Abgehört 2011 Die wichtigsten CDs des Jahres

Was ist Bommsen Böff? Warum stehen Destroyer mit Bryan Ferry am Pool? Wie verwandelt Bon Iver Kitsch in Glück? Und wer ist eigentlich diese gnadenlose Mutter? Andreas Borcholte und Jan Wigger präsentieren die zehn wichtigsten CDs des Jahres und ihre persönlichen Top-Songs aus 2011. Heute: Teil zwei!


Destroyer - "Kaputt"
(Dead Oceans/Cargo, erschienen im Juni)

Natürlich erinnern Sie sich nicht an Bryan Ferrys Album "Another Time, Another Place", ist ja auch schon bald 30 Jahre alt. Auf dem Cover ist Ferry zu sehen, der damals noch gar nicht so alte, aber dennoch schon reichlich soignierte Dandy, am Pool, im weißen Dinnerjackett mit Fliege, einen Zigarettenstummel lässig zwischen zwei Finger geklemmt, im Blick ein Alleswissen, Alles-Gesehen-Haben, das jeden Betrachter in die Knie zwang: Die Party war over, aber dieser Mann hatte überlebt. So müssen Sie sich Dan Bejar vorstellen, wenn Sie "Kaputt" hören, die neunte Platte des New-Pornographers-Mitglieds. Bejar ist Amerikaner und sieht überhaupt nicht aus wie Bryan Ferry, geschweige denn wie ein Dandy, schon eher wie ein Gitanes qualmender Chansonnier aus der Bretagne, aber dennoch ist es ihm gelungen, diese vorweggenommene Fin-de-siècle-Stimmung, die von Mitte der Siebziger bis Anfang der Achtziger im Pop herrschte, wiederzubeleben. Von Ignoranten als Porno-Musik verlacht, zelebriert er auf dieser erstaunlichen Platte den schwülstigen Edelpop von Roxy Musics "Avalon", von David Bowies "Young Americans", von späten Hall & Oates, frühen Pet Shop Boys und Sades "Diamond Life": Die Streicher sülzen, ein Fretless-Bass macht im Hintergrund humptydumpty - und Bejar haucht darauf Geschichten, die davon erzählen, wie es sich anfühlt, wenn das Leben wie eine träge Wolke Zigarettenrauch an einem vorbeizieht. Man denke: Yacht-Rock, wie er vielleicht geklungen hätte, wenn man Michael McDonald in die Besenkammer gesperrt hätte, gefesselt und geknebelt. Im Titeltrack singt Bejar: "Wasting your days/Chasing some girls alright/Chasing cocaine/Through the backrooms of the world alright", später dann: "Sounds, Smash Hits, Melody Maker, NME/ All sound like a dream to me". Und in "Suicide Demo For Kara Walker" vertont er die Stichworte, die ihm die US-Künstlerin Walker aus dem Kosmos ihrer Beschäftigung mit Rassen- und Geschlechterkonflikten aufgeschrieben hat: "New York City just wants to see you naked (and they will)/ Though they'd never say so". Unter dem Deckmantel unaufdringlicher Muzak entsteht so nach und nach ein Kommentar zur Dekadenz von heute. Und Bryan Ferry steht immer noch lakonisch lächelnd am Pool. "I wrote a song for America/They told me it was clever", singt Dan Bejar in einem seiner Songs. Ja, schrecklich schön und clever. Andreas Borcholte

Bon Iver - "Bon Iver"
(4AD/Beggars Group/Indigo, erschienen im Juni)

Justin Vernons zweites Album war vielleicht die Platte, die Leslie Feists "Metals" hätte sein müssen, bedenkt man die Erwartungen, die auf der Kanadierin nach "The Reminder" lasteten. Doch Feists Album war so klirrend kalt und abweisend, wie der Titel angedeutet hatte. Schön auch, aber nicht den Nerv der Zeit treffend. In diesem Jahr der Extreme und Unsicherheiten, gerüttelt von Naturkatastrophen und politischen Umwälzungen, waren es eher Männer, die die größte Innerlichkeit boten, die ersehnte Ecke zum behaglichen Verkriechen. Die wärmende, spirituelle Kraft von Soulmusik in einen anderen, nicht afroamerikanischen Kontext zu übersetzen, ob Folk oder Elektronik, das versuchten viele in diesem Jahr. James Blake bediente dieses Bedürfnis ebenso wie Iron & Wine, Washed Out und eben Bon Iver, dem nach seinem spröden Debütalbum "For Emma, For Ever Ago" ein veritabler Quantensprung gelang. Worüber Vernon singt, ist opak und verschlüsselt, letztlich ist es aber auch nicht wichtig. Der Sänger aus Wisconsin hat sich aus seiner Blockhütte im winterlichen Niemandsland herausgearbeitet, er ging hinaus an die frische Luft, ließ Frühling in seine kargen Melodien, alles begann zu atmen. So wie im Opener "Perth", das ganz behutsam beginnt, sich dann aber binnen weniger Minuten zu einem Crescendo öffnet. Ähnlich wie beim Debüt der Fleet Foxes spürt man förmlich, wie der Schnee schmilzt und grüne Wiesen freilegt, wenn man nur Vernons hohem, seelenvollen Gesang zuhört, der jedoch nichts Reines, Engelsgleiches hat, sondern, anders als bei den Foxes, eher wie die Stimme eines weisen Waldgeists klingt, der Mensch und Natur in Einklang bringen will. Die Musik dazu ist voller offener Räume, es hallt, es zirpt, ein Piano setzt zaghaft Akzente, Geräusche schwirren verspielt, aber nie planlos umher, alles hat seine Ordnung. Bis Vernon am Ende sogar wagt, seinen nun gebannten Zuhörern den puren Kitsch als die absolute Wahrheit vorzusäuseln: Das Schlussstück "Beth/Rest" klingt wie eine Schnulze von Peter Cetera oder Richard Marx aus den Achtzigern. In Bon Ivers Kontext jedoch hält dieser Schmonz für den, der sich einlässt, pures, unschuldiges Shangri-La bereit. Keeps the vampires from our door. Andreas Borcholte

