im Videoclip zu "Drunk Girls", einer bitterbösen (und erschreckend oft falsch verstandenen) Hymne gegen Spring-Break-Partys und verschwitzte Burschenschaften-Abende, wird James Murphy, Kopf und einziges festes Mitglied des LCD Soundsystems, von einer Horde Männern in weißen Overalls mit lächerlichen Tiermasken malträtiert. Es sind groteske Variationen der "Droogs" aus "A Clockwork Orange", die trotz ihrer äußerlichen Harmlosigkeit jede Menge Terror ausüben und dem Musiker mit körperlicher Gewalt zu verstehen geben, wie sie sich dessen Performance vorstellen. Ein Popstar als Prügelknabe. Der lustige Clip macht deutlich, wie sich Murphy nach dem überraschenden Erfolg seiner ersten beiden Alben gefühlt haben muss. Sein intellektuelles, unterkühltes Hybrid aus Punkrock und Elektrobeat troff vor Ironie und Verachtung für die Mechanismen der Musikindustrie und die Dummheit moderner Charts-Musik. Und dennoch wurde der etwas übergewichtige New Yorker von Medien und Musikszene als neuer Superstar gefeiert. "This Is Happening" erschien dann dieses Jahr mit der folgerichtigen Ankündigung, die letzte Veröffentlichung von LCD Soundsystem zu sein: Bevor einen die Maschine einverleibt und als Zombie wieder ausspuckt, zieht man lieber die Reißleine. Oder auch, man verzeihe die Floskel: Wenn's am schönsten ist, soll man gehen. Denn das dritte (und wohl letzte) Album Murphys ist gleichzeitig sein bestes. Befeuert von mehr oder minder versteckten Zitaten seiner Idole Brian Eno und David Bowie kreuzt er den Artrock der Siebziger mit der Dance-Avantgarde der Nuller Jahre. Höhepunkt ist seine neunminütige Radiosender- und Plattenindustrie-Demütigung "You Wanted A Hit", in der er gleich im Anschlusssatz mit trotzigem Gestus auftrumpft: "... but maybe we don't do hits/ I try and I try/ It ends up feeling kind of wrong". So lässt sich Anti-Attitüde kongenial in Hipster-Bewunderung und - natürlich - klingende Münze verwandeln. Gleichzeitig finden sich einige der persönlichsten und intimsten Songwritermomente auf "This Is Happening", etwa wenn Murphy im zappeligen "One Touch" den Horror des ersten Dates auffächert oder in der wundervollen Achtziger-Jahre-Hommage "I Can Change" barmt: "I can change/ If it helps you falling in love". Oder wenn er sich in der Antihelden-Ode "All I Want" über einer Variation des "Heroes"-Riffs nur noch danach sehnt, von einem der Girls mit nach Hause genommen zu werden. "This Is Happening" ist die Rache der Nerds an all den leeren Popstar-Posen der
Jocks und Machos: So uncool, dass es hot ist. Oder besser gesagt: Mark Zuckerberg müsste eigentlich James Murphys größter Fan sein.
Andreas Borcholte
Three Mile Pilot - "The Inevitable Past Is The Future Forgotten"
(Temporary/Cargo, erschienen im Oktober)
Todeswalzen, Donnervögel, falsche Heilige, schwarze Seelen, aschfahle Herzen und ein Wind, der erst dann nicht mehr weht, wenn alle Uhren auf Untergang stehen. Three Mile Pilot, ein Jahrzehnt lang verschwunden und in gemäßigtere Formen übersetzt (Pinback, Black Heart Procession) verkünden wieder den Tag des jüngsten Gerichts. Von der schieren Wucht und Verrohtheit des knochigen Debüts "Nà Vuccà Dò Lupù" hatten sich San Diegos fliegende Mühsalshändler immer weiter entfernt, um nun, mit dem seltsam gelassenen "The Inevitable Past Is The Future Forgotten" einen weiten Raumklang zu erreichen, den man beinahe Pop nennen könnte, wäre Pall Jenkins nicht ein Apologet des halbleeren Glases geblieben: "I should have run away that day/ I should have gone away/ I could have run a thousand miles/ I could have got away/ I could have escaped." Das Stück heißt "What I Lose" und immer, wenn ich es höre, muss ich an das Schneetreiben und den jungen Maler aus Satoshi Kons "Millennium Actress" denken, der ja auch stets glücklich und traurig zugleich stimmt. Doch Kon wird nie wieder einen Film drehen können, und Jenkins nicht mehr an die Gabelung des Weges zurückkehren. Entscheidend sind deshalb die Worte des Auswegs, mit denen diese Platte endet: "I'm comin' home to stay/ It's something that I heard and I can't seem to forget/ The last words that were said/ cause I miss the sun." Mehr Licht!
Jan Wigger
John Grant - "Queen Of Denmark"
(Cooperative Music/Universal, erschienen im April)
2010 war das Jahr, in dem der Folk- und Softrock der Siebziger vielfach wiederauferstand: Von Ariel Pinks Haunted Graffitis verspielter Verpeiltheit bis zum mediterranen
peaceful easy feeling von Incarnations. Keine Band aber brachte den kitschig-innerlichen Sound derart anrührend auf den Punkt wie Midlake, deren aktuelles Album "The Courage Of Others" eigentlich auch in diese Bestenliste gehörte. Auf John Grants "Queen Of Denmark" spielen die Texaner nur die Hintergrundmusik, doch das Solo-Debüt des Czars-Sängers wäre nur halb so gut ohne ihre elegischen Hymnen. Zusammen haben die empfindsamen Midlake und der von schwerem Drogenmissbrauch und Suizidgefahr gezeichnete Grant eines der besten und gleichzeitig beunruhigendsten Rock- und Pop-Alben des Jahres geschaffen. "When I woke up today, the air was very strange/ I couldn't feel my skin and there was evil in my bones/ I tried to speak but found that I didn't have a voice/ It was a prison like the one you would find in the twilight zone", singt Grant in "Sigourney Weaver", dem Song, der mit dem irren Refrain " And I feel just like Sigourney Weaver/ When she had to kill those aliens" weitergeht. Um den Schrecken kurz nach dem Aufstehen geht es auch in "Chicken Bones": "When I got out of my bed this morning/ I noticed that it didn't have a right side/ And my head feels like it's filled to the top/ With pop rocks and cyanide". Durchaus munter und humorvoll nimmt uns Grant mit auf eine Reise durch sein zynisches, dunkles Selbst, erzählt von dummerhaftigen Sportlertypen auf dem Schulhof und den Qualen seiner Tage als schwuler Teenager in
square America. Und immer dann, wenn man gerade überzeugt ist, von Grant verschaukelt zu werden, folgt ein so umwerfend trauriges Lied wie "Queen Of Denmark" oder "It's Easier", das die tiefsten Abgründe des Sängers offenbart: "But it's easier for me, to believe that you are lying to me, when you say you love me", singt er darin. Selten in diesem Jahr wurde es einem so leicht gemacht, Schmerzen zu ertragen.
Andreas Borcholte
Teil zwei der wichtigsten CDs des Jahres