Mutter - "Mein kleiner Krieg"
(Die Eigene Gesellschaft, erschienen im Oktober)

Nach unzähligen, viel zu wenig besungenen und viel zu verkrampft rezipierten Sentenzen des Universalgenies Max Müller beginnt "Mein kleiner Krieg" nun tatsächlich mit genau den 44 klaren, einfachen und vollkommen logischen Wörtern, die man Müller schon immer und zu jeder Zeit zugetraut hatte: "Ich habe nichts zu sagen/ Mein Herz ist kalt und leer/ Ich sitze alles aus/ Doch langsam kann auch ich nicht mehr/ Ich will erzählen/ Dir vermitteln/ Wie gut du selber bist/ Von dem schönen Schein nach außen/ Und dem dummen Sein nach innen." Klappe zu, Affe tot, alles gesagt, doch wie jede Mutter-Platte ist natürlich auch "Mein kleiner Krieg" eine Qual, ein Elend, eine Marter. Weitermachen? Aufgeben? Die anderen noch schnell mit nach unten ziehen? Oder einfach nur abstumpfen? Mutter konfrontieren dich unnachgiebig mit deiner eigenen Nutzlosigkeit, deiner Scham, deinem Verlangen, deiner verfickten Angst und dem vollkommen verständlichen Wunsch, ein Regenwurm sein zu wollen: "So ein Würmchen hat kein Blut/ So ein Würmchen hat kein Herz/ Drum fühlt ja so ein Regenwurm/ Auch keinen Liebesschmerz." So aber leben wir in einer Welt, in der Bosse (Typ: "Harte Schale, weicher Kern", das mögen die Frauen) an zwei Abenden die Große Freiheit ausverkauft und Pohlmann Legionen von Sachbearbeiterinnen sanft ins Surferparadies säuselt. Kill yourself or get over it. Jan Wigger

Robag Wruhme - "Thora Vukk"
(Pampa Records/Rough Trade, erschienen im April)

Was ist eine "Schmökelung"? Wo hat man ein gutes "Nitzwerk"? Was ist der German Clap? Hat der was mit dem Grillwalker zu tun - oder haben wir bloß den Bang in the Void nicht gehört? Und was zum Teufel ist Bommsen Böff? Deutsche Elektronikmusiker geben ihren Tracks in guter alter Krautrock-Tradition Namen, die lautmalerisch sein sollen, irgendwie urdeutsch und doch humorig, was natürlich ein Widerspruch in sich ist. Aber es ist ja auch ein Widerspruch, dass die Fortbewegung der elektronischen Musik, ob nun zum Tanzen oder nicht, größtenteils hierzulande initiiert wird, in der Heimat des Reißbrettpops und des Schenkelklopschlagers. Paul Kalkbrenner, Apparat, Modeselektor und viele mehr veröffentlichten dieses Jahr neue Alben, die meisten hervorragend. Umwerfend jedoch war nur eines: "Thora Vukk" des Jenaers Gabor Schablitzki alias Robag Wruhme. Schablitzki ist so etwas wie ein Veteran der hiesigen Elektro-Szene, tief verwurzelt im frühen House und Techno. Diese Genres spielen auch auf "Thora Vukk" eine große Rolle, doch auf diesem, seinem zweiten Album öffnet er sein bisheriges Spektrum weit in Richtung Pop, Ambient und Gruselfilmsoundtrack. "Bommsen Böff", was immer es heißen mag, zum Beispiel führt metallene, unheimliche Geräusche, die man aus Computerspielklassikern wie "Myst" zu kennen glaubt, mit einem Minimalbeat, der Quentin Dupieuxs "Flat Eric"-Phase wieder ins Gedächtnis ruft, mit offenen Räumen, in denen der ansonsten strenge, schnelle Beat ruht, in denen Zeit zum Atmen und Fühlen ist. "Wupp Dekk" macht das gleiche auf einem House-Beat, zu dem Schablinski immer wieder "Like it, like it, like it" raunt. In "Tulpa Olvi" bricht der klingelnde Bossa-Swingbeat plötzlich ab, um einem Call-and-Response-Spiel mit einem Kinderchor Raum zu geben. Und am "Ende" darf ein Knirps sogar noch "Tschüs Gabor" rufen. Wer sagt, dass Clubmusik nicht so warm und familiär wie ein Rama-Werbespot sein kann? "Thora Vukk" ist allerdings nicht so sehr ein Album für die Nacht, sondern eher für die wee hours im Morgengrauen, kurz bevor die Sonne aufgeht. Ähnlich wie bei "Dedication", dem aktuellem Album des Briten Zombi, scheinen sich die Tracks wie Geister aus dem Frühnebel über dem Fluss zu schälen, während man selbst am Ufer sitzt und fernen Echos lauscht. Und fröstelt. Und sich freut. Wie ein kleines Kind. Da bist du böff. Andreas Borcholte

The Devil's Blood - "The Thousandfold Epicentre"
(Ván Records/Soulfood, erschienen im November)

Ach, wie viele potentielle The-Devil's-Blood-Gutfinder ließen sich auch anlässlich der zweiten Platte "The Thousandfold Epicentre" wieder von der Tatsache abschrecken, dass man erstens ein antikosmisches Satanisten-Boot-Camp durchlaufen und zweitens bis zum 6. 6. 2016 jeden Morgen nach dem Aufstehen als erstes die Worte "I call your name - DEVIL!" aufsagen muss, bevor man endgültig dem beschmutzten Zirkel des Lichts angehört. Kleiner Witz, war dann ja doch nicht so. Eigentlich reicht eine Vorliebe für Roky Erickson, Queen, Wishbone Ash, Black Widow, Dario Argento, großkalibrige Revolver, The Shadows, Dope, Ritalin, Rituale, tote Ziegen, atemberaubende Gitarrenarbeit, Halbmondnächte, Reverb-Effekte, Ambient ("Everlasting Saturnalia"!), "Der Kontrakt des Zeichners" und außergewöhnlich komplexes, fiebriges, lebensgefährliches Virtuosentum. Nein, Farida Lemouchi ist sicher nicht so tausendschön wie Alia O' Brien, aber Ván-Chef Sven Dinninghoff ist der Mann des Jahres, und Barca holt die Champions League. Amen. Äh, Verzeihung: Hail Satan! Jan Wigger

Teil eins der wichtigsten CDs des Jahres übersehen? Macht nichts: Hier nachlesen! Wir wünschen allen Abgehört-Lesern ein gutes neues Jahr. Die nächsten "wichtigsten CDs der Woche" gibt es am 10. Januar.

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Abgehört: Die wichtigste Musik der Woche


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insgesamt 16 Beiträge
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Seite 1
Ion 27.12.2011
1. nnmm
Zitat von sysopWas ist Bommsen Böff? Warum stehen Destroyer mit Bryan Ferry am Pool? Wie*verwandelt Bon Iver Kitsch in Glück? Und wer ist eigentlich diese gnadenlose Mutter? Andreas Borcholte und Jan Wigger*präsentieren die zehn wichtigsten CDs des Jahres und ihre persönlichen Top-Songs aus 2011. Heute: Teil zwei! http://www.spiegel.de/kultur/musik/0,1518,805896,00.html
Ich hlte das für Unsinn.Die wichtigsten CDs gibt es nicht.
kraftwerk05 27.12.2011
2.
Wen interessiert denn dieses einfältige Pop-Gedöns? Mir fehlt das Album Hot Sauce Committee Part Two von den Beastie Boys. Auf dem Olymp ist halt nur Platz für eine Sprechgesangs-Band und die B-Boys haben mal wieder auch dem Letzten klar gemacht, daß nur sie dort hingehören ;) Oder anders ausgedrückt: So eine Auswahl hängt halt immer vom Geschmack des Auswählenden ab. Vielleicht hört der kein Radio, schaut kein Privatfernsehen? Die Wahrscheinlichkeit, nicht von Lady Gaga "musikalisch" penetriert zu werden, ist dann ziemlich hoch.
KnoKo 27.12.2011
3.
"Musikexperten"? Und dazu zählen Sie sich auch, oder? Frau Gaga ist nur eines - und zwar eine begnadete Kopiererin. Aber wer Beastie Boys und Beach Boys nicht auseinander halten kann, der sollte zum Thema sowieso besser schweigen. PS: Sie sollten sich mal für einen Ihrer Accounts entscheiden.
Nevermeind 27.12.2011
4.
Musikexperten unter 50 wissen das ganz sicher, uebrigens auch solche ueber 70;-) Brian Wilson ist uebrigens immer noch aktiv. Mein persoenliches 2011-Album "I'm with you" von den Red Hot Chilly Peppers (aber wer unter 50 kennt die schon?)
aysnvaust 27.12.2011
5. Die scharfen Chillis...
...haben ihre beste Zeit hinter sich, das aktuelle Album war der Beleg (imho). Album des Jahres für mich: ganz klar - "Noonatak" von Dunn Gyllite. Kennt kein Schwein, trotzdem mega.
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